Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München
Anzeige
Anzeige

aus Heft 44/2012 Außenpolitik

»Ein größenwahnsinniges Irrenhaus«

Seite 3: 15.45

Malte Herwig, Till Krause, Lars Reichardt (Interview)  Foto: Tim Barber; Porträts: Roderick Aichinger


15.45

Der Sänger Adam Green ist da. Mit Vollbart, Wuschelhaaren und Filzweste kommt er daher wie ein Hippie. Er ist in Deutschland berühmter als in seiner Heimat, keiner der Gäste scheint ihn zu kennen, obwohl er auch in Amerika eine Goldene Schallplatte bekommen hat - für 500.000 verkaufte Exemplare des Soundtracks zum Film "Juno", an dem er mitgewirkt hat.

Adam Green: Hallo zusammen, ich heiße Adam. Worum geht es gerade?
Gardner: Dass New York die großartigste Stadt der Welt ist.
Green: Ist sie das denn?
Gardner: Wo kommst du denn her, dass du so eine Frage stellst?
Green: Ich bin in einem Vorort von New York aufgewachsen, in Westchester.
Gardner: Tja, mein Freund, dann hast du wohl als Kind leider Pech gehabt. Wir haben uns eben drauf geeinigt, dass New York ein Super-Spielplatz ist. Mit Dinosauriern.
Green: Hey, Moment mal: Ich war als Kind ständig in New York, meine Mutter arbeitet im Museum of Natural History, ich bin quasi aufgewachsen mit den Dinos. Und als ich 17 war, sind meine Eltern zurück in die Stadt gezogen. Eine Menge guter Musikclubs hat zu der Zeit leider gerade zugemacht.
Brown: So wie zuletzt das »CBGB’s«, wo die ganzen großen Punkbands ihre ersten Auftritte hatten. Da ist heute, glaub ich, ein Klamottenladen drin.
Gardner: Oder hier im Meatpacking District: Da gab es mal einen Laden namens »The Cooler«, der war genial.
Green: Hey, ihr hättet mal vor zehn Jahren in dieses Viertel kommen sollen. Da gab es hier lauter Transvestiten und jede Menge rohes Fleisch. Das muss für euch Deutsche doch das Paradies sein. Wie St. Pauli in viel extremer.
Gardner: Zu Musik fällt mir hier vor allem Jazz ein, da ist New York immer ein Zentrum gewesen. Bei uns im »Waldorf Astoria« steht der alter Flügel von Cole Porter im Foyer.

Keiner trinkt Alkohol. Als sich ein Redakteur des »SZ-Magazins« ein Bier bestellt, schaut Amy Davidson etwas irritiert, aber sie muss ja auch bald wieder zurück in die Redaktion. Als wir in die Runde fragen: »Wer will etwas Interessanteres trinken als Wasser?«, bestellt Amy Davidson einen Kaffee.

SZ-Magazin: Wer wohnt denn heute so im »Waldorf Astoria«?
Gardner: Barack Obama und Touristen. Und so ziemlich alles dazwischen.
Green: Wie ist Barack Obama denn so?
Gardner: Ich habe ihn noch nie getroffen. Wenn er ins Hotel kommt, wird das meist ziemlich abgeschirmt, seine Sicherheitsleute sind strikt. Einmal bin ich mit dem Personalaufzug in die Etage gefahren, in der Michelle Obama einquartiert war. Und sofort kam ein Typ mit Pistole am Gürtel auf mich zu und hat mich gefragt, was ich hier zu suchen habe.
Green: Habt ihr eine Liste oder so, welche Prominente gerade bei euch im Hotel sind?
Gardner: Nein, die meisten Stammgäste erkenne ich auch so. Und Staatschefs kommen ja meistens mit einer ganzen Entourage, die kann man gar nicht verpassen.
Davidson: Heute sehen doch viele Milliardäre nicht mehr aus wie Milliardäre – wie unterscheidest du die von einem, der nur nach dem Weg fragen will?
Gardner: Das stimmt, vor allem Leute, die im Internet reich geworden sind. Die sehen aus wie Studenten, mit ihren Kapuzenpullovern. Man denkt: Hey, was will der denn hier? Und dann stellt sich heraus: Der ist so ein reicher Online-Typ. Früher hat man reiche Leute an ihrem Stil erkannt, an ihrem Auftreten, ihrer ganzen Art. Schon komisch: Heute, wo der Unterschied zwischen Arm und Reich so krass ist wie nie zuvor, sieht man es manchen Typen einfach nicht mehr an. Rein ästhetisch nähern sich die Gesellschaftsschichten also an, während sie in Wirklichkeit kaum mehr etwas gemeinsam haben.
Green: Typen wie du und ich könnten reich sein, während der mit dem dicken Auto vor der Tür in Wahrheit total verschuldet ist.
Gardner: Und das ist ja längst nicht alles – schau dir mal an, wie sich Amerika verändert hat. Noch vor 30 Jahren waren wir ein total verkrampftes Land. Und heute haben wir einen Schwarzen als Präsidenten, der die Homoehe gut findet. Das ist doch ein unglaublicher Schritt!
Brown: Na ja, Obama hat immerhin fast vier Jahre mit sich gerungen, ehe er sich traute, öffentlich für die Homoehe einzutreten. So mutig war das auch wieder nicht.

Rhonda Roland Shearer, Künstlerin, Sammlerin, Mäzenin, betritt den »Wine Room«. Klassisches Intellektuellen-Outfit: ganz in Schwarz, mit Perlenkette und dunkler Hornbrille.

Davidson: Ich muss gleich zurück in die Redaktion. Es geht in dieser Stadt ja irgendwie immer um Arbeit. Habt ihr noch eine Frage?

SZ-Magazin: Welche Spuren hat Obamas Amtszeit in New York hinterlassen?
Davidson: Viel Gutes natürlich, er hat die Bankenkrise wieder halbwegs in den Griff bekommen. Aber eins nehme ich ihm übel: Ich finde, wie auch viele andere New Yorker, dass er Chalid Scheich Mohammed und anderen Drahtziehern der Terroranschläge vom 11. September hier in der Stadt den Prozess hätte machen sollen, den Mördern von fast 3000 Menschen.
Green: Warum wird das nicht geschehen?
Davidson: Aus Angst vor weiteren Terroranschlägen. Und weil der Verkehr in Manhattan unter den Sicherheitsvorkehrungen zusammenbrechen würde. Alles sicher berechtigt.
Green: Träumt ihr eigentlich auch noch manchmal von den Twin Towers?
Gardner: Ich erinnere mich vor allem an die Totenstille in den U-Bahnen. Noch Wochen nach dem Anschlag. Keiner hat geredet, Kinder sind nicht herumgetobt wie sonst. Manchmal sind Menschen einfach so in Tränen ausgebrochen. Dann haben Fremde den Arm um sie gelegt und sie getröstet. Egal, wo ich hinkomme, sprechen mich die Leute immer noch auf den 11. September an, erzählen mir, wie sie den Tag erlebt haben. Green: Worüber kaum jemand spricht, ist der Geruch, der danach monatelang über der Stadt lag. Es hat überall verbrannt gerochen und wurde immer schlimmer, richtig ekelhaft.
Rhonda Roland Shearer: Wie ein Geist, der durch Manhattan spukt. Ich habe es noch jahrelang gerochen, jetzt nicht mehr.

Der vorletzte Gast, der Schriftsteller Darryl Pinckney, betritt das Zimmer, mit Hut und breitem Lächeln. Als wir ihn zu unserem Interview eingeladen haben, hat er sofort geantwortet: Ich komme gern – und lasst mich raten: Es geht um Obama? Pinckney hat ein Buch über seine Jugend als wohlhabender Schwarzer geschrieben und wenn er lacht (was er gern tut), sieht er dem Präsidenten nicht unähnlich.

Gardner: Hallo! Wir reden gerade vom 11. September.
Darryl Pinckney: Ich setze mich erst mal.
Gardner: Ich glaube, nichts hat die Stadt so verändert wie dieser Anschlag. Ich hab mich noch Wochen später kaum getraut, mit meinen Freunden ein Bier trinken zu gehen. Da war immer die Frage: Dürfen wir das jetzt wieder? Dürfen wir Spaß haben? Vorher war die Stadt ein größenwahnsinniges Irrenhaus, überall Obdachlose, dauernd laute Partys auf den Straßen. Was der damalige Bürgermeister Rudy Giuliani mit seinem harten Durchgreifen gegen jede Art von Lärm und Kriminalität versucht hat, hat der 11. September dann vollbracht: New York wurde zahm.
Davidson: Das stimmt, so ein Trauma krempelt eine Stadt ziemlich um. Ich wohne ganz in der Nähe von Ground Zero. Und ich vermisse die Türme. Ich fand sie wunderschön.
Shearer: Und sie haben der Stadt etwas sehr Wichtiges gegeben: Orientierung. Egal, wo man war: Man konnte sie fast immer sehen und wusste dann, wo Süden ist.
Brown: Ich kenne die Büros in den alten Zwillingstürmen sehr gut – und was soll ich sagen: Sie waren furchtbar. Eng, stickig, keiner hat dort gern gearbeitet. Heute werden die Türme verklärt, aber als sie noch standen, hatten sie keinen guten Ruf.
Pinckney: Die Hafenbehörde, der das World Trade Center gehörte, konnte die Büros nur schwer vermieten.
Davidson: Also, ich habe nur gute Erinnerungen an die Türme. Ich habe sogar meinen Abschlussball im Restaurant dort oben gefeiert. Das ist ein gutes Schlusswort. Auf Wiedersehen, und viel Spaß noch beim Gespräch, ich muss leider zurück in die Arbeit.
Shearer: Die Inkompetenz der Behörden war unglaublich, sie waren schlecht vorbereitet. Anfangs gab es nicht mal Wasser oder Atemschutzmasken.
Pinckney: Und Bürgermeister Giuliani war nur deshalb da, weil sein eigenes Büro ausgebombt war. Er konnte nirgendwo hingehen, deshalb trieb er sich da rum.
Shearer: Er wollte mit diesem giftigen Zeugs nichts zu tun haben. Ich war jedenfalls mit all den Rettungsleuten da unten in den Trümmern des World Trade Center und habe mit ansehen müssen, wie sie Tausende menschliche Überreste in roten Plastikhüllen weggeschafft haben. Als ich dann einen Lieferanten eines China-Restaurants gesehen habe, der Essen in einer roten Plastiktüte brachte, wurde mir übel. Ich kann die Dinger erst jetzt langsam wieder sehen, ohne an tote Menschen zu denken.
Pinckney: Damals hing viel davon ab, wie schnell New York aufgeräumt werden konnte. Das hat mich an all die Bücher über die Bombardierung von Berlin und Dresden erinnert. Nur dass es hier ohne Vorwarnung geschah in einem Land, das nicht damit rechnete, jemals angegriffen zu werden, in einer Stadt, die sich für international hielt, warum sollte die jemand angreifen?

SZ-Magazin: Hat irgendjemand in der Runde mal daran gedacht, aus New York wegzuziehen?
Green: Ich habe mal versucht, ein paar Leute zu überreden, nach Amsterdam zu ziehen. New York hieß früher mal New Amsterdam, und ich dachte mir, es wäre lustig, die Leute von New Amsterdam nach Old Amsterdam zu bringen. Ihr hättet hören sollen, wie ich meinen Bassisten zu überreden versuchte: Wir können alle rüberholen und Orgien veranstalten.


16.20

Walter Gardner bricht in schallendes Gelächter aus und schlägt sich auf die Schenkel.

Gardner: Was für ein Anreiz, Orgien zu veranstalten. Großartig. Finde ich brillant.

Er zeigt auf Darryl Pinckney.

Gardner: Darryl hier hat mir gerade erzählt, dass er mal verhaftet wurde, weil er Gras geraucht hat. Und das, kurz nachdem die Türme eingestürzt sind. Das ist doch verrückt. Amerika hat solche Angst vor Marihuana.

Darryl Pinckney nickt und lächelt.

Pinckney: Wir haben vor einem Reggae-Club Gras geraucht, gleich neben der Polizeistation. Verdammt clever von uns. Sie haben mich zwei Tage zusammen mit 26 riesigen schwarzen Typen eingesperrt. Ich habe die ganze Zeit kein Wort gesagt.
Brown: Gute Strategie.
Green: Mich haben sie verhaftet, weil ich vor einer Kunstgalerie auf der Straße Bier aus einer braunen Papiertüte getrunken habe. Der Cop hat mir einen Strafzettel in die Hand gedrückt. Als ich ihm sagte, dass ich am Tag der Verhandlung außer Landes sein würde, erklärte er mir, ich solle aufs Gericht gehen und eine Verschiebung beantragen. Also bin ich da hin und habe gefragt, an wen ich mich wenden sollte, und der Cop sagte mir, ich könne den Richter sehen oder ihm einen Brief schreiben. Im nächsten Raum war ein lange Schlange, und da saß ein Beamter mit Stempel, der sagte mir, ich müsse auf jeden Fall an dem Tag erscheinen, andernfalls würde man einen Haftbefehl auf mich ausstellen. Kann ich die Strafe nicht einfach jetzt zahlen? Nein! Kann meine Mutter kommen und sagen, dass ich schuldig bin? Nein! Ich habe gehört, man kann dem Richter schreiben. Stimmt, aber der Richter muss den Brief nicht lesen. Also habe ich ihn gefragt: Hör mal, Alter, wenn du an meiner Stelle wärst und außer Landes, was würdest du tun? Und er einfach: Keine Ahnung, alles könnte klappen. Alles könnte klappen! Das war ein kafkaesker Moment.
Gardner: Mann, Du bist ein echter Komiker. Wie du die Geschichte erzählst. Zum Totlachen.
Green: Also musste ich mir einen Anwalt nehmen, nur damit der in meiner Abwesenheit vor Gericht sagen kann, dass ich schuldig bin, dieses verdammte Bier auf der Straße getrunken zu haben. Die Höchststrafe für das ganze Fiasko waren 25 Dollar.
Gardner: Warum hast du es nicht einfach ignoriert?
Green: Keine Ahnung, ich dachte, man müsste die Buße zahlen.
Gardner: Du hast gedacht, die holen dich deswegen ab?
Green: Ich wollte nicht, dass was in mein Führungszeugnis kommt.
Gardner: Alles klar, Mann. Das zeigt, dass Rudy Giuliani es geschafft hat, mit dem Trinken auf der Straße Schluss zu machen. Früher sind wir immer zum Washington Square Park mit einer riesigen Flasche Bier, haben ein paar Joints gedreht, uns an die Ecke gesetzt und den Jongleuren zugeschaut. Das war 1992, da war das noch völlig in Ordnung.
Green: Damals war ich elf, aber ich habe das auch gemacht, am St. Mark’s Place. Wenn ich das heute versuchen würde, dann würde mich wahrscheinlich ein Cop innerhalb von fünf Minuten verhaften.


Anzeige

Seite 1 2 3 4

Nach dem Gespräch wollten Malte Herwig , Till Krause und Lars Reichardt auf eigene Faust erleben, wie es um die Subkultur New Yorks bestellt ist - und landeten im Club »Paper Box« in Brooklyn. Dort spielten bis spät in die Nacht obskure Avantgarde-Blaskapellen, während zwei Frauen mit Zylindern neben der Bar ein abstraktes Bild an die Wand malten.

  • Außenpolitik

    Wie es sich unter Putin lebt

    Wer Russland verstehen will, kann im Städtchen Rosljakowo, wo einst die mächtige Nordmeerflotte stationiert war, viele Antworten finden. 100 Jahre nach der Oktoberrevolution: Ein Besuch bei Menschen, die sich gegen die Freiheit entscheiden.

  • Anzeige
    Außenpolitik

    Saubere Leistung

    Aleppo steht sinnbildlich für den Schrecken des Syrien-Kriegs, doch die berühmte Seife wird dort weiter hergestellt. SZ-Magazin Autorin Xifan Yang hatte über Monate Kontakt mit einem der letzten verbliebenen Händler.

    Von Xifan Yang
  • Außenpolitik

    Die Easy Rider des Irak

    Bei den Babylon Angels, dem einzigen Motorradclub im Irak, kommen verfeindete Volksgruppen wie Sunniten, Schiiten und Kurden gut miteinander aus. Denn alle vereint ein gemeinsamer Traum.

    Von Oliver Beckhoff