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aus Heft 03/2013 Gesellschaft/Leben

Kennen Sie diesen Mann?

Till Krause (Interview)  Fotos: Raimund Koch

Vor acht Jahren wurde er bewusstlos hinter einem Fast-Food-Restaurant in den USA gefunden - und kann sich weder an seinen Namen noch an seine Vergangenheit erinnern. Niemand scheint ihn zu vermissen. Gespräch mit einem Mann, der auf der Suche nach sich selbst ist.



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Das Restaurant »Crazy Fish« liegt zwischen Meer und Autobahn am Ortsrand von Jacksonville, Florida. Über dem Tresen hängen Dollarscheine, auf die Besucher ihre Namen geschrieben haben. »Das soll bedeuten, dass sie eines Tages wiederkommen«, sagt Benjaman Kyle, der hier als Hausmeister arbeitet, »wenn sie sich an den Laden überhaupt noch erinnern.« Dann lacht er so laut, dass die anderen Gäste sich umdrehen. Obwohl Kyle an einer besonders rätselhaften Form von Gedächtnisverlust leidet, kann er Witze über seine Lage machen. »Was bleibt mir anderes übrig?«


SZ-Magazin: Sie wurden vor acht Jahren nackt und bewusstlos neben der Mülltonne einer »Burger King«-Filiale gefunden. Wie sind Sie da hingekommen?
Die Polizei vermutet, ich wurde überfallen, zusammengeschlagen und liegen gelassen.

Wie lange haben Sie dort gelegen?
Mehrere Stunden. Ich hatte am ganzen Körper Ameisenbisse und einen üblen Sonnenbrand. Eine Putzfrau hat mich entdeckt und gedacht, ich sei ein betrunkener Obdachloser. Als ich im Krankenhaus aufgewacht bin, wusste ich weder wer ich bin noch wo ich herkomme.

Sicher nichts getrunken?

In meinem Blut wurden weder Drogen noch Medikamente oder Alkohol gefunden. Nach ein paar Tagen haben auch die Ärzte geahnt: Der Typ hier ist kein Obdachloser. Der hat sein Gedächtnis verloren.

Wann ist Ihnen das selbst klargeworden?
Als ich mich im Krankenhaus im Spiegel gesehen habe und vor Schreck fast ohnmächtig geworden bin.

Warum?
Ich habe mich nicht erkannt. Als würde einem jemand Fremdes entgegenschauen. Ich habe nur gedacht: Wer ist dieser alte Typ?

Was hatten Sie erwartet?
Ich weiß es nicht genau. Aber in Gedanken habe ich mich viel jünger gefühlt, höchstens vierzig. Und plötzlich sehe ich in ein Gesicht mit tiefen Falten und grauem Bart.

Kam Ihnen nichts an sich bekannt vor?
Nur Bruchstücke. Ich glaube, ich bin im Bundesstaat Indiana geboren, am 29. August 1948 – zehn Jahre vor Michael Jackson, das habe ich mir irgendwie gemerkt.

Haben Sie gehofft, es würde jemand ins Krankenhaus kommen, um Sie abzuholen?
Nein, ich war zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Ich musste ja schnell raus aus der Klinik, einen Platz zum Schlafen finden, ein bisschen Geld verdienen, um mir etwas zu Essen zu kaufen. Im Obdachlosenheim durfte ich nicht bleiben, weil ich keinen Ausweis hatte. Und zu Verwandten konnte ich nicht – ich erinnere mich ja nicht daran, ob ich überhaupt irgendwo eine Familie habe.

Sie sind nirgends als vermisst gemeldet.

Wahrscheinlich vermisst mich einfach niemand.

Macht Sie das traurig?
Ja, natürlich. Wenn jemand sein Gedächtnis verliert, gibt es normalerweise ja ein Umfeld, das einem sagt: Hier ist dein Zuhause, schau mal, der Typ da auf dem Passbild bist du. Ich bin allein, niemand kann mein altes Leben bezeugen. Aber ich versuche nicht so viel darüber nachzudenken.

Geht das denn?

Mal besser, mal schlechter. Wenn ich sehe, wie andere Leute mit ihren Kindern spielen oder ihre Frau umarmen, macht mich das melancholisch. So eine Nähe fehlt mir natürlich. Ich glaube nicht, dass ich je verheiratet war. Wenn mein Geburtsdatum stimmt, bin ich 64 Jahre alt – meine Eltern sind vermutlich schon tot.

Warum nennen Sie sich Benjaman Kyle?

Den Nachnamen habe ich mir ausgedacht, weil die Leute im Krankenhaus irgendwas in ihre Formulare eintragen mussten. Weil ich hinter einem »Burger King« gefunden wurde, haben die Krankenschwestern auf meine Akten die Initialen BK geschrieben. Also habe ich mir den Nachnamen Kyle gegeben, damit wenigstens die Anfangsbuchstaben stimmen. Aber ohne Namen kann ich meine Sozialversicherungsnummer nicht herausfinden …

… die Nummer, die in Amerika wichtiger ist als der Personalausweis. Wie lebt es sich ohne?
Ich kann keinen Pass beantragen, kein Konto eröffnen, nichts. Man sagt ja immer: In unserer modernen Welt ist man als Mensch nur eine Zahl in einem System. Wenn man sich an diese Zahl aber nicht erinnern kann, steht man mit leeren Händen da. Im Dezember habe ich eine Petition gestartet und Unterschriften gesammelt, um eine neue Nummer zu bekommen. Leider haben nicht genug Menschen unterschrieben. Aber ich probiere es noch mal.

Wie verdienen Sie Ihr Geld?
Momentan arbeite ich schwarz hier im Restaurant, als Küchenhilfe und Hausmeister. Der Besitzer hat von meinem Fall gehört und mir einen Job angeboten. Die 220 Kilometer von meinem Fundort bis nach Florida bin ich gelaufen. Ein Bekannter lässt mich umsonst in einem Schuppen wohnen.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Ich arbeite viel, das lenkt mich ab. Ansonsten suche ich nach Spuren – schaue in Melderegistern, aber die sind meist nur nach Nachnamen geordnet. Oder man bekommt ohne Ausweis keine Auskunft. Völlig paradox: Um herauszufinden, wie ich heiße und wo ich geboren wurde, muss ich Namen und Geburtsort angeben. Eine Frau bei der Behörde sagte mal: Auch wenn Sie vor mir stehen, rein rechtlich gesehen gibt es Sie gar nicht.

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Till Krause hat Benjaman Kyle nach ihrem Treffen versprochen, ihm bei der Suche nach seiner Identität zu helfen. Wer den Mann erkennt, erreicht den Autor unter Till.Krause@sz-magazin.de.

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