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aus Heft 45/2012 Gesellschaft/Leben Noch keine Kommentare

Die Vermessung der Welt

Das Guinness-Buch der Rekorde ist das meistverkaufte Buch nach Bibel und Koran. Wie funktioniert die Organisation dahinter? Besuch bei einem Unternehmen, das Sensationen mit buchhalterischer Genauigkeit verwaltet - und so Millionen verdient.

Von Andreas Bernard  



Rekordhalter - Rekordrichter - Rekordhalterin: Guiness-Chef Craig Glenday mit seinen Pappkameraden, dem größten Mann und der kleinsten Frau der Welt, dem Türken Sultan Kösen und der Inderin Jyoti Amge.

Die Welt ist, was der Rekord ist. Zu dieser Erkenntnis musste man erst wieder vor dreieinhalb Wochen gelangen, als Felix Baumgartner vom Himmel sprang und »gleich vier Weltrekorde auf einmal verbessern wollte«, wie es in jeder Meldung hieß. Gerade in einer Zeit, in der Selbstdesign und Wettbewerb alles ist, hat die exakt messbare Höchstleistung einen Wert wie nie zuvor. Wer einen Rekord hält, hat seinem Leben einen Sinn verliehen.

Die Institution, die den Kosmos der Superlative wie keine andere verkörpert, hat ihren Hauptsitz in London. Das Guinness Book of Records ist nach der Bibel und dem Koran das meistverkaufte Buch überhaupt (und hält damit selbst einen Rekord); alle Ausgaben seit dem Gründungsjahr 1955 erreichen zusammengerechnet eine Auflage von über 150 Millionen. Inzwischen gibt es Büros in New York, Tokio, Sydney, Peking, Mumbai, Panama, Paris und Hamburg und zahlreiche eigene Fernsehshows weltweit, und wer sich auf den Weg in die Zentrale im Londoner Stadtteil Camden macht, hält unwillkürlich Ausschau nach einem Büropalast aus Stahl und Glas, der einer solchen globalen Organisation entsprechen könnte. Doch die angegebene Postadresse führt nicht in ein repräsentatives Foyer mit Empfang und Wartelounge, sondern in das leicht schmuddelige Treppenhaus eines dreistöckigen Backsteinbaus, in dem alle Etagen außer der obersten gerade leer stehen.

Das »Guinness«-Hauptquartier selbst erinnert eher an ein junges Start-up-Unternehmen. In dem mit Werbeaufstellern und Erinnerungsstücken vollgepfropften Großraumbüro sitzen ein paar Dutzend Leute hinter den Rechnern, es dominieren Hornbrillen, Röhrenjeans und Fahrradkurier-Taschen. Die meisten Mitarbeiter sind für die Entgegennahme und schriftliche Bearbeitung von Rekordanfragen zuständig, die grundsätzlich an die Londoner Zentrale weitergeleitet werden und in englischer Sprache abgefasst sein müssen. Woche für Woche erhält Guinness rund tausend E-Mails mit Angeboten, im Jahr also 50 000, von denen mehr als die Hälfte sofort für unbrauchbar erklärt und mit Standard-Antworten abgelehnt wird.

Craig Glenday, Anfang 40, ist seit 2004 der Chefredakteur des Guinness-Buchs. Er ist Repräsentant eines Unternehmens, das vom Skurrilen lebt. Glenday erzählt, dass immer nur ein Teil der sechzig Londoner Angestellten im Büro arbeite; die anderen seien als Rekordrichter in der Welt unterwegs: Die meisten als Schlümpfe verkleideten Menschen in Japan, der größte Rum-Cocktail auf Hawaii – so sieht eine typische Arbeitswoche mancher Guinness-Notare aus. Und das erkläre auch den überraschend jungen Altersdurchschnitt im Unternehmen, sagt Glenday, denn ein solches Reisepensum sei nur ohne familiäre Verpflichtungen zu bewältigen: »Ich selbst bin kürzlich für einen Nachmittag nach Australien geflogen, um das größte Risotto der Welt zu wiegen.«

Vor ein paar Wochen ist die Ausgabe für das Jahr 2013 erschienen, und am 15. November, am »Guinness World Record Day«, werden sich wieder Tausende von Menschen zusammenfinden, um Rekorde zu brechen. Wenn man sich das magazinartig gestaltete Buch oder die Website ansieht, stellt sich sofort eine Frage: Nach welchen Prinzipien nimmt die Organisation Rekorde an? In den Anfangsjahren des Guinness-Buchs waren die Dinge übersichtlicher. Neben den zahlreich abgedruckten Sportbestmarken ging es um Gegebenheiten, in der Natur, im Tierreich, beim Menschen, um die bloße Auflistung des Größten, Ältesten, Schnellsten, Schwersten. Heute sind diese aus der Tradition der Wunderkammer kommenden Gestalten – der größte und der kleinste lebende Mann – noch immer die Galionsfiguren des Konzerns, doch umgeben werden sie von einem überbordenden Gemenge an schöpferischen Leistungen in Mikrodisziplinen, deren Existenz bislang niemand kannte. Die meisten Zahnstocher im Bart; die größte durch die Nase geblasene Kaugummiblase; die meisten mit einem Gewicht im Haar zerschlagenen Bretter (von einer deutschen Kandidatin, die ausgerechnet »Janna Vernunft« heißt).

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