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aus Heft 47/2012 Liebe & Partnerschaft

Wenn Gefühle einfach fehlen

Seite 2: Es gab keine Umarmungen zu Hause.

Gabriela Herpell  Foto: Gianni Occhipinti

Mit dreißig wurde ich rappelig. Auf jede verdammte Hochzeit musste ich allein gehen, das ist echt anstrengend. Vor dem Brautstrauß bin ich jedes Mal davongelaufen. Vielleicht hätte ich mal was ändern sollen. Aber ich kann mit dem ganzen Hochzeitsthema nichts anfangen, ich weiß ja nicht mal, was eine Beziehung ist. Irgendwann verkrampft sich das Verhältnis zu allen Männern. Wenn man bei jedem anfängt nachzudenken, wäre das jetzt einer oder nicht? Das ist ja totaler Quatsch.

Mir ist klar, dass ich nicht schlecht aussehe. Doch gutes Aussehen hilft nichts. Man braucht Mut. Damit meine ich mich selbst. Und die Hemmschwelle, mit jemandem zusammenzukommen, wenn man noch nie mit einem Mann zusammen war, wird immer größer. Ich habe Freundinnen, die gehen abends in einen Club und reißen irgendwelche Typen auf. Das geht für mich nicht. Ich hätte Angst davor. Ich habe nie den Mut aufgebracht zu spielen, zu flirten. Ist doch komisch, wenn man noch nie mit jemandem zusammen war. Wann soll man dem Typen erzählen, dass man sexuell unerfahren ist?

Sie erzählt stockend. Ist ja auch kein angenehmes Thema. Außerdem hat sie nicht gerade Übung darin, über solche Dinge zu reden. Ihre Eltern fragen nicht und haben auch nie gefragt, was denn so los ist bei ihr, privat. Höchstens an Geschichten aus ihrem Berufsalltag waren sie interessiert. Es gab keine Umarmungen zu Hause, nichts Überschwängliches, keine Gefühle.

Eine ihrer beiden viel älteren Schwestern ist ewiger Single wie sie, beruflich ausgelastet, immer viel um die Ohren. Sie wohnt in einer WG und hat das Thema Liebe für sich abgeschlossen. Aber sie hat, »wenigstens«, sagt Katharina, ein paar gescheiterte Beziehungen hinter sich. Die andere Schwester ist verheiratet und hat zwei Kinder. Ihr sagt Katharina manchmal, dass sie nicht glücklich ist. Diese Schwester meint, das sei ja alles kein Wunder, so wie es bei ihnen zu Hause war. Wie die Eltern mit Gefühlsdingen umgegangen sind.

Katharinas beste Freundin seit der ersten Klasse, verheiratet, ein Kind, ist eine der wenigen, mit denen sie offen über ihr Problem spricht. Sie tröstet sie dann: »Irgendwann findest du schon jemanden.« Katharina denkt in so einem Moment, aufgebracht inzwischen: Oder eben auch nicht!

Wenn sie eingeladen wird, fürchtet sie sich vor der Frage, ob sie jemanden mitbringen möchte. Sie antwortet so etwas wie: »Ich glaube, mein Freund hat da frei.« Und lacht. Die anderen wissen, dass das gelogen ist. Aber das Thema ist damit abgehakt für den Abend.

Mit ihren Freunden, die in Beziehungen leben und Kinder haben, ist ein Zusamensein oft schwierig. Vor allem, wenn sie sich beklagen. Oder sich streiten. Oder sich darüber beklagen, dass sie oft streiten. Katharina findet, sie sollten froh sein, sich zu haben. Sie weiß, dass Streit zur Liebe oder zur Partnerschaft gehört. Aber sie glaubt, dass die Leute nicht zu schätzen wissen, wie es ist, jemanden zu haben, mit dem man das Leben teilt. Und dass das keine Selbstverständlichkeit ist.

Der Druck, den andere ihr machen, das Gefühl, nicht zu passen, ist oft schlimmer für sie als ihre Sehnsucht. Allerdings, meint der Paarberater Michael Mary, »ist der innere Konflikt eigentlich immer da, das Außen stößt einen nur darauf. Denn auch wenn man jahrelang allein klarkommt und ein gutes Leben führt, wird der Zustand irgendwann zum Problem. Weil man nur über die Bestätigung eines anderen das Gefühl bekommt, als Mensch liebenswert und einzigartig zu sein.«

Den Rat, dass sie einfach nicht mehr suchen, sondern locker lassen soll, hat sie natürlich auch gehört. Nur wie das gehen soll, hat ihr keiner verraten. Sie hat versucht, die Hoffnung aufzugeben. »Denn hoffen heißt warten«, sagt sie. Es ist ihr nicht gelungen.

Der nächste Schritt: an den eigenen Erwartungen etwas ändern. Katharina hat sich, wie wahrscheinlich fast alle, gewünscht, dass die Liebe einfach so passiert. Dass man sich beim Bäcker gegenüber steht und die Erde bebt. Oder so. Um sich davon zu lösen, hat sie die Online-Partnervermittlung Parship ausprobiert. Drei Wochen lang hat sie im Netz jeden Abend Partnervorschläge gelesen, aussortiert, beantwortet, zehn Männer getroffen. Nichts.

Bei Parship war es auch so: Sie haben verschiedene Ratgeberthemen, aber darin beziehen sie sich auf Leute, die schon Beziehungen hatten und auf ihren Erfahrungsschatz zurückgreifen können. Ich habe deshalb an Parship geschrieben, jetzt haben sie einen Ratgeber für Leute in ihr Programm genommen, die noch nie eine Beziehung hatten.

Man ist ein Alien. Und denkt eines Tages: Die anderen sehen mich auch so. Wenn das erst mal eingetreten ist, kriegt jeder anzügliche Spruch wie »lange nicht gefickt, oder?«, von dem man ja weiß, dass er nur so dahingesagt ist, eine Bedeutung. Natürlich lache ich mit – obwohl ich gar nicht wirklich weiß, was gemeint ist. Man sieht es auch in Filmen, liest darüber in Büchern, ist ja nicht wirklich so, als käme man von einem anderen Planeten.

Auf dem Oktoberfest hat einer mich mal angemacht, und als ich mich nicht drauf eingelassen habe, hat er gesagt, »die hat ja wohl noch nie«. Das war, als wäre ich ertappt worden. Ich habe mich total erschrocken. Und mich gefragt: Sieht man das?


Seit Kurzem hat Katharina nun doch einen Freund. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, sie haben sich nicht beim Bäcker gesehen, die Erde hat nicht gebebt. Sie haben sich, wenn man so will, klassisch kennengelernt: über Freunde. Und sich einander langsam angenähert.

Er ist ähnlich unerfahren wie sie, also das Gegenteil eines Draufgängers. Aber wenn sie coolen Typen gegenüberstand, dachte sie ohnehin immer: Das ist so ein cooler Typ, das kann nichts werden. Mit ihrem Freund hat sie das Gefühl, als gingen zwei Vorsichtige zusammen aufs Glatteis. Tröstlich. Nicht bedrohlich.

Vor Kurzem war sie bei ihren Eltern zu Besuch und hat ihnen Bilder gezeigt, da saß ihr Freund auf ihrem Bett. Ein Mann, den die Eltern noch nie gesehen hatten. Sie reagierten nicht. Als es um die Geburtstagsfeier des Vaters ging, sagte sie, Sven kommt mit, okay? Die Eltern fragten nicht, wer ist denn Sven? Beim Essen taten alle so, als hätte es Sven immer schon gegeben.

Dann machte sie es offiziell und stellte ihren ersten Freund ihren Eltern vor, etwas, was andere zwanzig Jahre früher machen. »Ich glaube, wir sind jetzt so ungefähr bei Alter 17 oder 18 angekommen«, sagt sie. In ihren Augen ist keine Wehmut mehr zu sehen, sondern ein Funkeln. Sie schlüpft in ihren Dufflecoat und beeilt sich, denn sie hat ein Date. Mit ihrem ersten Freund.
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Die Geschichte von Katharina Engel hat Gabriela Herpell an ein Lied von Zarah Leander erinnert: »Ich hab’ vielleicht noch nie geliebt«. Darin heißt es, sehr, sehr schön: »Ich war noch nie zu Tod betrübt, nie war voller Glück mein Herz. Und was fängt man am End mit dem Herzen an, wenn es keinen gibt, dem man es schenken kann«. Nachzuhören auf zarahleander.de

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