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aus Heft 03/2013 Theater

Die Pause entfällt

Seite 3: Den Freibrief zum Dödeln haben.

Gabriela Herpell  Fotos: Gianni Occhipinti


Fünfeinhalb Jahre, in denen keine Sekunde ungenutzt verstrich in ihren vielen Leben. Manchmal hat sie Sehnsucht danach, nur so da zu sitzen vor einem Bier, im Sommer. Oder abends herumzuzappen. Wenn sie wählen müsste zwischen einem Abend mit Freunden und einem Abend allein zu Haus vor dem Fernseher, sie würde sich für den Fernseher entscheiden. »Ich möchte überhaupt keine Freunde haben.« Sie lacht, wieder ihr Rheinländerlachen. »Das ist natürlich Quatsch. Aber es ist ein so kommunikativer Job, dass ich manchmal denke: Wenn nur mal keiner was von
mir wollte.«

Selbst in den wenigen Minuten Pause auf der Probe laufen fünf Leute hinter ihr her, wenn sie sich ein Brötchen holt oder den fünften Kaffee. Sie folgen ihr fast bis aufs Klo.
»Machst du bis vier heute?«, fragt Jörg Gollasch. »Nein«, sagt Beier, »muss um vier am Kindergarten sein, um halb fünf ist Kinderschwimmen.«

Um Viertel vor vier hechtet sie in ihr schwarzes Mini-Cabriolet. Es ist unfassbar heiß im Auto. Leider hat sie es nicht geschafft, die Automatik, mit der man das Dach öffnen könnte, reparieren zu lassen. Sie hält im Parkverbot, springt in den Bäckerladen, wirft eine Tüte mit Croissants fürs Kind auf den Rücksitz zu den Wasserflaschen, Büchern, Textmappen, der Tasche mit dem Schwimmzeug.

Momina wartet im Hof. Die Mutter läuft zu ihr hin, Zärtlichkeit in den Augen. Mutter und Tochter klatschen ab. Im Auto spricht Karin Beier mit sich selbst: »Sind wir hier überhaupt richtig hier? Verdammt, auf dem Weg verfahre ich mich jedes Mal.«
Momina sagt: »Wenn du nicht so viel quatschen würdest, wär’s leichter.«

Karin Beier nickt, lächelt, das Kinn ist wieder vorn. »Ha, super«, ruft sie, »richtig abgebogen diesmal.« Sie parkt ein. »Ach, Momo, guck mal, ich habe immer so ein Parkplatzglück! Muckelchen, jetzt sind wir tatsächlich zu früh dran.« Ihre Stimme ist weich vor Liebe.

»Gehen wir noch auf den Spielplatz?«, fragt Momo.
»Bitte lass uns erst was essen, die Mama hat kein Mittagessen gekriegt in der Probe.«
»Hast du als Einzige kein Mittagessen bekommen?« Momo ist entrüstet.

Karin Beier lacht. Lustig, wie Kinder so denken. Momo zieht ein Gesicht. Sie kommt nach dem Vater, sagt Beier, »Micha hat auch so einen tollen Humor«. Man spürt, trotz der wenigen Worte, die sie macht, wie heilig ihr Mann und Kind sind.

Niemand hat richtig gegessen, erklärt sie dann, wie immer auf der Probe. Da lebt man ungesund: Kuchen, Kekse, trockene Brötchen. Und überhaupt ist das alles doch bescheuert, das Theater, sagt sie: »Man geht morgens in einen abgedunkelten Raum und hofft, dass einem einer irgendwann Komplimente macht.«

Allerdings wäre sie, sagt sie eine Minute später, auch Theaterregisseurin, wenn es kein Geld dafür geben würde. Der Beruf deckt so viele Sachen ab, die sie toll findet: Man verblödet nicht, weil man gezwungen ist, immer zu lernen. Man erfindet, hat mit Musik zu tun, arbeitet in der Gruppe. Man äußert sich politisch und kreativ und zeigt das der Welt. »Wir haben ja alle eine narzisstische Störung am Theater. In der Öffentlichkeit zu stehen tut der ganz gut. Ob ich darauf verzichten könnte? Ich weiß es nicht.«

Im Hallenbad ist es noch heißer als draußen. Karin Beier hockt vor ihrer Tochter, zieht ihr die Träger vom Badeanzug über die Schultern, die beiden klatschen wieder ab. »Früher bin ich mit rein in die warme Plörre, so sehr wollte ich, dass sie schwimmen lernt«, erzählt sie in der Cafeteria. Das Schwimmbad befindet sich im Souterrain eines Altenheims, in der Cafeteria stehen zwei Resopaltische auf grünem Filzteppich, im Billy-Regal das Warenangebot: Gewürzgurken, Ravioli, Ölsardinen. Momo ist hier, weil Schwimmlehrer Uli jedem Kind das Schwimmen beibringt.

An den Nachmittagen mit ihrer Tochter fällt der Stress ab von Karin Beier. Sie ist gottfroh, »diesen Freibrief zum Dödeln zu haben«. Die Zeit mit Momo ist unantastbar. »Sie ist die liebevollste Mutter, die ich mir denken kann«, sagt ihr Mann. »Das Kind ist das Wichtigste in ihrem Leben, und sie tut alles dafür, dass der Beruf diese Beziehung nicht gefährdet.«

Hamburg: Karin Beiers Wohnzimmer im Stadtteil Eppendorf ist riesig, ganz anders als die Kölner Wohnung im belebten Belgischen Viertel mit den vielen kleinen Zimmern. »Man kann bei offenem Fenster schlafen, das ist schön«, sagt Karin Beier. »Aber die großen Räume sind ungemütlich.« Ins Wohnzimmer hat sie eine Küche bauen lassen, weil ihr die eigentliche Küche, deren Fenster in einen Lichtschacht gehen, zu düster war. Doch nun lebt sie mehr oder weniger in der dunklen Küche, weil sie so klein ist. Und hat zwei Küchen. Warum nicht, sie hat ja auch mehrere Leben.

»Ich könnte ohne mit der Wimper zu zucken in meine Studentenbude zurückziehen«, sagt sie. So ehrgeizig sie ist – das, was man sich vom Erfolg kaufen kann, gibt ihr wenig. Aber wenn ihre Assistentin wegen einer Familienangelegenheit plötzlich nach Tunesien muss, zahlt sie den Flug und möchte keine Dankesbezeugungen hören, das wäre ihr zu viel der Gefühle. Wenn ihre Assistentin allerdings von ihr über Alltägliches informiert werden möchte, ist das oft schwierig. »Sie hat die Mail noch nicht fertig gelesen und hängt schon am Telefon.«

Karin Beier traut sich was, mit Hamburg. Theaterlegenden wie Peter Zadek und Frank Baumbauer haben das Schauspielhaus schon geleitet, in den letzten Jahren allerdings hat es an Bedeutung verloren. Denkt sie manchmal: Was, wenn’s nicht klappt? »Damit drehe ich ja meinen Hahn zu. Ich muss jetzt alles mobilisieren an Kräften. Dieses Haus hat ja, anders als das Thalia Theater, die Aufgabe, eher die ungesicherte Kunst zu machen. Ein bisschen Rock’ n’ Roll. Und trotzdem müssen wir jeden Abend 1200 Leute ins Theater locken. Das ist die Schwierigkeit. Und das Reizvolle.«

Am angreifbarsten, sagt sie, bleibt sie sowieso als Regisseurin, nicht als Intendantin. Wenn es beim Inszenieren aus dem Ruder läuft, die Zweifel ganz tief nagen, ist das physisch: »Druck, genau hier.« Sie fasst sich unter die Brust. »Und wenn die Zweifel berechtigt sind, verhagelt es einem das Leben. Das empfinde ich jetzt nicht. Aber fragen Sie mich in einem halben Jahr noch mal.«

Kritiken liest Karin Beier nicht, dazu ist sie zu empfindlich. Wenn Menschen, die ihr nahestehen, ihr Mann zum Beispiel, sie kritisieren, kann sie auch nicht gut damit umgehen. »Ich bin harmoniesüchtig«, sagt sie. »Aus Unruhe und Streit im Ensemble kann ich keine Kraft ziehen.« Wenn sie etwas ärgert an anderen, auch an Freunden, geht sie nicht über diplomatische Grenzen hinweg, würde sich nie heftig streiten. »Vielleicht interessiere ich mich nicht genug. Vielleicht braucht aber auch der Beruf meine emotionale Energie vollkommen auf.«

Welche Dinge sind es, die sie an anderen stören? »In meinem Leben funktioniert ja alles über Selbstdisziplin. Sich total hängen zu lassen ist für mich schwer nachzuvollziehen. Und wenn Leute die Verantwortung nicht übernehmen.«

Das ist eins ihrer Lieblingsthemen, auch am Theater: Verantwortungsethik. Als neue Chefin in Hamburg ist Karin Beier verantwortlich. Einer der härtesten Monate ihres Lebens liegt hinter ihr, sagt sie. Sie strukturiert um und musste Gespräche führen mit den Menschen, deren Verträge am Hamburger Schauspielhaus sie nicht verlängert. Brutale Gespräche. »Da verliert man seine Unschuld. Das darf man nicht zu oft machen, da bleibt was kleben«, sagt sie. »Auch wenn ich denke, dass es richtig ist. Und natürlich habe ich kein Recht, da rumzujammern. Ich bin der Täter, nicht das Opfer.«

Sie muss los, Momo von der Schule abholen. Sie zieht den Mantel an, schiebt den Besuch aus der Tür, schließt das Fahrrad auf, winkt und ist weg, das alles dauert nur Sekunden.
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Als Gabriela Herpell Karin Beier nach Lieblingskneipen fragte, musste die passen. Weil es stimmt, was alle denken: dass Theatermenschen wirklich immer in der Kantine sitzen, beim berühmten Absacker. Oder bei fünf Absackern. Um die Probe zu besprechen, gemeinsam Ängste abzubauen und »den Feind klein zu halten«.  

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