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bedeckt München
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aus Heft 49/2012 Deutschland

Wird schon gehen

Seite 3: »Hundeschule Zwanglos«

Alex Rühle  Fotos: Gerald von Foris


III.

Das Wandern als Klammer: Ich bin zwei Tage aus München in die Landschaft und Provinz rausgelaufen, jetzt mach ich’s umgekehrt, von der menschenleeren Mark Brandenburg zu Fuß in die Hauptstadt. Der nette Wiesbadener, der mittlerweile zum Leben nach Polen rüber muss, lässt mich am Donnerstagnachmittag in Ludwigsfelde raus, 35 Kilometer südlich von Berlin-Mitte. Felder, Birken, flaches Land, alles eher Grau-zone. Da ich keine Wanderkarte von der Gegend habe, laufe ich in einem merkwürdigen Zickzack über Ahrensdorf zurück nach Ludwigsfelde. Alle, die ich nach dem Weg nach Berlin frage, klingen so erstaunt, als würde ich nach der Route nach Minsk oder Lissabon fragen. Im Ernst? Zu Fuß?

Sandiger Boden, »Hundeschule Zwanglos«, leere Schrebergärtenkolonien, und das letzte Licht versickert: Hier oben wird’s merklich früher dunkel als in München. Mir fallen die Berliner Winter wieder ein, die Winter, die ich erlebt habe, als ich hier studierte: Fühlten sich immer an, als würde die Stadt im Oktober den Kanaldeckel über sich zuklappen, und dann lastet dieser graue Himmel vier Monate lang so tief über einem, dass man sich dran aufhängen könnte.

Folgt der ätzendste Teil: die Bundesstraße nach Großbeeren und Teltow, abends zwischen fünf und sieben. Kein Fußweg, kein Radweg, auf beiden Seiten steile gestrüppbewachsene Böschung. Bleibt nur, auf der schmalen Straße langzulaufen. Ein dunkler Opel brettert hupend vorbei, dreht um, hält auf der Gegenspur an, Technobässe, der Typ schreit raus, ich sei ja wohl nicht mehr ganz dicht. Stimmt, mein linker Fuß fühlt sich nass an, die Blasen müssen aufgegangen sein. Ich find’s jetzt ziemlich grausam, wie jeder ausgeschilderte Kilometer auch darauf beharrt, bis auf den letzten Meter gegangen zu werden. Abends, im »Hoteltow« in Teltow, hab ich Sand in beiden Schuhen.

Und dann Berlin, die alte Sau. Aus München kann man innerhalb einer Stunde rauslaufen. Berlin ist wie ein Pfannkuchenteig, der immer weiter ins Umland ausfließt. Als ich am Freitagmittag durchs Kreuzberger Freiluft-Trendlabor laufe, komm ich mir erstmals aussätzig vor in meiner verschwitzten Kluft und muss an Seume denken, der auf seiner Wanderung nach Syrakus regelmäßig für Irritationen sorgte, wenn er in den Gasthäusern auftauchte: Dachsrucksack, »schwerbezwingter Knotenstock«, grimmiger Blick. Oft ist er dann einfach weiter und schrieb abends schnaubend, er habe noch mal ein paar Stunden die Chaussee »abtornistert« oder sei »trotzig vor sich hin gestapelt«.

Auch was Berlin betrifft, mach ich’s jetzt wie Seume, der das Genre des kulturhistorischen Reiseberichts in seinem Buch regelmäßig mit großem Vergnügen torpedierte: »Ich lief eine Stunde in Pompeij herum und sah, was die anderen auch gesehen hatten.« Also rein nach Berlin: Teltowkanal, Steglitz, Südkreuz. Als ich den Weg an den Gleisen abtornistere, überholt mich ganz langsam eine Lok mit der riesigen Aufschrift: »Wir sind fast am Ziel. Steigen Sie ein.« Erst beim zweiten Hinsehen entdecke ich den Satz: »Gemeinsam für eine Welt ohne Kinderlähmung«.

Yorckstraße, Mitte, SPD-Zentrale. Am Checkpoint Charlie fotografieren mich einige Touristen, vielleicht halten sie mich mit meinem Rucksack für den letzten Republikflüchtling. Dann bin ich da. Dorotheenstraße 33. Ich fahre in den sechsten Stock hoch und werde von den Kollegen des ZEIT-magazins nett empfangen, störe aber auch ihr stilles Bildschirmarbeiten. Auf der Dachterrasse (die haben eine Dachterrasse!), trinke ich mit Blick auf den Fernsehturm eine Flasche Mineralwasser, dann mache ich mich auf zum ICE.

Bleibt die Sache mit der Konkurrenz. Im Nachhinein würde ich sagen, dass ich aus diesem Thema, das mich vor der Wanderung so viel beschäftigt hatte, schon am ersten Nachmittag rausgewandert bin. Kaum hatte ich meinen Rhythmus gefunden, war es mir eigentlich egal, was Uslar treibt. Kaum aber bin ich wieder zu Hause, nagt es: Wo der wohl ist, was er wohl macht? Oha, der twittert ja sogar von unterwegs. Muss ich jetzt also noch konkurrenzkompatible Rekorde apportieren?

Na denn: Der schönste Satz fiel in einem Teltower Restaurant, am Nebentisch. Vier Systemadministratoren sitzen bei griechischem Essen und Bier, der eine erklärt den anderen die Welt: »Weeste ditt noch, wo ich jesacht hab, der Chinese wenn richtich Luft holt, hab ich jesacht, is hier bei uns der Ofen aus.«

»Haste jesacht. Wees ick.«

»Und? Wat is? Ofen aus.«

Pathetischster Moment: Am letzten Morgen merke ich beim Packen, dass sich eine einzelne Socke meines Sohnes in meinen Rucksack verirrt hat. Ich habe in den Schuhen meines Vaters eine blaue Socke meines Sohnes durchs Land getragen. Rührung im Hotelflur.

Größte Verblüffung: Ich bin durch viel Natur gekommen die ersten beiden Tage, habe aber kein einziges wildes Tier zu Gesicht bekommen. Am letzten Morgen, am Teltowkanal, schon Teil des Berliner Stadtgebiets, sehe ich zwei Reiher, einen Milan, einen Eisvogel und einen Fuchs. Am beeindruckendsten aber waren die Biberspuren. Ganze Bäume waren umgenagt, an anderen hatten sie die breiten Zähne gewetzt.

Die entlegenste Ecke war Waldsassen, das beste Bier gab’s im Hotel in Cheb und der schrägste Ort war der Autohof Nempitz, auf dem gibt es nämlich neben handelsüblicher Tankstelle und Rastrestaurant das »einzige Erotikparadies auf einer Autobahn«. Das war ein groteskes Huschen. Nur die Fernfahrer gingen stolzen Schritts auf die Kaschemme zu.

Ansonsten: 102 Kilometer Wanderstrecke. Fünf Blasenpflaster. Und am Tag nach meiner Rückkehr sagt meine Tochter abends im Bett: »Was ist eigentlich ein Konkurrent? Ist das ein Feind?« – »Na ja, das ist einer, der dasselbe macht wie man selber, und jeder will besser sein als der andere.« – »Ah. Dann ist das ein klitzekleiner Feind.«

➳ Für die Konkurrenz hat sich Moritz von Uslar auf den Weg von Berlin nach München gemacht. Bei uns in der Redaktion ist er allerdings nie aufgetaucht. Ob er den ganzen Weg gelaufen ist, welche Gegend die finsterste war und wo es die beste Bratwurst gab, erzählt er Ihnen im ZEITmagazin.

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Alex Rühle hatte nur ein Wanderbuch dabei: »Gehen« vom Norweger Tomas Espedal, der mit schwarzem Anzug und Doc-Martens-Stiefeln durch ganz Europa und weit aus seinem Leben hinauswandert.  

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