Anzeige

aus Heft 41/2012 Mann und Frau 1 Kommentar

Die ideale Projektionsfläche

Manchmal ist ein Traum am schönsten, wenn er einfach Traum bleiben darf. Darum kann für viele Frauen der perfekte Mann genau der sein, der nicht da ist.

Von Rebecca Casati  Fotos: dpa, afp




Man hört so häufig: »Das wäre aber ein Traummann!« Oder liest: Haben Sie Ihren Traummann noch nicht gefunden?

Der Mann, von dem ich nachts träume, ist damit jedenfalls nicht gemeint. Der ist ein Sniper, der mich in eine stolpersteingepflasterte Sackgasse verfolgt. Er ist ein Zwerg, der gar nichts sagt, nur guckt, wenn man ihn etwas fragt. Oder er trägt einen rötlichen Bart und erklärt mir, dass ich mein Abitur jetzt leider, leider, doch nicht bestanden habe.

Vielleicht habe ich in meiner Jugend zu viele Twin Peaks-Folgen gesehen und nicht genügend Bravo gelesen. Denn da lernte man ja spätestens, dass das was Tolles war, so ein Traummann, und dass man sich unbedingt einen zulegen müsste. Der aber, Voraussetzung Nummer eins, nicht in der Nachbarschaft leben durfte, da er ja eine viel wichtigere Funktion als Erreichbarkeit zu erfüllen hatte: Er war die Benchmark, an der sich die Jungs aus der Nachbarschaft messen lassen mussten. Damit man so den eigenen Durchschnitt anheben und sich nicht etwa aus Versehen oder Fantasielosigkeit an den nächstbesten Trottel vergeben würde.

Das steckt hinter der Idee des Traummannes: Nur so, mit diesem Referenzpunkt, kommt man voran mit der Auslese. Bloß: Die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse waren schon damals so sinnvoll wie die Ratschläge einer neidischen Freundin; nämlich bei näherer Betrachtung ungenau, kurzsichtig und irreführend wie nur was.

Die Jungs aus der Informatik-AG, die während jeder anderen Stunde als Informatik mit den Zahlenschlössern ihrer Lederkoffer herumhantierten, waren ausdrücklich keine Referenzpunkte. Auch wenn sie möglicherweise noch die nächsten siebzig Jahre zu emsig und zu verliebt sein würden, um einen zu betrügen, auch wenn sie Kinder aller Wahrscheinlichkeit nach bombig fänden, weil sie deren Spieltrieb nachvollziehen könnten, und auch wenn sie wahrscheinlich nur ein paar Jahre später Bill Gates für eine Milliarde Dollar ein Programm zur Früherkennung von Krebs verkaufen würden.

Dagegen wichtige, riesengroße Referenzpunkte: Hollywoodstars oder Musiker, die mit ein bisschen schief gucken oder leidend singen unanständig viel Geld verdienten. Und die einem selbstverständlich nibelungentreu sein würden, und mit Sicherheit auf Familie aus waren.

Referenzpunkte laut Bravo-Titelbildern waren Anfang der Neunziger: Den Harrow (wer?), Ralph Macchio (der aus Karate Kid) und Tom Cruise. Zwei in der Versenkung Verschwundene. Und ein dreimal Geschiedener.

Das mit dem Traummann kriegen wir trotzdem nicht korrigiert, im Gegenteil. Jahrzehnte später wird immer noch von ihm geredet. Die Kriterien, die er heutzutage erfüllen sollte, werden alle paar Monate in wichtigtuerischen Studien erfasst, meist steckt ein Partnervermittlungsbusiness dahinter.

Da wir ja mit ein paar Jährchen Erfahrung alle wissen, wie einzigartig und vom Zufall bestimmt die Faktoren bei der Auswahl unserer Beziehungen waren, müssten wir dazu eigentlich sagen: Nonsens. Geht ja gar nicht. Welche Studie sollte denn bitte das erfassen?

Stattdessen lesen wir wieder und wieder, aus welchen Attributen sich angeblich die Idealvorstellung der Frauen – unsere! – zusammensetzt. Sie klingen griffig, diese Attribute, überzeugend und zwingend, etwa zwei, drei Sekunden lang.

Frauen können viel besser, ohne Zögern und präzise, das irrationale Moment, den Impuls – und damit sich selber – beschreiben, der sie aus sechs identischen Welpen genau diesen oder jenen aussuchen lässt: Er kam so unbeirrbar direkt auf mich zu … Er ließ sich von den anderen gar nicht unterkriegen … Er saß nur in der Ecke, so rührend und schutzbedürftig, dass er mir leid tat … Er war der liebste … Er war der flauschigste … Er war der verspielteste … Er wich mir einfach nicht mehr von der Seite … Er roch so gut.

Anzeige

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Paul Hartmann (0) Ich wundere mich vor allem immer darüber, dass es solche Umfragen, bei denen dann ein 24-seitiger Kriterienkatalog herauskommt gefühlt quasi nie aus der anderen Perspektive gibt, also auf die Frage: Wie müsste ihre Traumfrau aussehen?

    Warum ist das so?