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aus Heft 48/2012 Das Beste aus aller Welt

Das Beste aus aller Welt

Axel Hacke  Illustration: Dirk Schmidt

Was tun gegen die um sich greifende Faulheit? Unser Autor hätte einen Vorschlag, die Fahrstühle betreffend, und bedankt sich schonmal im Voraus bei Bahn- und Bus-Unternehmen, die im Winter den Betrieb einstellen.




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An der Universität Cambridge hat ein Team um die Sozialpsychologin Theresa Marteau herausgefunden, dass Menschen ihre Gewohnheiten selten aus guten Gründen ändern, eher aus Bequemlichkeit. Beispiel: Es hilft wenig, den Leuten dauernd zu erklären, dass es gesünder ist, die Treppe anstelle des Fahrstuhls zu nehmen, solange der Lift gut funktioniert und ständig zur Verfügung steht. Lässt man aber Fahrstühle langsamer fahren, schaltet man einen von mehreren ab oder manipuliert die Türen so, dass sie sich nur sehr langsam öffnen und schließen: Sofort benutzen die Menschen die Treppenhäuser. Und Treppensteigen steigert den Puls, trainiert die Muskulatur, fordert das Herz, senkt das Körpergewicht. Macht Fitnesscenter überflüssig.

So weit die wissenschaftliche Erkenntnis. Was aber geschieht? Wie verändert sich die Welt auf Grund der Ergebnisse? Weiterhin fahren die Fahrstühle auf und ab, moderne Türen öffnen und schließen leise surrend und zügig, ja, die Menschen klagen, sie öffneten und schlössen sich nicht rasch genug. Die Leute schimpfen über zu langsame Personenbeförderung! Und die Treppenhäuser sind leer, in manchen riecht es unangenehm, die Schritte der Gesundheitsbewussten verhallen.

Dabei müsste eine vorausschauende Gesundheitspolitik sofort alle Fahrstühle schließen. Treppen dürften nicht nur für den Notfall zu Verfügung stehen und Lifte dem Normalbetrieb dienen, sondern es müsste umgekehrt sein: Ist alles in Ordnung, steigen wir Treppe. Erst, wenn ein Haus dringend evakuiert werden muss, werden die Fahrstühle überhaupt eingeschaltet und bringen die Menschen zügig von Ort und Stelle. Im Grunde fragt man sich, warum Fahrstühle nicht verboten werden, außer für Rollstuhlfahrer. Sie machen uns krank. Wir werden an unserer verdammten Faulheit noch verrecken! Sie ist uns angeboren, Bequemlichkeit steckt in unseren Genen. Man müsste eine Anti-Fahrstuhl-Liga gründen. Ja, dieselben Leute, die das Verbot des Rauchens in Gaststätten durchgesetzt haben, sollten sich nun mal die Liftproblematik vorknöpfen. Das Wort »Warmduscher« müsste durch »Liftbenutzer« ersetzt werden. In jeden neuen Fahrstuhl müssten gezielte Sollbruchstellen der Leitungen eingebaut werden, sodass ihre Benutzung ein größeres Risiko mit sich bringt; wer öfter mal stecken bleibt, fährt so schnell nicht wieder, schon gar nicht, wenn das Personal ihn nach seiner Befreiung mit verächtlichen Blicken straft und einmal mahnend auf die Schilder hinweist, auf denen steht: »Achtung, Liftfahren gefährdet Ihre Gesundheit!« Wobei man ja Zeit genug hatte, diese zu studieren.

Was gibt Hoffnung? Die Verkehrsbetriebe in großen Städten, die Berliner Vitness-Gesellschaft (BVG) und der Münchner Vorsorge-Verbund (MVV) zum Beispiel, werden im Winter wieder gezielt Störungen in ihren Betrieb einbauen, um die Menschen gesund zu halten. Ein von Jahr zu Jahr auf Grund sozialpsychologischer Studien und nach modernsten medizinischen Erkenntnissen optimiertes Gesundheitsprogramm läuft an: Unter dem Vorwand technischer Probleme werden stundenlang keine Züge fahren, die Wetterverhältnisse werden bei erstbester Gelegenheit genutzt, den Menschen vor Augen zu führen: Du kannst auch zu Fuß gehen. Vielleicht bringt dich ein Fahrrad sogar schneller ans Ziel als wir. Auch wenn es schneit: Gerade dieser Aufenthalt an der frischen Luft wird deine Bronchialsituation verbessern. Die Kälte des Bahnsteigs zwingt dich zur Bewegung. Und siehst du nicht die schönen Treppen da, hinunter ins Tiefgeschoss? Nutze sie!

Ein Lift? Ist gerade kaputt. Und dein Auto willst du nehmen, wenn wir nicht fahren? Bist du sicher, dass die Kollegen Straßen räumen, wenn sie im Januar der Winter überrascht? Sorry, aber dafür liegt uns allen deine Gesundheit zu sehr am Herzen.

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Nein, liebe Leserinnen und Leser! Es besteht kein Zusammenhang zwischen diesem Text und dem großen Stromausfall in München, der vor zwei Wochen etliche Fahrstühle lahmlegte! Und bei dem Kolumnistenschatten, der früh morgens ins Umspannwerk huschte, handelte es sich auch nicht um Axel Hacke.

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