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aus Heft 46/2012 Essen & Trinken 3 Kommentare

Saukomisch

Für Schweine scheint es nichts Lustigeres zu geben, als geschlachtet zu werden. Oder was sollen uns die Schilder sagen, die Metzgereien und Restaurants so vor die Tür hängen?

Von Hilal Sezgin 



Die Fleischerei ist ein fröhlicher Beruf. Als Laie macht man sich da oft falsche Vorstellungen. Man denkt, dass ein Fleischer bis über beide Ellenbogen in den Kampf mit der Kreatur versenkt sei. Doch bildliche Darstellungen aus dieser Berufsklasse beweisen: Tatsächlich bedeutet Fleischerei: Party, Lachen und Sonnenschein! Da tanzen die Messer, da sprudelt der Fluss des Lebens, da tragen Schweine von nah und fern ihre Koteletts und Würste herbei. Das Schwein – hier verführte der Biologie-Unterricht schon viele zu Irrtümern –, das Schwein besteht nämlich im Grunde aus Koteletts und Würsten. Der Fleischer befreit diese Koteletts und Würste aus dem Schwein und führt sie ihrer wahren Bestimmung zu. Nicht umsonst spricht man vom »Schlachtkörper«.

»Gegessen zu werden ist der Beruf der Schweine«, sagte einmal ein Metzger. Wie sehr er untertrieb. Nicht Beruf, sondern Berufung! Seine größte Erfüllung aber erfährt das Schwein, wenn es uns an der Fleischtheke seine besten Teile empfehlen oder sich gar selbst servieren darf. Man schaue nur, wie exquisit sich diese Kerlchen dann anziehen. Sie trippeln heran, mit Schürze und Mütze, blendend weiß und frisch gestärkt: Sieht das nicht famos aus auf der rosa Haut?

Jüngst habe ich die Psychologie des Schweins selbst in der Praxis erforscht. Bereits seit ich ein Foto des britischen Autors Alan Bennett mit seinem Hauschwein gesehen habe, war auch ich von dem Wunsch beseelt, einmal ein Schwein spazieren zu führen. Auf einem Gnadenhof in der Nähe der Nordsee fand ich ein Exemplar, das tauglich schien. Mit der Einschränkung freilich, dass es dort in maßloser Freiheit lebt und von Tierschützern verzogen wird. Es heißt Prinz (!) Lui. Die Bäuerin/Hofdame empfahl mir, eine Ananas mitzubringen, das werde ihren Prinzen vor dem Spaziergang gnädig stimmen. Gnädig, na ja. Das Tier zerstörte die Ananas freudig grunzend, legte den Strunk zur Seite und schleckte den Saft auf. Danach ließ es sich in der Tat herab, an die Leine genommen und in Richtung Meer geführt zu werden.

Ich sage »Richtung«. Ein elegantes Promenieren an der Nordsee, mit Schlachtkörper, war meine Vorstellung gewesen. Prinz Lui hingegen zog es (und mich) in ein kleines Wäldchen mitsamt Matschgrube. Deren Inhalt wurde gründlich mit Rüssel und Vorderfüßen geprüft, bevor das Schwein seinen Luxusleib unter behaglichem Geräkel tief in den nach Fäulnis duftenden Matsch versenkte. Oh arme Ananas, dachte ich. Aber du musst es ja nicht mehr miterleben.

Dem Schwein hingegen drohen noch zehn, zwanzig Jahre. Kurz vor unserem Abschied – von seiner Erdkruste geschützt, faulenzte es in der Nachmittagsonne – wagte ich, die Sprache darauf zu bringen. »Lui«, sagte ich. »Prinz«, korrigierte er mich. »Also Prinz Lui. Ist es für Eure Hoheit nicht sehr betrüblich, den Weg allen Fleisches gehen zu müssen wie wir Menschen? Staub zu Staub, keine blitzenden Messer und Würste, einfach nur der banale Tod?« – »Ja, ich werde wohl auf mein natürliches Ende warten müssen«, seufzte das Schwein. »Nie dürfen meine Koteletts und Würste das Glück von Pfanne und Grill erleben. Aber was soll ich machen? Wir müssen uns fügen in das, was der erhabene Schweinevater über den Wolken uns zugedacht hat – hast du noch was zu futtern?« Ich hatte noch und gab es ihm, mühsam meine Tränen unterdrückend. Gern hätte ich jetzt ein Messer zur Hand genommen und dem mampfenden Prinzen den Gnadenstoß gegeben. Ich gestehe, mir fehlte die Traute, und so überließ ich das Tier seinem Schicksal voll Sonne, Matsch und Ananas.

(Fotos: Heidemarie Niemann, Maximilian von Reumont, David E. Weekly, Robert Swanson)
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