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aus Heft 01/2013 Die Gewissensfrage 3 Kommentare

Die Gewissensfrage

Darf man am Werbestand im Supermarkt ein Glas Prosecco kosten, obwohl man nicht genug Geld hätte, um sich eine Flasche zu kaufen?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

» Im Supermarkt bot mir eine Werbedame eine Kostprobe Prosecco an. Ich habe sie angenommen, obwohl sofort klar war, dass mir diese Marke zu teuer ist. Er war wirklich sehr gut, aber ich frage mich, ob ich nicht gleich hätte sagen sollen, dass ich zwar gerne den Prosecco koste, ihn mir aber nicht leisten kann. « Caroline F., Würzburg

Bei Ihrer Frage kommt man ein wenig ins Grübeln. Wie wäre wohl so manche Geschichte verlaufen, wenn jeder konsequent ablehnt, wovon sie oder er annimmt, dass es nicht infrage kommt? 1874 etwa soll der damalige Professor Philipp von Jolly dem 16-jährigen Max Planck vom Studium der Physik abgeraten haben, weil in dieser Wissenschaft schon fast alles erforscht sei. Hätte sich der junge Max davon beeindrucken lassen, wäre das Plancksche Wirkungsquantum, die für die Quantentheorie fundamentale Naturkonstante, wohl unentdeckt geblieben. Zumindest würde es heute anders heißen.


Romeo und Julia wären vielleicht hochbetagt und jeder gesegnet mit einer stattlichen Anzahl von Kindern und Enkelkindern friedlich entschlummert, hätten sie sich davon überzeugen lassen, besser nicht mit dem Spross des jeweils gegnerischen Clans anzubandeln. Falls sie sich nicht vorher schwer depressiv vom berühmten Balkon gestürzt hätten, weil sie ein Leben lang ihrer wahren Liebe nachtrauerten.

Glück hatte schließlich der Münchner Hygieniker Max von Pettenkofer. Um seine Überzeugung zu beweisen, dass die Cholera nicht einfach von den kurz zuvor entdeckten Choleravibrionen verursacht wird, trank er 1892 in einem Selbstversuch ein Glas davon. Heute nimmt man an, er erkrankte nur deshalb nicht ernsthaft, weil er die Krankheit früher schon einmal durchgemacht hatte. Sein Schüler Carl Emmerich hingegen, der das Experiment kurz danach wiederholte, überlebte nur knapp. Man sieht, es kann sinnvoll sein, Zweifel an der eigenen Haltung zuzulassen.

Dass sich das auch lohnt, davon sind Werbetreibende überzeugt. Kritiker halten ja ohnehin jede Form von Werbung für den Versuch, Menschen von der Überzeugung abzubringen, sie bräuchten die beworbene Sache gar nicht. Eine irrige Überzeugung, meinen die Werbenden, die deshalb nichts unversucht lassen, ihre Zielobjekte mit der Liebe zum Produkt zu infizieren. In Ihrem Fall mit Pettenkofers Methode: Man gibt Ihnen ein Glas davon zu trinken. Vermutlich in der Hoffnung, es möge Ihnen so gut schmecken, dass Sie das Getränk in Zukunft haben wollen, gleich, was es kostet. Die Chance, dass dies eintritt, lassen sich wiederum die Hersteller etwas kosten, weshalb auch Sie ruhigen Gewissens probieren, um nicht zu sagen, verzeihen Sie mir bitte das Wortspiel: kosten dürfen.

Quellen:

Max Planck: Wege zur Physikalischen Erkenntnis. Reden und Vorträge, Band 1. Verlag S. Hirzel, Leipzig 1943

Gregor Raschke: Die Choleratheorie Max von Pettenkofers im Kreuzfeuer der Kritik – Die Choleradiskussion und ihre Teilnehmer. Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Medizin an der Fakultät für Medizin der Technischen Universität München 2007

William Shakespeare: The Most Excellent and Lamentable Tragedy of Romeo and Juliet, London 1597


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Kommentare

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  • Susanne Werth-Rosarius (0) @ Günther König
    die Leser des Magazins bzw. dieser Kolumne

    @Snaailmail Schneckenpost

    Ich denke, Sie begehen keinen Betrug, wenn sie probieren wohl wissend, dass Sie den Prosecco niemals kaufen werden. Das Angebot ist eine unverbindliche Aufforderung, dabei ist berücksichtigt, dass nicht jeder, der probiert, auch kauft. Es muss ja auch nicht jeden schmecken. Es entsteht juristisch kein Vertrag und moralisch keine Verpflichtung. Auch eine positive Erwähnung des Produktes aus eigener Erfahrung wäre eine angemessene "Gegenleistung" für ein solches Angebot, und das können Sie ja durchaus leisten.

    Ich würde es anders sehen, wenn jemand vorsätzlich in einen Supermarkt ginge, um sich an kostenlosen Häppchen und Proben satt zu essen, ggf. auch mehr als nur ein Probeglas oder ein Probehäppchen zu nehmen, oder sogar noch Reste mit nach Hause nimmt (was ich bei Weinproben schon erlebt habe).
  • Snailmail Schneckenpost (0) Mir gefällt diese Frage, habe ich sie mir doch auch häufiger schon gestellt. Die Antwort ist interessant, jedoch finde ich es schwierig, daraus eine Handlungsempfehlung abzuleiten, da mir die Begründung nicht einleuchtet.

    Es ist in meinen Augen ein Unterschied, ob man etwas entgegen der Empfehlung (Planck) oder dem Willen (Romeo und Julia) von jemand anderem oder aufgrund einer eigenen Fehleinschätzung (Pettenkofer) macht, oder, wie in der Frage, wider besser eigenem Wissens und Gewissens. Ich würde ja sogar gemäß der Empfehlung handeln, nämlich probieren. Ist die Frage dann nicht eher: Darf ich Interesse zeigen, flirten, mit dem Wissen, ich werde keinen Schritt weiter gehen?

    Der Punkt ist doch, dass ich beispielsweise in meinen Geldbeutel blicken und 10,- Euro darin entdecken kann. Die Flasche Prosecco kostet 20,- Euro. Ergo: Ich kann sie mir nicht leisten. Gut, vielleicht dann beim nächsten Einkauf. Was aber, wenn ich mit 20,- Euro drei Tage auskommen muss, es also wirklich nicht drin ist, diese Flasche zu kaufen. Darf ich dennoch probieren? Oder begehe ich damit einen Betrug?
  • Günter König (0) wer kommt auf diese Fragen?