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aus Heft 47/2012 Kino/Film/Theater

»Ich bin eine Ausgestoßene«

Seite 2: »Meine Kinder wären vermutlich schwer geschädigt, wenn ich keine Filme machen könnte«

Michaela Haas (Interview)  Foto: Klaus Bo

(Foto: Les Kaner)
In Ihren Filmen stimmt zunächst alles, doch unter der Oberfläche lauert die Katastrophe.
Ich glaube, diese Art Dinge wahrzunehmen hat auch mit meiner jüdischen Herkunft zu tun. Mein Vater war deutscher Jude, der 1933 als Kind nach Dänemark floh, meine Mutter wurde als Jüdin in Dänemark geboren. Als die Nazis begannen, auch dort die Juden zusammenzutreiben, flohen beide auf einem Boot nach Schweden. Als Jüdin habe ich deswegen einen eingebauten Sensor für potenzielle Katastrophen. Und das alles wird noch mal schlimmer, wenn ich mir vorstelle, was meinen Kindern alles zustoßen könnte. Ich habe eine sehr lebhafte Fantasie. Wenn ich sie auslebe, wird es wirklich böse. Da muss ich mich manchmal selbst stoppen.

Oder Sie übertragen diese Fantasie in Ihre Filme.
So ungefähr. Meine Kinder wären vermutlich schwer geschädigt, wenn ich keine Filme machen könnte. Dann müssten sie alles ausbaden.

Begleitet Sie Ihre Familie zu Dreharbeiten? Ihr Mann ist Komponist, er könnte doch sogar mit Ihnen zusammenarbeiten.
Aber er macht keine Filmmusik. Meine Kinder besuchen mich hin und wieder bei Dreharbeiten, aber so toll ist das nicht, ich bin ja schwer beschäftigt.

Die Deutschen sind seit einiger Zeit regelrecht süchtig nach Filmen und Krimis aus Skandinavien. Können Sie sich erklären warum?
Wahrscheinlich denken Deutsche so wie alle anderen auch: nämlich, dass das Leben anderswo prickelnder wäre. In Dänemark zum Beispiel sind wir davon überzeugt, dass wir alle glücklicher wären, könnten wir in einem kleinen italienischen Dorf wohnen. Ich denke nicht so, ich lebe gern in Dänemark.

Und Ihre Filme sind sehr dänisch, jedenfalls was die Einsilbigkeit der Menschen betrifft. In einer Szene Ihres neuen Films druckst die Hauptdarstellerin auf die Frage ihres untreuen Mannes, ob sie ihn zurücknimmt, nur ein einziges Wort heraus. Dabei gäbe es einiges zu sagen.  
Sie werden es nicht glauben, meine Figuren reden mehr als in anderen dänischen Filmen. Aber es stimmt, wir sind eine eher wortkarge Nation. Ich selbst bin ja auch nicht sehr gesprächig. Es kommt vor, dass mein Gesprächspartner am Telefon sagt: Hallo? Bist du noch dran?

Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zu Deutschland?
Ich könnte Wetten darauf abschließen, dass jedes Mal, wenn ich in Deutschland bin, jemand auf mich zukommt, meistens jünger als ich, um mir über seine jüdischen Großeltern zu erzählen. Da scheint es immer noch viele Schuldgefühle zu geben. Irgendwann werde ich sicher einen Film über den Holocaust und die Geschichte meiner jüdischen Eltern machen.

Sie haben einen kurzen Ausflug in die Dogma-Familie gemacht. Sind Sie mit Ihrem Kollegen Lars von Trier, dem Gründer von Dogma, befreundet?
Unsere Töchter sind sehr gut befreundet, sie gehen in die gleiche Klasse. Ich habe enormen Respekt vor Lars von Trier als Regisseur. Vor seinen politischen Ansichten und seinen Ansichten über mich schon weniger.

Vor knapp zwei Jahren sagte von Trier in Cannes unter anderem, dass er lange Zeit Jude war und sehr zufrieden damit. Dann habe er Sie getroffen und sei nicht mehr so froh darüber gewesen. Sie haben auf diesen groben Ausfall nie reagiert.
Nein, und ich werde es auch nie tun. Es gibt genügend Konflikte in dieser Welt, da müssen wir uns keinen neuen ausdenken. Glauben Sie mir, einen guten Film zu machen, ist schwer genug - und mir viel wichtiger.

Susanne Bier,
52, ist eine der international erfolgreichsten Regisseurinnen der Welt. Bier wurde in Kopenhagen geboren und studierte Kunst in Jerusalem und Architektur in London, bevor sie sich an der Nationalen Filmschule in Dänemark einschrieb. Für ihren Film In einer besseren Welt gewann die Dänin 2011 sowohl den Oscar als auch einen Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film und den europäischen Filmpreis für die beste Regie. Schon ihr Film Nach der Hochzeit über eine komplexe Familie war 2006
als bester fremdsprachiger Film für einen Oscar nominiert worden. Fast immer geht es um Familien am Rande einer Katastrophe: In Eine neue Chance mit Halle Berry und Benicio Del Toro verliert eine glückliche Ehefrau plötzlich ihren Mann, in Zwischen Brüdern ringt ein Soldat mit seinem Afghanistan-Trauma, in Für immer und ewig (2002), ihrem Ausflug in das Dogma-Kino, muss ein junges Pärchen nach einem katastrophalen Autounfall neu anfangen. Ihr neuer Film Love Is All You Need
mit Pierce Brosnan und Trine Dyrholm ist gerade in Deutschland angelaufen. Es ist ihr fünfter gemeinsamer Film mit dem Drehbuchautor Anders Thomas Jensen.

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Michaela Haas findet es besonders mutig, dass Pierce Brosnan in Susanne Biers Film die Rolle des einsamen Witwers angenommen hat. Brosnans erste Frau starb nämlich tatsächlich an Krebs.