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aus Heft 46/2012 Gesellschaft/Leben Noch keine Kommentare

Eine Leere fürs Leben

Das Zocken hat keinen guten Ruf, in der Finanzkrise schon gar nicht. Trotzdem sind die Wettbüros voll. Besuch an einem Ort der kleinen Träume und großen Hoffnungen.

Von Peter Praschl  Fotos: Armin Smailovic


Es läuft die 80. Minute. Die Bayern führen 3:0, obwohl sie mit einer B-Mannschaft aufgelaufen sind, die Quoten für einen Sieg der Lauterer sind auf 500 geklettert. Würde Kaiserslautern in zehn Minuten vier Tore schießen, könnte man mit einem Zehner 5000 Euro machen. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich, am Tag zuvor erst hat Arsenal einen Vier-Tore-Rückstand in einen 7:5-Sieg umgedreht. Zehn Euro Einsatz, 4900 Euro Gewinn.

Außer mir ist niemand aufgeregt. Die Stammspieler im Wettbüro nehmen solche Traumquoten nicht einmal zur Kenntnis. Sie sind keine Spinner, sondern Wetter. Sie wollen keine Coups landen, sondern im Geschäft bleiben. Das klappt nur, wenn sie ihre Gefühle ausschalten, sich auf Erfahrungen verlassen statt auf Impulse. Sie sind Männer, die wissen, wie der Fußball funktioniert, auch wenn in der armenischen Liga Ulisses Jerewan gegen Mika Aschtarak antritt.

Im Spätsommer hatten sie immer sehr überzeugend ausgesehen, wenn sie ein paar Straßen von meiner Wohnung entfernt vor dem Wettladen standen, rauchten und auf jene wortkarge Art miteinander fachsimpelten, in der Männer miteinander reden. Nach ein paar Minuten gingen sie wieder hinein und ihren Geschäften nach. Durch die mit einer milchigen Folie verklebte Türe konnte ich nicht ins Innere sehen. Vielleicht war es das, was mich reizte: hinter die Folie zu sehen. Jedenfalls beschloss ich, für ein paar Wochen hinzugehen.

Links hinter dem Eingang eine Theke, an der eine Frau Wetten annimmt, sie ist die einzige im Wettbüro. Es gibt ein paar Tische, an denen man sitzen und seinen Wettschein ausfüllen kann, einen Teppichboden, der Straßenschmutz abkann, und leuchtstoffröhrengrelles Licht. In einer Ecke steht ein Automat, aus dem sich für 20 Cent Kaffee zapfen lässt, er hat Extratasten für Espresso und Cappuccino, die kaum je benutzt werden, die meisten holen sich den Kaffee nur, um den Becher als Aschenbecher zu benutzen, das Rauchen ist zwar verboten, aber niemand stört sich daran. Das Wichtigste sind die Listen mit den Wetten, die man am jeweiligen Tag eingehen kann, und die elektronischen Anzeigentafeln, die die Spiele auflisten, die gerade laufen oder gleich angepfiffen werden: Spielnummer, beteiligte Mannschaften, Quoten; falls das Match schon läuft, das Zwischenergebnis. Auf drei Monitoren kann man auch Fußballspiele ansehen, türkische Liga, englischer Cup, Inter gegen Sampdoria, was eben gerade ausgestrahlt wird. Es sieht kaum jemand hin.

So sitzen wir da. Zwanzig, dreißig Männer, die auf ein paar Tafeln starren, auf denen nichts anderes zu lesen ist als Quoten und Zwischenspielstände, mehr erfährt man von den Spielen nicht. Man weiß nicht, was auf dem Platz gerade passiert, ob irgendein Defensivschlächter den gegnerischen Stürmer mürbe foult, ob ein Torhüter einen Unmöglichen von der Linie gekratzt hat, ob eine Mannschaft die Pest hat und den Ball auch in zehn Stunden nicht versenken wird, der Rasen ein Acker ist und der Schiedsrichter blind. Es ist eine Art, sich mit Fußball zu beschäftigen, die ich noch nicht kannte, so ergebnisorientiert wie Mannschaften, die gegen den Abstieg spielen. Es geht nicht um Schönheit, um Tore aus unmöglichem Winkel, nicht einmal um Spannung. Das Einzige, worauf es ankommt, ist das Ergebnis. Und die Frage, ob am Ende ein Gewinn ausgezahlt wird. Vielleicht ist es die reinste Form Fußball anzuschauen, am Ende zählen allein die Zahlen.

Nach ein paar Abenden ist klar: Im Stamm der Sportwetter existieren dieselben Unterschiede, Typen und Marotten wie in jedem anderen Stamm. Es gibt die Alleinewetter, die immer am selben Platz sitzen und genervt sind, falls man sich unwissend ihren Stuhl genommen hat. Es gibt den Unterhalter, immer gut drauf, Pferdeschwanz, gute Jeans, dicke Uhr, ein Typ, der sich an seinen eigenen Eingebungen berauschen kann. »Nächstes Tor Augsburg«, verkündet er mit dem Enthusiasmus eines Stadionsprechers und macht einen Wettschein klar, um hinterher, wenn Augsburg ein Tor kassiert hat, statt eines zu schießen, einen Fluch loszuwerden. Es gibt die Cliquenwetter, die zu viert am Tisch sitzen, ein Schweigsamer, der bloß als Mitläufer dabei ist, zwei Charaktere in Mittellage, die die Unterhaltung am Laufen halten, und ein Checker, ein Mann, der alles zu wissen scheint, zum Beispiel, wer in der türkischen Liga ganz sicher noch kommen und einen Durchmarsch starten wird oder was man von Universidad Cluj erwarten darf, er spricht mit der Autorität eines Trainers, der schon durch die ganze Welt gezogen ist. »Gute Mannschaft«, sagt er, »immer gut für einen Sieg«, er lässt sich nicht anmerken, ob er beim Wetten gewinnt oder verliert, wahrscheinlich käme ihm das zu hysterisch vor. Es gibt sogar Männer, die gar nicht wetten. Sie sitzen bloß da, im Warmen und in der Gemeinschaft der anderen, meistens still, hin und wieder versuchsweise einen Spruch klopfend, auf den niemand reagiert.

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