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aus Heft 03/2013 Gesellschaft/Leben

Verstehen Sie Spaß?

Tobias Haberl  Illustrationen: Andy Rementer

Türkischstämmige Comedians reißen Türkenwitze, dicke Moderatorinnen machen Scherze über mollige Frauen - und das Publikum feiert sie dafür. Aber ist das wirklich lustig?


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Endlich ist ein Türke der lustigste Deutsche: Letztes Jahr hat Bülent Ceylan Mario Barth als erfolgreichsten Comedian abgelöst. Nicht nur, dass er zum zweiten Mal den Deutschen Comedy Preis gewann, er trat auch vor 40 000 Menschen in der Frankfurter Commerzbank-Arena auf, hatte seine eigene Show auf RTL und war – zusammen mit Karl Lagerfeld und einer Ministerpräsidentin – Gast bei der allerersten Wetten, dass . . ?-Sendung mit Markus Lanz.

Offensichtlich hat da einer gezeigt, dass es möglich ist, in Deutschland auch mit einem Namen wie Bülent Ceylan bis ganz nach oben zu kommen. Auf jeden Fall zahlen Tausende von Menschen Geld dafür, um den Sohn eines türkischen Gastarbeiters auf einer Bühne oder einer DVD lustige Sachen sagen zu hören. Bei so viel gelungener Integration wird sogar Ceylan selbst stutzig: »Was für’n Uffwand!«, rief er bei seinem Frankfurter Stadionauftritt in die Menge, »und das für’n kleinen Türk!«

Aber Ceylan ist kein Türke, er ist Deutscher, das hat er mit seinem Comedy-Kollegen Kaya Yanar (Was guckst du?!) gemeinsam. Er ist sogar deutscher Bildungsbürger, aufgewachsen in Mannheim, Mittelschicht, Abitur, Studium der Philosophie und Politik. Trotzdem lässt er kaum eine Gelegenheit aus, sich selbst als Türke zu definieren. »Die Leute haben bezahlt und wollen den Türken schwitzen sehen«, so nennt er das, was er macht. »Ich bin der Türk«, das erwähnt er sehr oft in seinem Programm. »Türkebub« lässt er seine Mutter sagen, »Türkle« den Schwaben. Ceylans aktuelles Bühnenprogramm heißt Wilde Kreatürken.

»Türk« – er muss das Wort nur aussprechen, und die Leute brüllen. Dementsprechend oft tut er es. Einer Pointe bedarf es nicht mehr. »Jetzt kommt wieder das Klischee, der Türke kann kein Auto fahren«, ruft er in den Saal, als er bei Lanz nach seiner verlorenen Wette eine Studiorunde auf einem Mini-Traktor fahren soll. Als der Moderator ihm zwei Minuten später das Mikrofon zurück an den Hosenbund klemmt, witzelt er: »Hey! Markus Lanz an meinem türkischen Popo!« Als Sohn eines Türken darf er das, sich über sich selbst lustig machen, trotzdem liegt immer auch ein Stück Unbehagen in der Luft, wenn einer so sehr seine Andersartigkeit, seine Differenz zum – was auch immer das ist – deutschen Normalbürger herausstellt; nicht unmittelbar, der Mann ist ja sympathisch, die Leute lachen mit ihm, nicht über ihn, eher auf längere Sicht und wenn man mal darüber nachdenkt, was das eigentlich ist, deutsche Comedy, und worüber sie sich auf welche Weise lustig macht.

Es ist verlockend, die folgenden Fragen nicht zu stellen, weil der Comedy-Boom der letzten zwanzig Jahre nur Gewinner zu kennen scheint: die Künstler, die Millionen verdienen, das Publikum, das sich schlapp lacht, und die Integration, die ganz nebenbei vorangetrieben wird. Und trotzdem: Könnte es nicht auch sein, dass solche Sprüche die Integrationsdebatte nicht befördern, sondern blockieren? Dass die sogenannten Comedians Stereotypen nicht aufbrechen, sondern bestätigen, reproduzieren, verfestigen? Dass am Ende die deutsche Comedy-Szene insgesamt ein Rückzugsort für längst überwunden geglaubte Ressentiments gegenüber (nicht nur ethnischen) Minderheiten ist?

Bisher lautet die Antwort: Nein. Im Gegenteil. Der Spiegel würdigt Ceylan als »humoristische Integrationsfigur«. Yanar wurde vor ein paar Jahren »für besondere Dienste um die Völkerverständigung« ausgezeichnet. Aber was ist das wert in einem Land, in dem einer wie Bushido den Integrations-Bambi abräumt?

Es klingt paradox, aber Ceylan, Yanar oder der schwarze Comedian Dave Davis sind so erfolgreich, weil es dem Humor in unserem kleinen Land schlecht und der Integrationskultur nicht gut geht: Einerseits waren wir noch nie so politisch korrekt wie heute, zumindest tun wir so, als wären wir es. Das gesellschaftliche Klima ist geprägt von einem fast totalitären Sinn für Respekt und Toleranz; leider hat da, wo Toleranz herrscht, die Gleichstellung noch nicht stattgefunden; sie ist der Befund, nicht die Lösung für gesellschaftliche Ungleichheit. Andererseits orientieren wir uns im Alltag an einem ziemlich starren Koordinatensystem: Gut, das sind Bio-Fleisch, zweisprachige Kitas, weibliche Führungskräfte, erneuerbare Energien, soziale Netzwerke, authentische Politiker und alles mit Ingwer und Yoga; schlecht sind Auslandseinsätze der Bundeswehr, Atomstrom, die FDP, gierige Vorstände, Zigaretten, und wenn einer »Sprechstundenhilfe« statt »medizinische Fachkraft« sagt. Alte Tabus sind gefallen, neue entstanden, man muss nur mal öffentlich erklären, dass man gegen die Frauenquote ist. Die Atmosphäre ist derart moralisch aufgeladen, dass viele wichtige Debatten zu zaghaft geführt und relevante Argumente zugunsten sentimentaler Solidaritätsbekundungen unterdrückt werden. Für Humor bleibt da nicht viel Platz, weil es ihn in einer politisch korrekten Form nun mal nicht gibt, zumindest nicht, wenn er gut sein soll. Im Witz ist immer einer das Opfer. Witz ist schmutzig, wertend, respektlos, manchmal aggressiv, oft drückt er ein Überlegenheitsgefühl aus – alles Dinge, die von unserer Gefühlsgesellschaft heftig abgelehnt werden.

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Tobias Haberl hat neulich auf einem Spartenkanal einen sehr lustigen Menschen entdeckt. Er hat nur ein kleines Publikum, aber irgendwie ist er gut, auf jeden Fall ein Talent. Sein Name ist Harald Schmidt.

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