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aus Heft 44/2012 Musik

Der Unfassbare

Seite 4: Privatkonzert für den Past

Tobias Haberl  Fotos: Jonas Unger


ROM, 11. JULI 2012, 18 UHR

Die ersten Gäste kommen durch das steinerne Portal in den Hof des Apostolischen Palastes, der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano, das Ehepaar Oetker, Adel, Diplomaten, Industrielle, ein paar haben ihre Kinder mitgebracht, Töchter in hohen Schuhen, streng gescheitelte Söhne. Das Protokoll sieht es nicht vor, aber könnte ja sein, dass er einem von ihnen die Hand gibt. Es ist schwül, 32 Grad. Lautlos schiebt sich ein weißes Stoffsegel über den Hof. Die Gäste wedeln sich Luft zu, die Frauen mit Fächern, die Männer mit zusammengerollten Programmheften. Es ist merkwürdig still. Plötzlich taucht er auf, in roten Schuhen, lächelt, deutet ein Winken an, schiebt sich Meter für Meter in Richtung des goldenen Stuhls, den sie – passend zum Anlass – auf einen Perserteppich gestellt haben. Im Hintergrund leuchten die Albaner Berge. Es ist kurz vor sechs Uhr Abend.

Es passiert nicht oft, dass Daniel Barenboim irgendwo hinkommt, wo die Menschen nicht auf ihn warten. Heute ist so ein Tag. Gemeinsam mit dem West-Eastern Divan Orchestra gibt er ein Privatkonzert in Castel Gandolfo, der Sommerresidenz des Papstes. Der Papst hat Namenstag. Deshalb. Für Barenboim eine Ehre, aber auch eine gute Gelegenheit, ein paar Sponsoren glücklich zu machen. Er selbst hat erst vor vier Wochen in der Mailänder Scala für den Papst gespielt. Für Italien ein Riesending. Für ihn ein Termin. Er ist nicht religiös. Er fühlt sich jüdisch, er spürt diese Mischung aus Tradition und Schicksal, aber regelmäßig in die Synagoge geht er nicht.

»Eigentlich«, sagt er, »gibt es nur zwei Dinge, die ich an Menschen bewundere: moralische Integrität und schöpferisches Genie.« Seine Helden sind Richard von Weizsäcker, Joschka Fischer, Felipe González, Frank Gehry, sein bester Freund ist der indische Dirigent Zubin Mehta. Eine Heldin ist nicht dabei. Der Papst auch nicht. Dafür ist seine Frau umso begeisterter. Sie ist ihm heute Morgen hinterhergeflogen, gestern hat sie selbst noch ein Konzert in Düsseldorf gespielt. Jetzt scrollt sie sich durch die Fotos auf ihrem Mobiltelefon: Sie und ihr Mann, eingerahmt von zwei Schweizer Gardisten: »Toll, oder?«, schwärmt sie.

Das Divan-Orchester ist Barenboims Herzenssache und eine politische Dauerprovokation. Bei seiner Gründung hatten 60 Prozent der Musiker noch nie in einem Orchester gespielt, 40 hatten noch nicht mal eines gehört. Heute ist der Divan ein Profiorchester, dessen Konzerte oft mehrfach mit Regierungsvertretern und der UNO abgestimmt werden. Trotzdem erinnert es an eine Klassenfahrt, wenn das West-Eastern Divan Orchestra auf Tournee geht, natürlich eine mit zwei Kategorien: Barenboim leitet die Proben und Konzerte, sitzt in denselben Flugzeugen, die für das Orchester gechartert werden, ist offen für Fragen und Sorgen, trotzdem ist er kein Klassenlehrer, der mit der Schirmmütze vorneweg läuft, er ist der Star, der in der Limousine vom Flughafen abgeholt wird und in jeder Stadt im besten Hotel wohnt. Ob im Konzertsaal oder am Flughafen, nie sieht man ihn kommen. Er taucht auf und verschwindet, wie ein Geist. Plötzlich ist er da, im weißen Sommeranzug, die Prada-Sonnenbrille im Gesicht, und streichelt über den entzündeten Arm der palästinensischen Geigerin. Er weiß, dass es auf Gesten ankommt: eine Partie Backgammon im Flugzeug, Rosen, die er nach dem
Konzert aus seinem Strauß zieht und einzeln an die Musiker verteilt. »Der Mann ist ein Wunder«, sagen die, »er sieht es, nein, er hört es, wenn einer von uns einen Ton mit dem Mittel- statt mit dem Ringfinger spielt.«

Als der Papst einzieht, stehen alle auf, schauen gerührt, halten Handys in die Luft, nur Barenboim bleibt relativ unbeteiligt in der letzten Reihe sitzen. Ist er gekränkt, weil es nicht um ihn geht? Ist er bescheiden? Oder einfach professionell? Er hat noch ein paar Telefonate erledigt, die Krawatte um den Hals gelegt. Gerade plaudert er im Flüsterton mit dem Chef der Salzburger Festspiele, Alexander Pereira. Es geht um ein Interview, das Barenboim dem Spiegel gegeben hat: »In Israel«, hat er da gesagt »gibt es eine Politisierung der Erinnerung an den Holocaust.« Ein Satz, der für viel Ärger sorgen würde, wenn ihn ein Nicht-Jude gesagt hätte.

Als sich nacheinander der Papst und das Publikum setzen, springt Barenboim auf und schaut nach seinen Musikern, die aus verschiedenen Türen auf die Bühne strömen wie Ameisen aus einem Bau – drei fehlen, sie haben es nicht aus Syrien rausgeschafft. Die riesige Statue des heiligen Petrus, die Kardinäle, der heilige Ernst dieses Ortes, die Bose-Boxen in den Fenstern – beeindruckt ihn alles nicht. Für Folklore und Rührung hat er nichts übrig, es ist die Botschaft, um die es ihm geht: Juden und Moslems, die für den Papst Musik machen. Das gefällt ihm. Und die Spätfolgen so einer Veranstaltung. Die Dankbarkeit der Sponsoren. Das Geld, mit dem weitere Konzerte möglich sind. Deswegen hat er ein paar dieser Leute in der Chartermaschine mitgenommen. Überhaupt trifft er regelmäßig sehr reiche Menschen, Frühstück in Salzburg, spätes Abendessen in München. Der Divan und Amerika – das ist sein nächstes großes Ding. Jetzt aber ist der Papst an der Reihe. Und Beethoven. Am nächsten Tag geht es weiter nach Versailles, dann nach Genf, Sevilla, London, vielleicht – zwischendurch – für ein Konzert nach Ost-Jerusalem. Die UNO verhandelt noch. Eine Chartermaschine ist geblockt.


DER MUSIKER - MIT DEM KOPF FÜHLEN; MIT DEM HERZEN DENKEN

Daniel Barenboim hat keine Künstlerhände. Robust und kräftig sind sie. Mit kurzen, dicken Fingern. Es gibt Stücke, die kann er nicht spielen, weil er die Spannweite nicht hinkriegt.

Nichts an Daniel Barenboim ist feingliedrig oder verzärtelt. Nie kokettiert er damit, einen besonderen Draht zu letzten Wahrheiten zu haben. Er hat ihn, das reicht – und gibt ihm die Möglichkeit, abseits der Musik erstaunlich viril, irdisch, flapsig, normal zu sein. Er liebt deutschsprachige Krimis: SOKO 5113, Ein Fall für zwei, Kommissar Rex, sein ist Held ist Stephan Derrick. Als er in Paris die Windpocken hatte, hat er sich eine Folge nach der anderen reingezogen.

Man sieht ihn selten ohne Zigarre. Er hat seine festen Sorten. Vier, fünf verschiedene, zu Hause in seiner Berliner Villa bewahrt er sie in einem Humidor auf. Er kauft sie in Berlin, Mailand und am Flughafen in Beirut: »Ein Paradies. Riesige Auswahl und 30 Prozent günstiger.« Seine Lieblingszigarre ist eine Behike, Preis: 36 Euro. Er verraucht alle vier Wochen ein ziemlich ordentliches Monatsgehalt.

Er liebt ein saftiges Steak, einen guten Wein, eine Tischrunde kann er mühelos durch einen lahmen Abend retten. Gern mit Witzen, auch über den Papst, auch über Juden: »Was ist ein Antisemit? Einer, der Juden mehr hasst als unbedingt notwendig.« Es ist faszinierend, ihm zuzusehen, wie er gleichzeitig tief empfinden und ziemlich derbe daherreden kann. Einmal, auf die Frage, ob er – gemeint waren Zigarren – morgens lieber dicke oder dünne möge, sagt er: »Also diese Frage müssen Sie nun wirklich einer Frau stellen.« Er lacht dann laut und kehlig, weil er es wieder mal geschafft hat, eine dumme Journalistenfrage so lustig zu kontern.

Aber man darf sich nicht täuschen lassen: Musik ohne Leiden, das geht nicht. Und Daniel Barenboim weiß das. Natürlich hat er einen hohen Sinn für das Tragische und Abgründige, für Wagner, Nietzsche, Bayreuth, die Lust am Untergang und Vergehen, trotzdem ist er verliebt ins Gelingen. Und genauso macht er Musik. Er ist zutiefst mitleidsfähig, man muss nur zuhören, wie er den Parsifal dirigiert, aber er instrumentalisiert diese Gabe nicht, um Schönheit oder Pathos zu produzieren. »Das Romantische ist das Kranke, das Klassische das Gesunde«, hat Goethe behauptet. Barenboim ist kerngesund. In seinem Alltag wie in seiner Musik bringt er zwei Dinge zusammen, die nicht zusammenpassen: Disziplin und Leidenschaft. Neulich hat er sich nach seinem Bruckner-Konzert in Wien in einen Club fahren lassen, wo er sich zwischen 500 schwitzende, tanzende Hiphop-Fans gestellt hat. Auf der Bühne stand KD-Supier, das ist der Künstlername seines Sohnes David, der als Hiphop-Produzent ziemlich erfolgreich ist. »Ich war unglaublich stolz auf ihn«, sagt Daniel Barenboim. »Er versteht nicht so ganz, was ich eigentlich mache«, sagt David Barenboim, »aber er kommt und interessiert sich, das rechne ich ihm hoch an.«

»Wenn mein Vater Musik macht«, sagt der andere Sohn, der Geiger Michael, »ist er gleichzeitig rational und emotional.« Und er meine nicht nacheinander oder je nachdem, »ich meine gleichzeitig.« Barenboim selbst drückt es so aus: »Ich fühle mit dem Kopf und denke mit dem Herzen.« Und er weine auch beim Lohengrin-Vorspiel, nur halt nicht physisch. »Das soll jetzt nicht überheblich klingen«, sagt er einmal und schickt den Konjunktiv voraus, weil er genau weiß, dass das, was gleich kommt, ziemlich überheblich klingen wird. »Wirklich«, sagt er, »nicht arrogant gemeint, aber ich glaube, dass ich etwas anderes mache als meine Dirigentenkollegen.« Musik, sagt er dann, ist erst mal ein physikalisches Phänomen, nämlich klingende Luft. Sobald ein Klang aufhört, verschwindet er, wird zur Stille und stirbt. Musik steht in einer unlösbaren Beziehung zur Stille und damit zum Tod. »Wenn ich Musik mache«, sagt er, »habe ich schon beim ersten Ton den letzten, das Ende, also den Tod im Blick.« Musik als Spiegel des Lebens, als Reise ins Nichts. Als Versuch, gegen den Tod anzukämpfen, indem man den Klang nicht abreißen lässt. Musik auch als Möglichkeit, den eigenen Tod fühlend vorwegzunehmen. »Musik bringt einen in Berührung mit Zeitlosigkeit«, sagt er, »und damit Erlösung.« Er meint es wörtlich und macht es vor, als Dirigent und Pianist, jeden Abend wieder.


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Tobias Haberl und dem Fotografen Jonas Unger blieb gar nichts anderes übrig, als Daniel Barenboim ständig hinterherzureisen, mit dem Flugzeug, mit der Bahn, mit dem Auto - manchmal haben sie ihn auch zu Fuß begleitet. Am Ende haben sie nachgerechnet: Haberl hat für seine Recherchen 8201 Kilometer zurückgelegt, Unger, der in Paris lebt, kommt immerhin auf knapp 7000 Kilometer.

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