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aus Heft 04/2013 Gesundheit 3 Kommentare

Das falsche Signal

Seite 3: »Das ist das Ende«

Von Werner Bartens  Fotos: Markus Burke




Weil Ärzte die Kraft ihrer Worte oft unterschätzen, empfehlen Funktionäre, künftig Medizinstudenten mit Kommunikationstraining und Rollenspielen auf den Dialog mit den Patienten vorzubereiten.

Das gilt insbesondere für das medizinische Kauderwelsch, mit dem sich Ärzte gern verständigen. Es kann bei Patienten massive Beschwerden auslösen und die Heilung zunichte machen. Der amerikanische Kardiologe und Friedensnobelpreisträger Bernard Lown etwa berichtet in seinem Buch Die verlorene Kunst des Heilens von einer hektischen Visite, die ihm als jungem Assistenzarzt die Augen öffnete: Ein schlecht gelaunter Chefarzt habe am Krankenbett anderen Medizinern erklärt, dass es sich bei der Patientin vor ihnen nur um einen typischen Fall von TS handeln könne. TS steht im Mediziner-Jargon für Trikuspidalklappen-Stenose. Diese Verengung einer Herzklappe ist meist harmlos, auf keinen Fall lebensbedrohlich. Die Patientin habe aufmerksam zugehört. Nach der Visite sagte sie zu Lown: »Das ist das Ende«, TS müsse ja wohl »terminale Situation« bedeuten. Obwohl Lown der Dame eindringlich erklärte, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauche und was das Kürzel tatsächlich bedeutete, verschlechterte sich ihr Zustand rasch nach der unheimlichen Begegnung mit dem Chefarzt. Sie bekam Atemnot und in ihren Lungen sammelte sich immer mehr Flüssigkeit an. Lown alarmierte den Chefarzt, die Patientin dringend aufzuklären, wie er seine Bemerkung gemeint habe. Als der leitende Mediziner die Frau wenige Stunden später aufsuchte, war sie bereits am Lungenödem gestorben.

Der US-Mediziner Bernard Lown hat nach seinen Erfahrungen mit der negativen Kraft des ärztlichen Wortes Hunderte taktlose Bemerkungen gesammelt, die Kranke verunsicherten und gefährdeten. Typisch seien Sätze wie: Sie tragen eine Zeitbombe in Ihrer Brust. Oder: Ihr nächster Herzschlag könnte Ihr letzter sein.

Auch die deutschen Mediziner lassen oft das nötige Feingefühl vermissen. Im Sommer 2012 druckte das Deutsche Ärzteblatt deshalb eine Sammlung von Sätzen, mit denen sie ihren Patienten Schaden zufügen. Besonders im Klinikalltag unterlaufen unbedachte Äußerungen, die hilfreich gemeint sind, aber fatale Wirkungen auslösen können. Ängstliche Patienten legen jedes Wort auf die Goldwaage. Murmelt der Arzt beim Ultraschall der Schwangeren, dass der Kopf des Babys »etwas groß sei«, vermuten die eben noch hoffnungsvollen Eltern sofort einen Wasserkopf und schwere Behinderungen. Sätze wie »Vielleicht hilft dieses Medikament ja« oder »Probieren wir mal dieses Mittel« reichen, um Patienten in tiefe Unsicherheit zu stürzen. Anschaulich gemeinter Fachjargon (»Wir schneiden Sie jetzt in viele dünne Scheiben« vor der Computertomografie) oder eine missverständliche Entwarnung (»Die Suche nach Metastasen verlief negativ«) lösen im Krankenbett eher Sorgen aus. »Wir machen Sie jetzt fertig«, mag eine unter Pflegern übliche Äußerung dafür sein, wenn Patienten auf eine Operation vorbereitet werden, ebenso wie »wir schläfern Sie jetzt ein« vor der Narkose. Aber auch diese Bemerkungen beunruhigen Patienten unnötig. Das gilt auch für negative Suggestionen wie: »Sie sind ein Risikopatient« oder »Ihr Rückenmark wird sonst abgequetscht«. Und durch ungeschickte Fragen werden sie – ähnlich wie beim Studium des Beipackzettels – überhaupt erst auf Nebenwirkungen aufmerksam gemacht: »Ist Ihnen übel?« oder »Rühren Sie sich, wenn Sie Schmerzen haben« gehören dazu. Wenig beruhigend wirken auch Verneinungen, die dennoch den negativen Aspekt betonen: »Sie brauchen jetzt keine Angst zu haben« oder »Das blutet jetzt ein bisschen«.

Selbst Ärzte, denen dieses Problem bewusst ist, befinden sich in einem Dilemma: Schließlich sind auch sie dazu verpflichtet, möglichst umfassend über mögliche Risiken und Nebenwirkungen von Eingriffen und Therapien zu sprechen – doch die mehrseitigen Aufklärungsbögen und Beipackzettel verunsichern Patienten eher, als dass sie beruhigen. Eine Studie aus dem Jahr 2011 ergab, dass auch in diesem Fall Patienten, die beim sogenannten Aufklärungsgespräch ausführlicher über lästige, aber ungefährliche Nebenwirkungen aufgeklärt wurden, häufiger unter genau jenen Nebenwirkungen litten.

Deswegen schlagen Ärzte ihren Patienten zuweilen vor, dass sie ihnen nur von relevanten und häufigen Risiken berichten – und nicht von jedem seltenen Zwischenfall, der irgendwo auf der Welt einmal aufgetreten ist. Viele Patienten haben sowieso längst ein Gespür dafür entwickelt, wie sie sich vor der Kraft der schlechten Gedanken schützen: Beipackzettel werfen sie gleich weg. Und bei seitenlangen Aufklärungsbögen im Krankenhaus fragen sie nur: »Wo muss ich unterschreiben – den Rest will ich gar nicht wissen.«

Model: Hanna / Tune Models; Haare & Make-up: Erol Koyu / Agentur Phoenix
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Kommentare

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  • Georg Schmidt (0) heute machen das die Arzt TV Runde, es ist erwiesen, dass, wenn am Abend eine dieser Ärzte talkschows läuft, am nächsten tag jede Menge kranke Menschen in den Praxen sind, den Rest übernehmen heute die Internetforen, also ich habe so ein Forum einige Zeit besucht, bin aber ausgestiegen, weil ich die Kommentare oft sehr anstrengend fand, wenn Laien über Behandlungen und Krankheiten diskuttieren, ist das manchmal extrem belastend!
  • Ekkehard Durst (1) Könntet ihr beim nächsten Artikel über ein Medizinthema bitte ein Fotomodell nehmen, das nicht schwerst untergewichtig aussieht? Es geht ja schließlich nicht um Dr. Mengele ... DANKE
  • Klaus Protz (1) "Der Mensch glaubt das, was er glauben will"
    Einem Patienten mit einer tatsächlichen Haselnuss-Allergie wird bei diffusen Verdauungsbeschwerden gesagt, dass das auch Folgen einer Allergie sein könnten. Inzwischen meint er nun, wirklich, allergisch gegenüber Weizenmehl, Tomaten, Paprika, Blumenkohl u.v.m. zu sein. Er ist Privatpatient und so wird er von seinem Arzt in diesem Glauben unterstützt.
    "Mein liebster Patient ist ein gesunder Dauerpatient."
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