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aus Heft 41/2012 Frauen

Kurswechsel

Fritz Schaap (Interview)  Fotos: Andrew McConnell

Der arabische Frühling hat viel verändert – aber eigentlich nur für die Männer. Die Libanesin Joumana Haddad fordert eine echte Revolution: die Befreiung der Frauen.


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SZ-Magazin: Frau Haddad, es heißt, Sie seien die meistgehasste Frau des Libanon …
Joumana Haddad:
Ja, das sagt man. Aber es stimmt nicht wirklich, und ich hoffe auch, dass ich nicht wirklich die meistgehasste Frau des Libanon bin. Natürlich habe ich viele Feinde, das bringt die Arbeit mit sich, aber es gibt auch viele Menschen, die meine Arbeit schätzen. Und ich möchte – wie alle – geliebt werden. Aber es ist schon richtig: Es macht mir nichts aus, gehasst zu werden, wenn das der Preis ist, den ich zahlen muss, um zu tun, was ich tun muss, und um zu sagen, was ich sagen muss.

Treibt Wut Sie an?

Ja. Wut und Empörung. Es geht darum, nicht wie so viele Leute hier gleichgültig zu werden. Sie schwimmen mit dem Strom und kümmern sich nicht darum, was anderen passiert. Sie kümmern sich nicht darum, was mit den eigenen Rechten geschieht. Mich kümmert es. Und ich finde, jeden sollte es kümmern, auch wenn es bedeutet, dass man morgens aufwacht und in den Krieg ziehen muss. In diesem Teil der Welt zu leben heißt ständig kämpfen zu müssen.

Seit Jahren fordern Sie von den arabischen Frauen, sich zu erheben, zu emanzipieren. Aber die arabischen Völker haben sich ja erhoben. Etwa ohne die Frauen?

Kurz nachdem die Revolutionen im Januar 2011 ihren Lauf nahmen, habe ich Artikel darüber geschrieben, dass Revolutionen oft einen weiteren Niedergang der Frauenrechte mit sich bringen. Damals warf mir fast jeder – hier und in Europa – vor, ich sei eine unverbesserliche Pessimistin. In Italien nannte man mich eine Krähe. Ich habe damals nicht die Diktaturen verteidigt. Diktaturen müssen fallen. Ich habe nur gesagt, dass wir zwischen zwei Monstern wählen müssen: der Diktatur und dem religiösen Extremismus, der für Frauen fast noch gefährlicher ist als die Diktatur. Weil er patriarchalisch und frauenfeindlich ist.

Und doch gingen die Bilder demonstrierender Frauen um die Welt.

Ja, natürlich. In Ägypten und Tunesien haben wir gesehen, dass die Frauen Teil der Revolutionen waren, doch in der postrevolutionären Periode, als sich neue Strukturen geformt haben, als gewählt wurde, waren die Frauen fast verschwunden. Es schien beinahe so, als wären sie nur benutzt worden, um den Revolutionen Glaubwürdigkeit zu schenken, gerade im Westen. Als es um Veränderung ging, wurden die Frauen wieder außen vor gelassen, weil man sie nicht mehr brauchte. Was mich aber noch wütender macht, ist die Tatsache, dass die Frauen das akzeptiert haben. Nehmen wir Ägypten: Von den wenigen Kandidatinnen, die es bei der Parlamentswahl gab, warb die eine mit dem Konterfei ihres Mannes, eine andere mit dem Bild einer Rose.

Sie sehen keine Verbesserung?
Nein. Dieser sogenannte arabische Frühling ist eher ein letzter Winter. Hoffentlich. Wenn die Menschen, die jetzt die islamistischen Parteien wählen, irgendwann erkennen, dass das nicht die Veränderung ist, für die sie gekämpft haben. Aber man kann in der arabischen Welt nicht vom Autoritarismus zur Demokratie übergehen, ohne eine Phase des religiösen Extremismus zu durchlaufen. Denn all die Menschen, die unter den Diktaturen verfolgt wurden, haben Trost in religiösen Figuren gefunden. Die islamistischen Parteien wussten, wie sie sich selbst als Retter zu inszenieren hatten. Jetzt müssen sie sich bewähren, und sie werden dabei nicht gut wegkommen.

In den Siebzigerjahren waren verschleierte Frauen im Straßenbild Kairos die Ausnahme, in alten Filmen aus Ägypten gibt es Kuss- und selbst Bettszenen. Warum hat die Religion wieder so viel Bedeutung?
Ja, die Frauen trugen Miniröcke. Das ist heute alles anders. Als ich 2011 in Kairo war, wollte ich Frauen ohne Kopftuch finden. Es war schwierig. Man darf aber nicht vergessen, dass Frauen ohne Kopftuch oft belästigt werden, darum verschleiern sie sich erst recht. Einer Studie zufolge werden 98 Prozent der Frauen in Ägypten belästigt.

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Fritz Schaap

hat Joumana Haddad in Beirut an die Uni begleitet, wo sie Italienisch unterrichtet. Da legten zwei ihrer Studenten fast heimlich Briefe auf ihren Tisch, in denen sie ihr für ihren Mut dankten.

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