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aus Heft 44/2012 Musik

Der Unfassbare

Seite 2: Im Mittelpunkt

Tobias Haberl  Fotos: Jonas Unger


WIEN, 23. MAI 2012, 22.30 UHR

»Das kann man schlechter spielen«, jubelt Daniel Barenboim, lässt sich von seiner Frau den Frack abnehmen und wirft sich aufs Sofa in seiner Garderobe. Er sieht aus wie ein römischer Kaiser, halb liegend, ein Arm auf der Lehne. Seine wenigen weißen Haare kleben ihm am Schädel, sein Gesicht ist gerötet, die Augen geweitet vom Adrenalin, auch vom Stolz. Draußen klatschen sie immer noch. Sechsmal haben sie seinen Sohn und ihn auf die Bühne zurückgerufen. Die beiden drücken sich. Eine herzliche, keine sentimentale Umarmung. Man ahnt, der Vater freut sich, er freut sich sehr, aber er hat auch erwartet, dass sein Sohn dieses Konzert genau so spielt, nämlich perfekt. Es ist das erste Mal, dass man spürt, wie fordernd dieser Mann sein kann. Dass es auch ein Kreuz ist mit der Begabung und dieser gespenstischen Schnelligkeit im Kopf, weil das Gegenüber fast immer langsamer, behäbiger, schlechter ist. Heute hat es funktioniert. Er ist begeistert, von seinem Sohn, und vom Orchester: »Die haben das Stück in vier Stunden nicht nur kapiert, sondern absorbiert«, schwärmt er, »das ist ein Unterschied.«

Er sitzt in Hosenträgern da, sein weißes Hemd ist verschwitzt. »D. B.« steht darauf, diskret auf halber Höhe eingenäht. »Hab ich 20 Stück davon«, sagt er, »Geschenk von einem Schneider in Mailand.« Wer denkt, der Auftritt sei vorbei, nur weil der Dirigent die Bühne verlassen hat, wird jetzt Zeuge eines Schauspiels, einer Prozession, von der die normalen Konzertbesucher nichts mitbekommen. Noch ist die Türe geschlossen, noch ist Barenboim allein mit seiner Frau und seiner Referentin, seinem Sohn und dessen Frau, auch sie Konzertpianistin aus Russland. Noch scrollt er sich durch seine Kurznachrichten. Er macht das immer, in jeder Pause, nach jedem Konzert. Blackberry raus, SMS lesen, zurück schreibt er selten. Heute hat der Regisseur Claus Guth geschrieben. Man müsse sich bald mal treffen, es sei nicht mehr lang hin zur Lohengrin-Premiere in Mailand. Barenboim bittet seine Referentin, einen Termin zu machen, steckt sich ein paar Trauben in den Mund. Es kann jetzt losgehen. Er ist bereit, nickt, jemand macht die Tür auf, und es drängen herein: die Intendanten des Musikvereins und der Wiener Staatsoper, der Klassik-Agent Jasper Parrot aus London, der österreichische Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel, Arnold Schönbergs Tochter, erst die Wichtigen und Freunde, dann 40, 50 Fans, die erst Ruhe geben, wenn sie den Meister gelobt, berührt und daran erinnert haben, wo man sich schon mal getroffen habe, ob er sich denn erinnern könne?

Barenboim arbeitet einen nach dem anderen ab, schüttelt Hände, gibt Küsschen, kritzelt seinen Namen auf Programmhefte, es dauert eine Stunde, bis er alle durch hat. Er springt von Hebräisch zu Italienisch, vom Spanischen ins Englische und weiter ins Deutsche. Man könnte jetzt auch Druck verspüren, so im Mittelpunkt, drum herum Menschen aus der ganzen Welt, die was Geistreiches oder Witziges hören wollen. Er wirkt aber nicht gestresst. Es ist seine Belohnung. Sein zweiter Auftritt. Seine Audienz. Schließlich haben ihn vorhin alle nur von hinten gesehen. Immer wieder tupft er sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, vor ihm liegt das frische Hemd, gestreift, von Ferragamo.

»Sie hatten wenigstens einen Sitzplatz«, sagt er zu einer älteren Dame. Sie lacht, ist dankbar, glücklich – er hat mit ihr gesprochen. Es ist sein Standardwitz. Er macht ihn regelmäßig. Genau wie den mit seinen Initialen: »D. B.«, sagt er dann, »wie Deutsche Bahn, ich könnte als Schaffner arbeiten.« Er hat ein riesiges Repertoire solcher Sprüche. Geht mal einer daneben, lachen trotzdem alle.

Man muss ihm nur zuschauen und weiß: Der Mann hat auf der Bühne alles gegeben, aber noch mehr zurückbekommen. Plötzlich klingelt sein Handy. Ein neutraler Klingelton, keine Melodie. Es ist der Komponist Pierre Boulez aus Paris. Dafür zieht er sich zurück. Seine Stimme wird leiser. Als er auflegt, ist es weit nach 23 Uhr. Die Meute ist weg, der Konzertsaal dunkel, das Restaurant reserviert. Familie Barenboim spaziert hinaus in die Frühlingsnacht. »Lust auf Oper am Wochenende?«, fragt er seine Schwiegertochter beim Rausgehen, in Gedanken schon bei seinem nächsten Verdi-Abend mit Plácido Domingo. »In welcher Stadt?«, fragt sie zurück.


DAS WUNDERKIND – TAGSÜBER FUSSBALL, ABENDS KLAVIER

Daniel Barenboim macht keinen Sport. Außer Dirigieren und ab und zu Pilates, aber das zählt nicht, findet er. Woher also nimmt er seine Energie? Wie schafft er es, in Bayreuth sechs Stunden lang Wagner zu dirigieren, ins Auto zu steigen und zurück nach Berlin zu fahren? Was hat er für ein Geheimnis, dass er unter heftigstem Druck vollkommene Gelassenheit, nein, eigentlich selbstvergessenes Glück ausstrahlt? »Hat mit meiner Kindheit zu tun«, sagt er. »Ich habe früh ein Doppelleben geführt, tagsüber Fußball, abends Klavier.« Er spricht gern von früher. Nicht wehmütig, eher analytisch. Seine Kindheit ist für ihn der logische Ausgangspunkt für das Leben, das er heute führt, auch für die Art, wie er Musik macht – natürlich und unangestrengt. Es sieht immer mühelos aus, wenn er Klavier spielt oder dirigiert. Ein Kritiker hat mal geschrieben: Wenn Barenboim Klavier spielt, riecht es nach Wohnzimmer und großer, weiter Welt.

Daniel Barenboim wächst im Buenos Aires der Vierzigerjahre auf. Seine Großeltern, russische Juden, waren Anfang des 20. Jahrhunderts nach Argentinien ausgewandert. Antisemitismus gab es nicht, dafür jüdisches Leben, herzhaftes Essen, elegante Menschen, Salon- und Hauskonzerte; jeden Freitagabend spielt er Klavier bei den Rosenthals, einer österreichisch-jüdischen Intellektuellenfamilie, danach gibt es Apfelstrudel mit Vanillesauce. Noch heute ist Tango neben Klassik die einzige Musik, die er ertragen kann.

Seine Eltern sind Klavierlehrer, herzliche, kluge Leute. »Es hat lange gedauert«, sagt er, »bis ich begriffen habe, dass es auch Menschen gibt, die nicht Klavier spielen.« Er beginnt mit fünf, wird erst von seiner Mutter, dann von seinem Vater unterrichtet, bis heute hatte er keinen anderen Lehrer. »Mein Vater ließ mich immer nur so lange üben, wie meine Konzentration reichte«, erzählt Barenboim. Eine, höchstens zwei Stunden am Tag. Alles andere sei mechanisches Wiederholen und damit das Gegenteil von Musik. »Nur am Sonntag durfte ich spielen, so lange und was ich wollte. Ein großartiges Konzept«, findet er. Sein Feind ist noch heute das sture Üben, das geistlose Draufschaffen von irgendwas. »Qualität kommt von Qual«, den Spruch hat er mal in einem Film gehört. »Riesiger Unsinn«, faucht er, »Qualität kommt von Denken.« Er meint es nicht nur auf Musik bezogen.

Nie habe er Tonleitern oder Akkordzerlegungen geübt, immer nur Stücke, Mozart, Liszt, Beethoven. Und geboxt hat er, sogar im Verein. »Mein Vater hat alles dafür getan, damit ich mir ja nicht einbilde, meine Hände seien was Besonderes.« Mit sieben gibt er sein erstes Konzert. Das vergilbte Programmheft steht noch heute gerahmt im Musikzimmer seiner Berliner Villa. Mit zehn debütiert er bei den Salzburger Festspielen, mit zwölf kommt er in die Dirigentenklasse – seine Klassenkameraden sind weit über 20 –, mit 13 wird er jüngster Meisterkurs-Schüler aller Zeiten an der Accademia di Santa Cecilia in Rom. 1954, kurz nach der Begegnung in Salzburg, lädt Furtwängler Barenboim nach Berlin ein, er soll als Solist mit den Philharmonikern auftreten, aber sein Vater lehnt ab. Das Monster Hitler sei erst neun Jahre tot. Es sei noch zu früh für seinen Sohn, um in Deutschland Musik zu machen. »Ich habe ihn verstanden«, sagt Barenboim heute. Eine unglaubliche Aussage für einen zwölfjährigen Jungen, der die Chance seines Lebens bekommt – er muss geahnt haben, dass ihn nichts aufhalten kann.

Mit 13 spielt er Artur Rubinstein vor, von dem er in Tel Aviv – wo die Barenboims inzwischen leben – seine erste Zigarre in den Mund gesteckt bekommt. Es ist der Beginn einer rührenden Freundschaft: der alte Rubinstein, das Kind Daniel Barenboim. Es folgen Konzertreisen durch Europa, Amerika, Australien. Ein Genie? »Ich doch nicht«, sagt Barenboim. »Menuhin war ein Genie. Als Einstein ihn das erste Mal Geige hat spielen hören, hat er gesagt: Jetzt weiß ich, dass es einen Gott gibt.« Es ist die Bescheidenheit eines Mannes, der begriffen hat, dass er noch mehr leuchtet, wenn er seine Strahlkraft gelegentlich dimmt, um sie für die Mitwelt erträglicher zu machen.

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Tobias Haberl und dem Fotografen Jonas Unger blieb gar nichts anderes übrig, als Daniel Barenboim ständig hinterherzureisen, mit dem Flugzeug, mit der Bahn, mit dem Auto - manchmal haben sie ihn auch zu Fuß begleitet. Am Ende haben sie nachgerechnet: Haberl hat für seine Recherchen 8201 Kilometer zurückgelegt, Unger, der in Paris lebt, kommt immerhin auf knapp 7000 Kilometer.

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