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aus Heft 50/2012 Gesellschaft/Leben

»Wir steuern auf eine Katastrophe zu«

Seite 3: Um denken zu können, bedarf es einer Stille und Leere.

Tobias Haberl (Interview)  Fotos: Michael Wolf


Glauben Sie, dass die digitale Vernetzung langfristig negative Auswirkungen auf die Psyche der Menschen haben wird?
Das kann man heute nicht sagen. Aber auffallend ist doch, dass wir so viel kommunizieren, dass es keine Pausen, kein Schweigen mehr gibt. Eine Lücke inmitten dieser Informationsfluten erscheint uns unerträglich, weil Pausen in unserer Informationsgesellschaft keine Rolle mehr spielen. Die Pause ist der Tod. Und deswegen schwätzen wir pausenlos und verlernen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Dabei können Auslassen und Vergessen sehr produktiv sein, ganz zu schweigen von der Intuition, die uns vor lauter Informationen abhanden kommt. Um denken zu können, bedarf es einer Stille und Leere.

Und die gibt es kaum mehr. Ja, wir erleben im Moment eine enorme Beschleunigung des Kreislaufs von Zeichen, Informationen und Kapital. Für diese Beschleunigung müssen alle Geheimnisse, Rückzugsräume, Einzigartigkeiten, Ecken und Kanten beseitigt werden. Nur in der Transparenzgesellschaft stößt der permanente Informations- und Warenfluss auf keinen Widerstand mehr. In der Transparenzgesellschaft ist alles nach außen gekehrt, enthüllt, entkleidet und exponiert. Wir stellen uns selbst aus für Aufmerksamkeit.

Was ist die Folge?
Wir unterstützen den Turbokapitalismus und die neoliberale Leistungsgesellschaft, indem wir alle zur Ware werden. Der einzige Wert, der noch existiert, ist der Ausstellungswert. Das ist eine dramatische Reduktion des Lebens und des Daseins.

Aber wir senden doch pausenlos Nachrichten, um zu zeigen, wie einzigartig wir sind. Ein Irrglaube. Facebook ist ein Ort der Glättung, wo alle deswegen gleichförmig sind, weil sie anders sein wollen. Jeder wird warenförmig gemacht, damit er sich ins System einfügen kann. Auf Facebook kann keiner mehr anders sein. Und das Zentrum der Gleichheit ist der »Gefällt mir«-Button. Warum gibt es keinen »Gefällt mir nicht«-Button? Ein Ratgeberbuch fürs Internet-Dating heißt: Millionen Frauen warten auf dich. Und was tun die Männer? Sie vergleichen. Trennen Sie das Wort mal:
Ver-gleichen, das heißt: Sie machen alles gleich. Wir leben in der Hölle des Gleichen,
in der erotische Erfahrungen nicht mehr möglich sind.

Weil wir zu narzisstisch sind? Ja, mein neues Buch handelt davon. Es heißt Agonie des Eros und beschreibt, dass wir depressiv werden, weil wir uns überall nur noch selbst begegnen. Wir sind erschöpft von uns selbst. Der Eros ist dagegen eine Erfahrung, dass man durch den anderen aus sich selbst herausgerissen wird. Es ist ein Kennzeichen der immer narzisstischer werdenden Gesellschaft, dass der andere verschwindet. Und mit ihm der Eros, also die Möglichkeit der Liebe.

Wo sehen Sie die Grenze dieser Entwicklung? Ich denke, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern.

Aber Antikapitalismus ist wieder chic, ökologisches Bewusstsein erst recht. Ist es nicht möglich, dass wir die Transparenz- und Wachstumslogik durchbrechen und das System reformieren, bevor es implodiert?
Egal wie weit man zurückdenkt, der Mensch lernt nur durch Katastrophen, nie durch Einsicht. In Europa gäbe es heute keinen Frieden ohne den Zweiten Weltkrieg. Arthur Schnitzler hat mal gesagt: »Die Menschen verhalten sich wie Bazillen. Sie wachsen und zerstören dabei den Raum, in dem sie leben, wodurch sie am Ende selbst zugrunde gehen.« Dieser Vergleich leuchtet mir ein. Wir gehen zugrunde, weil wir uns der höheren Ordnung nicht bewusst sind. Weil wir ständig wachsen, werden wir an diesem Wachstum zugrunde gehen.

Was könnte diese höhere Ordnung sein?
Das wüsste nur ein Wesen, das intelligenter wäre als wir.

Der Spiegel hat Sie mal »Philosoph der schlechten Laune« genannt. Jetzt wissen wir, warum.
Ich bin lieber ein Philosoph der schlechten Laune als der Philosoph der guten Laune. Ehrlich gesagt habe ich überhaupt keine Laune. Ich bin manchmal traurig, aber das ist was anderes. Denken ist immer eine Form des Widerstandes. Und ja, ich denke, um dem Tod zu entkommen und dem Leben zu dienen.


Byung-Chul Han
wurde 1959 in Südkoreageboren und lehrt heute als Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an derUniversität der Künste in Berlin. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller »Die Müdigkeitsgesellschaft« (2010) über die zunehmende Kultur der Selbstausbeutung. In seinem Buch »Die Transparenzgesellschaft« (2012) beschreibt er, wie wir uns - unter dem Deckmantel von Demokratie und Informationsfreiheit - zu einer totalitären Kontrollgesellschaft entwickeln.

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Nach dem Gespräch mit Byung-Chul Han hätte Tobias Haberl sofort seinen Facebook-Account gelöscht - wenn er nicht schon vor einem Jahr ausgestiegen wäre. Er fühlte sich dort zwar nie ausgebeutet, dafür ständig belästigt und unendlich gelangweilt.

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