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aus Heft 42/2012 Die Gewissensfrage 2 Kommentare

Die Gewissensfrage

Ist es aus ökologischer Sicht vertretbar, immer zur frischesten Ware zu greifen?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

»Im Supermarkt wähle ich meist die Produkte mit der längsten Haltbarkeit- selbst wenn ich davon ausgehe, dass ich sie in den nächsten Tagen verbrauche. Die derzeitige Diskussion um den enormen Anteil an Lebensmitteln, der auf dem Müll landet, hat mich aber zum Nachdenken gebracht. Ist es legitim, weiter die frischesten Produkte zu kaufen? Oder soll ich eher zu Waren greifen, die bald ablaufen?« Hannes L., Köln





In der Frühzeit dieser Kolumne habe ich schon einmal eine ähnliche Frage beantwortet. Damals schrieb ich, dass man kaum verlangen könne, sich in einem Selbstbedienungsladen die schlechteren Sachen, etwa die angeschlagenen Äpfel am Obststand, herauszusuchen. Oder vor unterschiedlich frischen Milchpackungen die Augen zu schließen und den Zufall entscheiden zu lassen, welche man greift. Deshalb wäre es niemandem vorzuwerfen, dass er sich die frischeren Packungen nimmt. Allerdings habe ich damals schon vorgeschlagen, in den Fällen, in denen man weiß, dass man die Produkte gleich verzehren will, die früher ablaufenden zu nehmen, damit keine Lebensmittel weggeworfen werden müssen. Insofern muss ich meine damalige Antwort nicht widerrufen, würde aber heute, neun Jahre später, die Schwerpunkte anders setzen. Denn ich muss gestehen, damals war mir nicht bewusst, wie viele Lebensmittel tatsächlich auf dem Müll landen. Davon sind Waren, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, ein Teil, und den sollte man möglichst vermindern.

Viel entscheidender aber scheint mir die Grundeinstellung, die hinter all dem steht: zum einen nur makellose Lebensmittel zu akzeptieren, die Idealbildern entsprechen, zum anderen für sich stets das Optimum herauszusuchen. Diese beiden Haltungen führen im Zusammenspiel mit einem Marktgeschehen, in dem die Anbieter um die Gunst der Käufer konkurrieren, zu dem unfassbaren Ausmaß, in dem Lebensmittel an den verschiedensten Stellen der Produktions-, Handels- und Konsumkette weggeworfen werden. 

Deshalb wird man das Problem nicht lösen können, ohne an der Grundeinstellung anzusetzen. Lebensmittel sind nun einmal ein Naturprodukt mit der Bandbreite der Natur. Deshalb können sie nur dann so standardisiert und wunderschön im Regal liegen, wenn man alles, was von der Norm abweicht, aussortiert, also riesige Ausschussmengen akzeptiert. Das Gleiche gilt für den natürlichen und logischen Umstand, dass Lebensmittel altern, was aber nicht automatisch bedeutet, dass sie deshalb gleich schlecht oder ungenießbar werden, sondern nur manchmal etwas unansehnlicher und oft nicht mal das. Und für sich immer das Beste zu fordern oder herauszusuchen ist ohnehin eine negative Haltung, die es zu vermeiden gilt.

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Kommentare

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  • Alexander Brendler (0) @ Elisabeth Matzke. Ich muss ihnen leider widersprechen 61 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel stammen aus Privathaushalten, jeweils rund 17 Prozent entfallen auf Großverbraucher ? etwa Gaststätten, Schulen und Kantinen ? sowie auf die Industrie. Die übrigen 5 Prozent fallen im Einzelhandel an. Privathaushalte vernichten damit jährlich größtenteils noch genießbare Speisen im Wert von bis zu 21,6 Milliarden Euro. Pro Kopf der Bevölkerung entspricht das einer Summe von 235 Euro pro Jahr.
  • Elisabeth Matzke (0) Als Endverbraucher muss man sich um das Thema "Wegwerfen von Lebensmitteln", glaube ich, nicht so viele Gedanken machen. Mir selbst passiert es auch, dass ich mal einen Quark wegwerfe, weil er abgelaufen ist. Aber weil mir das ja auch im Geldbeutel weh tut, versuche ich, das zu vermeiden und sehe meinen Kühlschrank wöchentlich durchzusehen und meine Küchenschränke monatlich.
    Ich glaube jedoch, dass in Gastronomie und Handel selbst die meisten Lebensmittel weggeworfen werden. Leider habe ich hierzu noch keine Statistik gelesen. Wir wollen doch heute die Restaurants mit der fünfseitigen Speisenkarte. Da ist es doch nur logisch, dass da auch einiges im Müll landen muss. Zudem sind die Portionen oft viel zu groß. Reste dürfen nicht weiter verwendet werden, sondern müssen weggekippt werden, weil sonst Steuer anfällt.
    Im Handel ist es doch das Gleiche. Wir wollen die meterlangen Joghurtregale. Da ist doch auch klar, dass mal die ein oder andere Palette weggeworfen werden muss, weil sie nicht gekauft worden ist.
    Also ich meine, man kann das Problem auch von anderen Seiten betrachten. Der Privathaushalt ist nicht für alles verantwortlich. Und wenn ich mal einen Quark wegwerfe, so fällt das sicher zu den Mengen, die ein Restaurant wegwirft, nicht ins Gewicht.