Anzeige

aus Heft 50/2012 Kino/Film/Theater Noch keine Kommentare

»Erfolg kann schädlich sein«

Diese Frau hat Daniel Brühl und Sandra Hüller zu Stars gemacht – weil sie haargenau weiß, wie man die ideale Besetzung für einen Film findet. Ein Gespräch mit der Casterin Simone Bär.

Von Judka Strittmatter (Interview)  Foto: Rosa Merk



Simone Bär steht nur ungern selber im Rampenlicht, sondern verhilft lieber den von ihr besetzten Schauspielern zu Ruhm.

SZ-Magazin: Frau Bär, hat es einen Grund, warum Sie so fernab Ihrer Klientel im Westen Berlins arbeiten? Verstecken Sie sich? Die meisten der 20 000 Schauspieler, die in Berlin leben, wohnen in Mitte oder Prenzlauer Berg.
Simone Bär: Das hat eher praktische Gründe. 1990, als ich anfing, gab es im Osten, wo ich herkam, keine Telefone. Hier schon. Ansonsten kann ich nicht leugnen, dass ich mich lieber auf Abstand halte. Das hält den Blick scharf.

Stehen ab und zu Schauspieler vor der Tür, die einen Job suchen?
In Amerika gibt es den schönen Satz: »Don’t visit, don’t call.« Ein Schauspieler, der einen Caster nervt, dessen Weg endet an der Gegensprechanlage.

Gibt es Bestechungsversuche?
Ja, auch das.

Bis zur Wende haben Sie als Regieassistentin gearbeitet, Sie stammen aus Königs Wusterhausen bei Berlin. Woher wussten Sie, dass Sie eine gute Casterin sein würden?
Das wusste ich natürlich nicht. Ein Freund hatte in München eine Werbefilmproduktion. Der sagte: »Du kennst doch die ganzen Ostschauspieler, mach doch Casting!« Ich fragte: Was ist das denn? Ah, Besetzung. Warum braucht man ein englisches Wort dafür? Mit Werbeclips und Daily Soaps habe ich angefangen.

Trotzdem muss man doch für Menschen und den Schauspielberuf ein Händchen haben, um irgendwann so große Filme besetzen zu können, wie Sie das heute tun.
Das Interesse an Menschen bei mir ist groß, sie faszinieren mich eben. Einen Film zu besetzen, das ist, als würden Sie sich eine Familie bauen. Nach all den Jahren weiß ich, wer gut mit wem kann und auch von der Spielweise zusammenpasst.

Es geht also nicht nur ums professionelle Zusammenarbeiten, die Schauspieler sollten sich auch mögen?
Es ist zumindest die bessere Voraussetzung – finde ich.

Wann war Ihr Durchbruch als Casterin?
Wenn man Erfolg überhaupt bemessen kann, dann ging es los mit Die innere Sicherheit von Christian Petzold, dann kam Good Bye, Lenin! von Wolfgang Becker.

Sie haben diverse Talente entdeckt, auch Sandra Hüller, die Sie für Requiem von Hans-Christian Schmid besetzten.
Damals haben wir nach einem Gesicht gesucht, das nicht zu modern ist. Ich bin durch alle Theater gewandert und habe in Prospekten des Theaters Basel ein winziges Schwarz-Weiß-Foto von ihr entdeckt. Ich habe sie dann um Videomaterial gebeten, und sie schickte mir eine Minute. Eine Minute! In der jedoch fällt ihr rund 15 Sekunden lang ein Taschentuch herunter – großartig. Ich stand neben Hans-Christian Schmid und sagte: Siehste, siehste? Und er erwiderte: Aber was siehst du denn da?

Es gibt Gesichter, die zu modern sind für einige Filme?

O ja. Es gibt Typen und Gesichter, die sind entweder ländlich oder urban, passen besser in einen Historien- oder in einen Gegenwartsfilm. In der DDR auf den Schauspielschulen war es sogar so, dass man nicht zu schön sein durfte, weil das vom Spiel ablenkt. Ich schaue auch, wie jemand mit Sprache umgeht. Hat er diesen Großstadtslang oder kann er auch fein? Man wird nicht jeden Schauspieler zum Bauern machen können. Die größte Schwierigkeit beim Weißen Band war genau dieser Part. Die Hände mussten stimmen!

Ist Sozialisation ein Kriterium?
Wenn ich einen Stoff, der sich mit dem ehemaligen Osten befasst, besetzen möchte, ist es für mich natürlich besser, einen von dort zu nehmen als jemanden, bei dem ich spüre, dass er in München-Bogenhausen aufgewachsen ist. Man sagt zwar, ein Schau-
spieler muss das können, aber ich sehe immer noch Unterschiede. Wie er geht, wie er sich ausdrückt. Man kann spüren, ob jemand Arbeiterklasse oder Landadel ist.

Warum haben Sie dann 2001 Daniel Brühl für die Hauptrolle von Good Bye, Lenin! besetzt?
Er war zu der Zeit einer der begabtesten unter den Jungschauspielern. Ein frisches Gesicht mit hohem Sympathiewert. Aber da gab es auch viel Arbeit, ihn an die Ostsprache anzupassen.

Was muss jemand haben, damit Simone Bär auf sie oder ihn anspringt?
Wen ich gut finde für eine Rolle, das sieht man ja am Ende im Kino oder Fernsehen. Ich scheue mich, da einzelne Beispiele herauszunehmen, weil es andere automatisch ausschließt. Und die denken dann, ich mag sie nicht oder schätze ihre Arbeit nicht. Neuentdeckungen müssen auch nicht immer nur junge Leute sein. Ich habe Michael Maertens, an dem ich seit Jahren dran bin und der in Theaterkreisen sehr renommiert ist, in Die Vermessung der Welt besetzt, da spielt er den Herzog. Hinterher fragten viele: Wer ist denn das, der ist ja gut.

Von Ihnen stammt der Satz: »Eine ausgewogene Mischung aus Prominenz und Neuentdeckung oder eine ungewöhnliche Wahl machen eine gute Besetzung aus.«

Das ist richtig. Für mich ist es eher langweilig, wenn jemand schon einen Darsteller im Visier hat. Meistens sage ich: Bitte sag nichts, ich will von mir aus mit Vorschlägen kommen, und dann sehen wir, ob wir dasselbe denken über den Stoff. Hinzu kommt, dass in der Filmbranche jeder denkt, er könne einen Film besetzen. Es würde sich zwar keiner hinstellen und sagen: Ich kann auch Kamera, Kostüm oder Schnitt. Aber beim Casting wollen alle mitreden.

Angenommen, Nico Hofmann, der sich die Rechte von Bettina Wulffs Jenseits des Protokolls gesichert hat, käme auf Sie zu, um seinen Film zu besetzen,
Generell muss mir ein Buch gefallen, sonst mache ich es nicht. Wenn ich etwas politisch ablehne, kann ich auch nicht den Film dazu besetzen. Ich könnte es auch keinem Schauspieler anbieten, wenn ich es selbst nicht leiden mag. Wie soll man da überzeugend sein?

Wie sehr mischen sich Produzenten ein?
Generell gilt die Regel: Je höher das Budget, umso mehr Leute reden mit. Am besten ist es, die Dinge so hinzukriegen, dass Produzenten und Regisseure meine Empfehlung mittragen, ein Diplomatiegeschäft! Ich bin generell sehr genau, bis hin zur kleinsten Rolle, und gebe auch nicht so schnell nach. Da man uns als Ossis ja immer sagen wollte früher, was wir zu denken haben, hat sich da so ein Widerborst gebildet: Titel und Namen beeindrucken mich nicht.

Und wenn jemand besetzt wird, mit dem Sie überhaupt nicht einverstanden sind ?
Kann ich jederzeit aussteigen.

Sagt auch mal ein Regisseur, den oder die will ich haben, und Sie raten ihm ab?
Passiert auch. Auch dass mein Rat angenommen wird.

Anzeige

Kommentare

Name:
Kommentar: