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aus Heft 45/2012 Gesellschaft/Leben 5 Kommentare

Das zerstörte Mädchen

Sie ist eine erwachsene Frau, aber sie wünscht sich, sie wäre keine. Sie will nicht groß sein. Sie will nicht essen. Sie will nur, dass die schrecklichen Erlebnisse ihrer Kindheit doch noch einen Sinn erhalten, irgendwie.

Von Erwin Koch  Fotos: Nadja Athanasiou



Sabine B., 41 Jahre alt, 134 Zentimeter groß, 29 Kilogramm schwer, zu Hause in ihrer Wohnung in Zürich.

Sie ist jetzt 41 und hat Brüste. Nicht dass die hässlich wären oder schmerzten. Aber lieber wäre ihr, Sabine hätte keine.

Sie schminkt die Lippen rot und stöckelt durch die Stadt, Kafka im Gepäck oder Frisch, manchmal Funke, Die wilden Hühner oder Tintenherz.

Eigentlich will sie keine Frau sein, sagt Sabine B. über die, die sie ist, geboren am 8. August 1971, vier Wochen zu früh. Ganz klein will sie sein, leicht und klein und hübsch, damit jemand Sabine umarmt.

Dafür hungert sie.

Vielleicht.
Sabine listet auf, was sie isst: Habe mir 2 Kichererbsenbällchen gegönnt, 1 Bananenmuffin > Durchfall 5x. War ich heute glücklich?

Vor zweieinhalb Jahren, kaum waren die Brüste gewachsen, hatte Sabine die erste Blutung. Sie schlief, achtunddreißig, bei Mami in Uster nahe Zürich, es war Nacht, Blut in der Toilette, rotes rotes Blut, Mami, ich sterbe, Mami, hilf.

Die Mens hatte sie nur fünf Mal. Zum Glück, sagt sie mit hoher heller Stimme. Manchmal denkt sie, wie es wäre, jemand legte seine Hand auf Sabines Brust, ganz leicht, und streichelte sie, aber nur streicheln, nur streicheln.

K. saugte, sagt sie.

K. war elf Jahre älter, Sabines Trainer, ein Volksschullehrer im Aargau, Meister im Pferdsprung, Mitglied des Schweizerischen Arbeiter-Turn- und Sportverbands Satus. Sabine B. turnte, seit sie sieben war. K. holte sie, weil sie so gut turnte, vom Zürcher Oberland nach Möriken-Wildegg, sie schlief in seinem Haus unter dem Dach, Dienstagabend, Freitag bis Sonntag, sechs Jahre lang, Mami hatte nichts dagegen, Mami war beschäftigt, sie hatte einen neuen Mann, und Dädi war weg.

K. saugte, bis sie blutete, sie war zwölf, dreizehn, sie dachte, das muss vielleicht so sein. Er sagte, ich mache das nur, weil ich dich besonders mag. K. nannte sie Käferchen, dann Säuli, Schweinchen, weil ich zu dick bin, er will, dass ich sechs Kilo abnehme, von sechsunddreißig auf dreißig, manchmal, wenn ich nach dem Training nackt vor ihm stehe, geht er auf allen Vieren und spielt einen Hund und beißt mich in den Hintern. Dann muss ich lachen. K. ist lustig, alle mögen ihn, die Leute im Dorf, seine Schüler, die anderen Turnerinnen, jeden Morgen stellt er mich auf die Waage, jeden Abend. Und dann holt er mich in die Badewanne oder in sein Bett, leckt und reibt, liest dann laut aus der Geschichte, die er am nächsten Morgen seinen Schülern vorlesen wird, Jim Knopf und die wilde 13.

Lieber K., schrieb Sabine B., ich möchte Dir noch einmal danken für das schöne Wochenende! Weißt Du, das freut mich immer, wenn ich nach Möriken kommen darf.
Ich schätze dich sehr, mein liebes Käferchen. Ein liebes Grüßchen von K.

Manchmal, da war Sabine vielleicht fünfzehn und oft traurig, vielleicht siebzehn, schickte er mir ein Gedicht.

Weil deine Augen so voller Trauer sind,
Und deine Stirn so schwer ist von Gedanken,
Lass mich Dich trösten, so wie man ein Kind
In Schlaf einsingt, wenn letzte Sterne sanken
.

Sie ist jetzt 41, 29 Kilo schwer, 134 Zentimeter hoch, Schuhgröße 34, Sabine trägt einen Büstenhalter aus der Kinderabteilung und kennt das Gedicht auswendig.

Die Sonne ruf ich an, das Meer, den Wind,
Dir ihren hellsten Sonnentag zu schenken,
Den schönsten Traum auf Dich herabzusenken,
Weil Deine Nächte so voller Trauer sind.


Heute drei Gurkenscheibchen auf einmal in den Mund gestopft – widerlich! 1 Reispudding mit Studentenfutter, 2 Esslöffel.

Sabine B. wohnt in der Altstadt von Zürich nahe am Fluss, ein Zimmer, eine Küche, eine Dusche, bezahlt von der staatlichen Invalidenversicherung, sie steht spät auf, vielleicht um zehn, vielleicht um eins, liest im Bett, schluckt Seroquel, 25 Milligramm gegen dieses Nebeneinander, Miteinander, Durcheinander, das Sabine ist, sie duscht, rasiert die Beine, die Arme, die Scham und schneidet sich blutig dabei, sucht mit der Lupe nach einem letzten Haar, duscht, schrubbt, wäscht das kurze Haar auf ihrem Kopf, zuerst mit Shampoo, dann mit Weichspüler, trägt Creme ins Gesicht, Nivea Vital gegen die ersten Falten, besprengt sich mit Parfüm.

Sabine will sich nicht riechen.
Dann isst sie ein Sojaflan, 97 Kilokalorien.

Manchmal rennt sie auf die Straße und kauft ein Muffin, isst es schnell, verschluckt sich, würgt und hustet, rennt nach Hause, schluckt Dulcolax, ein Abführmittel, notiert, wie oft sie auf der Schüssel sitzt, heute 19x.

K. zupfte Sabines erstes Schamhaar aus.

Weil deine Augen so voller Trauer sind,
Und deine Stirn so schwer ist von Gedanken.


Ein Jahr lang hing das Gedicht über Sabines Bett.

Am Freitag gab es Aprikosenkuchen im Restaurant, das Mädchen neben dem Lehrer, sie aß die Spitze, er den Rest. Manchmal nahm er Sabine mit ins Kino, 101 Dalmatiner, Elliot, das Schmunzelmonster, sie lehnte ihren Kopf an seinen Arm, schlief weg. Einmal fuhr er mit Sabine und Mami nach Deutschland in den Europapark, ihr schönster Tag, Sabine ist glücklich, sie tanzt vor Freude, K. und Mami und ich, K. kauft Sabine ein Eis, Sabine steckt es heimlich ins Gebüsch. Will jemand ihr etwas schenken, bettelt sie um ein Schweinchen aus Plüsch.

Manchmal, im Bett, sagt er, ich bin so traurig, Säuli, tröste mich, dann streichelt sie ihn.

Sein Samen stinkt nach Fisch.

Lieber K., Deine Liebe kannst du so gut zeigen, tschüssli, es liebs Grüessli vom Säuli – Aktenstück Nr. 3 zuhanden der Staatsanwaltschaft des Kantons Aargau, StA-Nr. 98-1613.

Der Schwebebalken war ihr liebstes Gerät, zuerst Grätschstütze, dann Stützhandstand, dann Spagat, eine halbe Drehung, dann Doppelpirouette, Spagatpirouette, Handstanddrehung, Handstand mit halber Drehung, Rondat, dann Salto gestreckt, Stand. K. lacht und lobt, Kieferhöhlenentzündung im April 1985, Fraktur Kleinfinger, Juli 1985, Grippe im März 1986, sie stürzt immer wieder, oft auf den Kopf, und rennt in Wände, Schleudertrauma Wirbelsäule bei Salto, Mai 1986.

Nichts tut weh, wenn er die Glücksspritze macht. Sie hat nie Hunger, fühlt keinen Schmerz, keine Müdigkeit, keine Temperatur, Sabine verbrüht sich beim Duschen und merkt es nicht.

Seine Hand so warm.
Ich bin jetzt 41.
Sabine hat Brüste.

Sie schreibt, was ihr zufliegt, in ein kleines dünnes Heft: Was hält mich heute, 16.8.11 am Leben? Möchte ich sterben? Ich sehne mich nach Liebe, nach einer großen Umarmung, die nie aufhört.

Mit roten Lippen stöckelt sie durch die Straßen, zwei Bücher in der Tasche, weil sie sich nicht entscheiden kann, welches sie lesen soll, Sabine B. setzt sich in ein Restaurant oder Café, »al Leone«, »Sprüngli«, »NZZ Bistro by tibits«, »Kronenhalle«, »Karl der Große«, trinkt Tee, manchmal Kaffee, weil Kaffee den Hunger stillt, liest und liest, legt das Buch zur Seite und schaut sich um, genießt es, wenn einer auf ihre roten Lippen starrt, ihre roten Nägel, das spurlose Gesicht, einer sagte, kommst du mit zu Diesel? Zu Diesel? Ein Jeansladen! Wozu? Dort gibt es Umkleidekabinen, von innen verschließbar. Guter Sex braucht nur drei Minuten.

Am liebsten aber streunt sie durch Bibliotheken und Buchhandlungen.

18.8.11, 22:15 Uhr: Ob es im Himmel wohl Bücher gibt?

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Kommentare

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Kommentar:

  • Andrea Reiber (0) Vielen Dank an den Autor für die journalistisch hervorragende, bewegende und angemessene Annäherung an das empörende Schicksal von Sabine B.
    An manchen Textstellen fällt das Weiterlesen schwer, weil die wohl lebenslange Ohnmacht des Opfers und die vollkommen unzureichende Reaktion der Gesellschaft so wütend machen. Nicht nur das Strafmaß, das angesichts des Leidens des Opfers wie ein mit einem Rüffel versehener Freibrief wirkt, ist empörend; ich befürchte außerdem, dass längst nicht alle Bürger bereit sind, sich mit dem Thema Missbrauch und seinen Folgen auseinanderzusetzen. Nur darum ist ein solches, das Opfer nach den Straftaten noch einmal erniedrigendes Strafmaß ja überhaupt möglich.
  • Amelie Gerlach (0) Es tut mir so sehr leid für die arme Frau.
    Was war mit der Mutter los - wenn eine Therapie nicht zu belastend ist, müsste die Beziehung zur Mutter vielleicht auch mal reflektiert werden...
    Das Selbstmitleid des (vielfachen) Täters ist kaum zu ertragen!
  • Stefan Meditz (0) Und das ausgerechnet in Zürich, Hauptwohn- und wirkort von Alice Miller. Hier fällt ja wohl alle Schuld den Eltern zu, deren Aufgabe es gewesen wäre ihr Kind zu beschützen. Stattdessen liegt offensichtlich ein umfassender emotionaler Mißbrauch vor. Grauenhaft.
  • Ulrich Merkl (0) Grauenvoll. Erschütternd. Verstörend. Selten hat mich ein Artikel mehr bewegt.
  • Friedrich Georg Pippow (0) Nur drei Jahre?
    Warum nicht lebenslänglich und zwangskastrierung?

    Ein Witz ein solches Urteil!!