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aus Heft 50/2012 Politik

»Alle Meinungen, die Claudia vertritt, halte ich für falsch« – »Geht mir genauso mit dir!«

Seite 3: Das Macho-Denken

Thomas Bärnthaler und Gabriela Herpell (Interview)  Fotos: Bert Heinzlmeier


Wenn Sie beide Artikel über sich lesen, müssen Sie oft ordentlich einstecken. Verbindet Sie das?
Beckstein: Über Claudia ist ja so von oben herab geschrieben worden, als wenn sie ein dummes Mäuschen wäre. Dabei ist sie jemand, der mit großer Ernsthaftigkeit für Dinge einsteht. Ich habe oft gesagt, dass man so mit jemandem nicht umgehen kann. Da hab ich nie die leiseste Hemmung gehabt.

Wie erklären Sie sich diese Häme?
Beckstein: Das liegt schon daran, dass die Grünen so lange kriminalisiert wurden. Hinzu kommt das Macho-Denken: allein dass sie blond ist und hübsch aussieht. Da glauben die Leute, dass sie keinen Verstand hat.

Sie, Herr Beckstein, werden in den Medien eher von der linken Seite angegriffen, Sie dagegen, Frau Roth, am liebsten vom eigenen Milieu.
Roth: Es sind bestimmte Männer, die so eine Person wie mich überhaupt nicht ertragen können. Bei Wiglaf Droste war das so schlimm, dass politische Freunde wie Jürgen Trittin gesagt haben, bitte lies heute diesen Artikel nicht.

Aber dann liest man ihn doch erst recht, oder nicht?
Roth: Nein, den Text habe ich dann wirklich nicht gelesen, erst später. Das war übel. Beckstein: Das war unter aller Sau!

Kennen Sie das auch, Herr Beckstein, »friendly fire«? Vom Bayernkurier beispielsweise?
Beckstein: Ich will mich da nicht beschweren. Bis zu meiner Wahl 2008 hat mich der Bayernkurier freundlich begleitet. Was mich sehr beschäftigt, ist, wie die DVU meinen alten Vater mal instrumentalisiert hat, als er schon 90 war und nicht mehr alles mitgekriegt hat. Aber im Parteibereich ist die Solidarität bis 2008 groß gewesen.

Roth: Ich bin ja wirklich nicht CSU-nah, aber wenn ein Bischof, der jetzt der Chef der Inquisition in Rom ist, sagt, in Bayern darf kein Protestant Ministerpräsident werden, rege ich mich auf. Das ist eine Intrige.

Wie halten Sie diese Angriffe aus?
Roth: Früher fand ich es unmöglich, dass Kanzler Kohl sagte, am Montag lese ich den Spiegel nicht. Jetzt verstehe ich es. Bei mir achten Mitarbeiter darauf, dass ich bestimmte Sachen nicht zu lesen kriege. Wenn es um Einsatz für Muslime geht, bist du die Fatima. Als ich Günther mal erzählt habe, was da für Drohungen kamen, zum Beispiel ins Haus meiner Eltern, hat er sich dafür eingesetzt, dass das BKA kam und guckte, wie man mein Haus sichern könnte.
Beckstein: Das hatte allerdings gar nichts mit Freundschaft zu tun, sondern mit der Amtspflicht. Wenn jemand so angegriffen wird, muss der Staat ihn schützen. Ich habe meinen Leuten gesagt: Stellt euch vor, das wäre ich, dann wisst ihr, mit welcher Intensität ihr das aufzuklären habt.

Was waren das für Drohungen?
Roth: Tage- und nächtelang anonyme Anrufe, da hat mein Vater noch gelebt. Das war für ihn das Schlimmste. Wochenlang kam jeden Tag irgendein Paket, aus dem Pornoshop, Waffenzeugs, da kriegst du einen Schuhkarton. und da ist Scheiße drin. Was da mit meiner Mutter los war! Das war richtiger Terror, sogar in die Praxis meiner Schwester kamen Drohbriefe. Dann bin ich aus Babenhausen weggezogen, nach Augsburg.

Herr Beckstein, wie haben Sie Ihren Rücktritt verkraftet?
Beckstein: Ich reagiere völlig anders als Roth. Ich lese alles, habe immer alles gelesen, habe mich auch furchtbar geärgert drüber, aber ich habe die Fähigkeit, die Gefühle einfach abzuschalten und nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen.

Das geht, einfach so?
Beckstein: Das ist keine Temperamentsfrage, das kann man lernen. Der Innenminister ist ja vielen Bedrohungen ausgesetzt. Entweder lernt man, damit umzugehen, oder es verändert das Leben auf unangenehme Art. Meine Kinder sind allein in die Schule gegangen, denn Kinder von Politikern sind in Deutschland nie attackiert worden. Wir wollten ein normales Leben führen. Die Gefahr, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen, ist größer als bei einem Attentat. Das sage ich, obwohl ich Wolfgang Schäuble bestens kenne. Und Lafontaine auch miterlebt habe.
Roth: Angst habe ich auch keine. Nur vor Kakerlaken in Afghanistan. Aber ich habe keinen Schutzschild gegen Kränkungen. Günther, gab’s für dich jemals eine Situation, in der es dir reichte?
Beckstein: Ich versuche zwar, als Christ zu leben. Aber das Alte Testament, Auge und Auge, Zahn um Zahn, wird von mir hoch verehrt.
Roth: Also du gehst in die Offensive?
Beckstein: Ja! Jede Gemeinheit wird mit einer größeren Gemeinheit beantwortet. Roth: Da muss ich mal Nachhilfe nehmen.
Beckstein: Ich hab mich schon unfair angegriffen gefühlt und mit Unverschämtheiten geantwortet, sodass meine Frau mir den Marsch geblasen hat. Das hat mir dann auch wieder gutgetan.
Roth: Bei mir ging es so an die Substanz, an die eigene Wertschätzung, die Achtung vor mir selber. Da habe ich mich gefragt, wie lang tust du dir das noch an? Parteitag in Rostock, Afghanistan-Entscheidung, für uns eine der schwierigsten. Heribert Prantl hat in der SZ geschrieben: »Grün, Grün, Olivgrün.« Fritz Kuhn bat mich, im Bundesvorstand die Rede für den Einsatz zu halten. Das muss die Roth von links machen, dachte er. Ich sollte die innerparteiliche Opposition überzeugen. Aber es war eine meiner schwersten Reden, ein unglaublicher Druck: Wie schaffe ich es, dass die Partei sich nicht spaltet? Ich hab bis morgens um fünf im Hotelzimmer gearbeitet, um sieben kam Frithjof Schmidt, ein echter Freund, dem hab ich die Rede vorgelesen. Ab acht kamen ständig Anrufe von Parteifreunden, die mir Mut zugesprochen haben.

Und das kam Ihnen verdächtig vor?

Roth: Allerdings. Da dachte ich, da muss was in der Zeitung stehen. Auf der Titelseite der TAZ war ein Foto von mir im knatschroten Samtkleid aus Bayreuth, und meine pinkfarbene Stola darüber hatten sie grün koloriert. Drunter stand: »Die Gurke des Jahres.« Die ganzen Delegierten hatten die TAZ in der Hand. Da hab ich gesagt, nein, ich kann da nicht raus. Meine Mutter rief an und regte sich darüber auf, dass die eingefärbte Stola nicht harmonieren würde. Irgendwie bin ich dann doch auf die Bühne. Aber an dem Tag habe ich mir wirklich überlegt hinzuwerfen. Am nächsten Tag kam eine Eilsendung von einer Gurkenfirma aus dem Spreewald: dass die Gurke etwas ganz Tolles sei.
Beckstein: Wenn ich gekränkt oder beleidigt bin, sagt meine Frau zu mir, ach, sei doch nicht so wehleidig, was hast du anderen schon angetan? Es beschäftigt mich bis heute, dass ich die Stichwahl in der OB-Wahl in Nürnberg verloren habe, obwohl ja Nürnberg immer Rot war und ich das erste Mal überhaupt in die Stichwahl gekommen bin. Meine Frau hat schon damals gesagt, jetzt führ dich nicht so auf, in der Demokratie gehört das dazu, dass einer verliert.
Wer sagt Ihnen so was, Frau Roth?
Roth: Das ist das Problem: Wenn ich nach Hause komme, wartet da niemand auf mich, mit dem ich gleich den Tag durchsprechen kann. Dafür habe ich meine Familie, meine Schwester, meine engen Freunde.
Beckstein: Ich bin dankbar, dass ich so jemanden habe. Meine Frau himmelt mich nicht an, ist kritisch, sie erträgt das ganze Leben mit, das ich ihr aufzwinge, aber sie ist auf meiner Seite. Wenn meine Frau mit zu Veranstaltungen gegangen ist, hat sie gesagt, was schlecht war. Und manchmal hat sie mich außerordentlich gelobt, was sich so anhörte: Heute warst du gar nicht mal schlecht.

Ist die Partei auch Familie?
Roth:
Die Partei ist eher Heimat. Ein entscheidender Teil meines Lebens. Ich habe sie ja auch mitprägen können. Aber Familie ist etwas anderes.
Beckstein: Familie ist eine andere Dimension. Familie bedeutet, dass man zu jemandem steht, auch wenn er etwas ganz Falsches macht. Angenommen, eines meiner Kinder würde Drogen nehmen.
Roth: Oder einen Grünen heiraten.
Beckstein: Es gibt noch Schlimmeres.
Roth: Einen Katholiken.
Beckstein: Genau. Man würde immer zur Familie stehen. Ich würde es aber für gefährlich ansehen, wenn man das in der Partei genauso halten würde. Da muss man streiten. Dafür sorgen, dass es korrekt zugeht. Es ist notwendig, dass nicht Freundschaften oder Seilschaften eine Partei prägen, sondern der Wettstreit um Qualität.

Von Ihnen, Frau Roth, weiß man, dass Sie weinen können. Wie ist das mit Ihnen, Herr Beckstein?
Beckstein: Aus Zorn heule ich lieber nicht. Aber nie vergessen werde ich den 9. November, als die Mauer gefallen ist. Ich war an der Spitze eines ungeheuren Trabbi-Stroms in Hirschberg/ Rudolphstein. Als wir am bayerischen Grenzübergang gehalten haben, sind mir wildfremde Menschen in die Arme gefallen. Da war ich zu Tränen gerührt.

Claudia Roth
beruft sich gern auf ihre wilden Zeiten als Managerin der Polit-Rockband »Ton Steine Scherben« von 1982 bis 1985. Sie lebte in der »Scherben«-Kommune in Fresenhagen. Was sie auch noch war: Als Kind linksliberaler Eltern 1955 in Ulm geboren, gehörte sie zunächst den Jungdemokraten an. Nach dem Abitur (Note 1,7) studierte sie Theaterwissenschaft in München, arbeitete von 1975 bis 1977 als Dramaturgin an den Städtischen Bühnen Dortmund und gründete mit Freunden ein freies Theater. 1985 bewarb sie sich als Pressesprecherin der grünen Bundestagsfraktion. 1989 wurde sie ins Europäische Parlament gewählt, wechselte 1998 in die Bundespolitik und gehört seit 2001 zur Parteispitze der Grünen.


Dr. Günther Beckstein
praktizierte 15 Jahre lang als Rechtsanwalt in seiner eigenen Kanzlei, promovierte 1975 zum Dr. jur. und ist seit 1973 Mitglied der CSU. 1988 wurde der gläubige Protestant Beckstein Staatssekretär des Innern, ab 1993 Staatsminister für Inneres in Bayern unter Edmund Stoiber. Beckstein galt als Hardliner, denn er befürwortete den großen Lauschangriff und stand für ein scharfes Asylrecht. Seit 2001 war er Stoibers Stellvertreter und von 2007 bis 2008 kurzfristig sein Nachfolger als Ministerpräsident
von Bayern.
 
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Gabriela Herpell und Thomas Bärnthaler haben Claudia Roth und Günther Beckstein nach ihrer Bootstour gefragt, ob sie sich noch andere gemeinsame Aktivitäten vorstellen könnten. Beckstein schlug Skifahren vor. Aber Roth winkte ab: »Du fährst doch nur schwarze Pisten!«

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