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aus Heft 50/2012 Gesellschaft/Leben

Spiel des Lebens

Seite 2: Eine Stunde nach dem Gewinn

Thomas Bärnthaler und Christoph Cadenbach  Illustrationen: Matthew Woodson


Eine Stunde nach seinem Gewinn, so gegen halb drei Uhr nachts, verlässt Marco Sutalo die Spielbank in Wiesbaden mit einem Scheck über 400 000 Euro in der Tasche. 100 000 hat er in bar ausgezahlt bekommen, in 500-Euro-Scheinen. Den Rest des Jackpots, 14 242 Euro, lässt er als Trinkgeld für die Angestellten des Casinos da. Seine Frau und sein Sohn sind bei ihm, er hat sie nach dem Gewinn sofort angerufen. Er will jetzt mit ihnen feiern. Und er will niemandem mehr etwas schuldig sein.

Als Erstes fahren die drei zu Marco Sutalos Mutter nach Frankfurt. Sutalo fährt nicht selbst, er weiß, dass er getrunken hat, vielleicht weitertrinken wird. Sein Sohn sitzt hinterm Steuer. Sutalos Eltern hatten immer von einem Häuschen und einem Boot in Kroatien geträumt. Auch Marco Sutalo hat diesen Traum. Er muss jetzt nicht mehr auf ihn warten. Seiner Mutter schenkt er 10 000 Euro.

Anschließend machen die Sutalos Halt an der »Trinkhalle«, wie er den Stehkiosk seiner Freundin Doris nennt; ein kleines Häuschen mit Klinkerfassade in Fechenheim, wo er groß geworden ist. Es gibt hier Zigaretten, Bier, aber auch Konservensuppen zu kaufen. An einer Wand hängt ein Schal mit der Aufschrift: »Scheiß OFC«, gemeint sind die Kickers Offenbach. Marco Sutalo kennt Doris seit fast 30 Jahren, war mit ihrem Mann in einer Klasse und ist Stammgast bei ihr. Sie trinken einen Kaffee und Marko begleicht die offenen Rechnungen seiner beiden engsten Mitarbeiter, die hier ganz in der Nähe wohnen. Insgesamt sind es mehr als 1800 Euro, die sich in den letzten Monaten angesammelt haben, auch weil Sutalo sie nicht ausbezahlen konnte. Jetzt gibt er Doris 2000 Euro. Als sie ihn fragt, woher er das Geld hat, grinst er nur. Er muss weiter. Erst mal heim nach Wiesbaden, wo sich seine Frau und sein Sohn ins Bett legen. Doch obwohl es mittlerweile acht Uhr morgens ist, kann Marco Sutalo an Schlaf noch nicht denken.

Er steigt nun allein in seinen silberfarbenen VW Touareg ein und fährt 130 Kilometer bis nach Homburg an der französischen Grenze, zu einer Baustelle, wo er die beiden Mitarbeiter abholt, deren Rechnungen er am Morgen bei Doris beglichen hat. Nun will er mit ihnen weiterfeiern. Zu einem sagt er: »Auf der Baustelle können mich alle am Arsch lecken.« Sie fahren zurück nach Frankfurt, an einer Tankstelle halten sie und kaufen Bier und Wodkafläschchen. Gegen Mittag tauchen sie bei Doris am Kiosk auf. Sutalo gibt ein paar Runden aus. Wieder Wodka. Er selbst trinkt ihn am liebsten gemischt mit Red Bull. Dafür öffnet er eine Dose, trinkt einen Schluck ab und füllt mit einem Fläschchen Moskovskaya auf. Gegen 13 Uhr verabschiedet er sich. Noch sieben Stunden bis zum Unfall.

Marco Sutalo will es jetzt noch einmal wissen. Oder runterkommen, abschalten. Was bei ihm manchmal das Gleiche ist, denn abschalten kann er am besten beim Glücksspiel. Er fährt zu einem Automatencasino in Bad Homburg, ganz in der Nähe, in Oberursel, wohnt ein Freund von ihm, dem er noch 5000 Euro schuldet, und den er später noch besuchen will. Im Casino bestellt er ein paar Gläser Rotwein, nippt aber an jedem nur, wie der Kellner später aussagen wird. Kaum zu glauben, aber er gewinnt noch einmal 13 000 Euro. Auf dem Klo bietet ihm jemand Kokain an. Er sagt nicht nein. Er fühlt sich unverwundbar. Er fliegt immer noch, obwohl er seit rund 35 Stunden nicht geschlafen hat.

Gegen 17 Uhr kreuzt er bei seinem Freund auf und gibt ihm statt 5000 Euro 6000 zurück. Die beiden stoßen an, wieder mit Rotwein. Auf der Toilette schnupft Sutalo noch ein bisschen Koks. Als er schließlich nach Hause fahren will, rät ihm sein Freund, ein Taxi zu rufen. Aber Sutalo lacht nur: »Ich habe doch einen Autopiloten.«

Es sind etwa 45 Kilometer bis zu seiner Wohnung in Wiesbaden, Landstraße, er kennt die Gegend, doch kurz vor der Stadt fährt er merkwürdigerweise auf die A3 Richtung Köln.

Was dann passiert, hat ein Augenzeuge der Polizei geschildert: Im Bereich Niedernhausen bemerkt der Zeuge ein Auto, das blinkend auf dem rechten Seitenstreifen langsamer wird, plötzlich links ausschert, einen Bogen auf die Überholspur macht und in falscher Richtung davonrast. Mit eingeschaltetem Fernlicht. Offensichtlich will Marco Sutalo seinen Irrtum korrigieren und wieder zurück auf die Landstraße. Dass er auf einer Autobahn ist, als Geisterfahrer, will er nicht gemerkt haben. In seiner Vernehmung wird er später sagen: »Ich habe nicht verstanden, warum mir plötzlich einer entgegenkommt.« Er will noch ausweichen, doch es ist zu spät: Er kracht frontal in den schwarzen 5er-BMW von Ante Radosovic, rammt danach noch ein zweites Auto. Insgesamt sind fünf Fahrzeuge am Unfall beteiligt, sechs Menschen werden verletzt, Ante Radosovic stirbt. Und Marco Sutalo macht sich aus dem Staub. Doch daran hat er keine Erinnerung, beteuert er.

Seine Flucht lässt sich deshalb nur schwer rekonstruieren. Eine Zeugin gibt später an, um halb eins, als sie im Unfallstau stand, einen Mann mit Rucksack gesehen zu haben, der auf dem Seitenstreifen entlangging. Weitere Zeugen gibt es nicht, auch keine Aufzeichnungen von Überwachungskameras. War es der Schock? Der Alkohol? Das Adrenalin? Oder konnte es Marco Sutalo vielleicht einfach nicht ertragen, dass der größte Tag in seinem Leben so bitter enden sollte? Womöglich wird sich das nie mehr klären können. In der Unfallmedizin spricht man von anterograder Amnesie, wenn Unfallopfer nach einem Trauma Gedächtnisverluste erleiden.

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Christoph Cadenbach und Thomas Bärnthaler haben bei ihren Recherchen natürlich auch Kontakt mit der Witwe des Unfallopfers aufgenommen, hatten aber vollstes Verständnis dafür, dass diese auch ein Jahr nach dem Unfall noch nicht in der Lage war, ausführlich darüber zu sprechen.

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