Anzeige

aus Heft 04/2013 Gesundheit Noch keine Kommentare

Das Wunderkind

Seite 2: »Das Schlimmste, was passieren kann«

Von Monica Murphy und Bill Wasik  Fotos: Lucas Foglia



Jeanna Giese überlebte 2004 eine Tollwut-Infektion - der erste dokumentierte Fall einer ungeimpften Überlebenden. Der Hund ihres Vaters, mit dem sie hier spielt, hatte mit ihrer Erkrankung übrigens nichts zu tun, Jeanna war von einer Fledermaus gebissen worden.

Willoughby schlug seinen Kollegen eine letzte, verzweifelte Idee vor. Die Lösung lag eigentlich »ganz offen auf der Hand«, sagt er im Nachhinein. In der Fachliteratur hatte er Hinweise darauf gefunden – obwohl die Forschungsergebnisse in dieser Hinsicht alles andere als eindeutig sind –, dass bei Tollwut der Tod nicht wie bei den meisten anderen Formen viraler Enzephalitis durch die Zerstörung von Nervenzellen oder durch eine Entzündung im Gehirn eintritt. Stattdessen werde hauptsächlich die Neurotransmission angegriffen, also die elektrochemische Kommunikation, die zwischen den Zellen im zentralen Nervensystem abläuft. Die sogenannte Exzitotoxizität überlastet das Gehirn, was dazu führt, dass die Zellen ihre eigene Energieversorgung plündern, bis sie schließlich absterben.

Willoughby wusste auch, dass das menschliche Immunsystem Abwehrmaßnahmen gegen die Tollwut aufbaut, die im Prinzip den Infekt bekämpfen könnten. Damit war seiner Logik zufolge der Kampf gegen die Tollwut ein Kampf gegen die Zeit: Anscheinend griff die Tollwut das Gehirn nicht direkt an, sondern veranlasste es dazu, den Körper zu zerstören, bevor dieser Zeit hätte, sich gegen die Tollwut zu wehren. Willoughby stellte seinen Kollegen im Kinderkrankenhaus von Wisconsin die Frage: Was wäre, wenn sie Jeanna in ein künstliches Koma versetzten? Eine Unterdrückung der Gehirntätigkeit bei gleichzeitiger Kontrolle ihrer Lebensfunktionen könnte ihrem Immunsystem die nötige Zeit geben.

Seine Kollegen hätten die Idee auch ablehnen können: »Bei auch nur einer Gegenstimme hätten wir es gelassen – denn die Idee war so simpel, dass sie eigentlich falsch sein musste. Sie war viel zu offensichtlich. Irgendjemand musste das doch schon ausprobiert haben. Aber es gab keine Gegenstimme.«

Mit Einwilligung ihrer Eltern versetzte Willoughby Jeanna in ein künstliches Koma. Eine Infusion mit Ketamin, einem kreislaufstabilisierenden Anästhetikum, hielt sie bewusstlos. Für Ketamin sprach außerdem, dass es in einer Studie aus dem Jahr 1992 bei tollwutinfizierten Ratten eine virenhemmende Wirkung gezeigt hatte. Willoughby verstärkte die Wirkung des Ketamins durch die Verabreichung eines weiteren antiviralen Mittels, Amantadin, und durch das Betäubungsmittel Midazolam; außerdem gab er dem Mädchen starke Beruhigungsmittel. Am dritten Tag ergänzte Willoughby auf Empfehlung der CDC noch Ribavirin, einen Breitband-Arzneistoff, der häufig zur Behandlung von Hepatitis C eingesetzt wird. Nach sieben Tagen war in Jeannas Blutserum und Rückenmarksflüssigkeit ein deutlicher Anstieg an Antikörpern zu verzeichnen: Wie von Willoughby erhofft, begann ihr Körper sich zu wehren.

Nun setzten die Ärzte die Medikamente allmählich wieder ab, Jeanna kam wieder zu Bewusstsein. Doch bei der ersten Untersuchung zeigte sie keine Reflexe, ihre Gliedmaßen lagen schlaff und regungslos auf dem Bett; lediglich ihre Pupillen reagierten stärker auf Lichteinfluss als in der Koma-Woche. Willoughby quälte die Vorstellung, er könnte ein Locked-in-Syndrom ausgelöst haben. Dabei ist ein Patient zwar bei Bewusstsein, kann aber weder kommunizieren noch sonst eine physische Reaktion zeigen: »Das ist das Schlimmste, was passieren kann.«

Doch Jeannas stetige Fortschritte vertrieben diese Befürchtung allmählich. Vier Tage nach Absetzung der Narkosemittel reagierte ihr Unterschenkel auf Willoughbys Reflexhammer. Zwei Tage später konnte sie ihre Augen bewegen. Wieder zwei Tage später hob sie die Augenbrauen, wenn man sie ansprach.

Doch es sollte noch Wochen dauern, bis selbst einfache Bewegungen wieder möglich waren. Nur sehr langsam bekam Jeanna ihren Körper wieder in den Griff. Gestik, Mienenspiel, Schlucken und Sprechen – sie musste alles neu lernen. Nach einem Monat medizinischer Isolation konnte sie eine intensive stationäre Therapie beginnen, die noch weitere Wochen andauern sollte.

Am 1. Januar 2005 konnte Jeanna das Krankenhaus verlassen und in ihr Zuhause in Fond du Lac, Wisconsin, zurückkehren. Vor ihr lag eine monatelange Physiotherapie, in der sie alle grundlegenden Fähigkeiten wiedererlernen musste: erst stehen, dann gehen, schließlich laufen. Mit Erfolg: Nach einem Jahr Reha waren nur ein leichtes Nuscheln und ein gelegentliches Stottern geblieben. Im Frühjahr 2011 schaffte sie als erstes Mitglied ihrer Familie den College-Abschluss.

Tollwut überlebt man nicht: So lautete das endgültige Urteil der Medizin, und das nicht nur in Rodney Willoughbys Examensprüfung, sondern bereits in medizinischen Aufsätzen, die aus dem ersten Jahrhundert nach Christus stammen. »Die Krankheit ist ebenso akut wie unablässig«, schrieb der griechische Mediziner Soranos von Ephesus. Sushruta, ein legendärer Chirurg im alten Indien, sprach in seiner eigenen Beschreibung von Hydrophobie von einer Sterberate von hundert Prozent: »Wenn ein solcher Patient beim Anblick von Wasser oder wenn nur das Wort Wasser erwähnt wird, übermä-ßige Furcht an den Tag legt, so liegt die Vermutung nahe, dass er an Jalatrása leidet« – wörtlich: Wasser-Scheu – »und dem Untergang geweiht ist.«

Zwar hat die Tollwut zu keiner Zeit riesige Opferzahlen verursacht, doch löste sie jahrhundertelang geradezu hysterische Furcht aus. Das mag auch an dem fast übernatürlichen Wahn liegen, der ihre Opfer kurz vor dem Tod packen kann. In einem Brief an die Londoner Times aus dem Jahr 1830, als die Stadt von tollwütigen Hunden geplagt wurde, schreibt ein Leser: »Wer unter uns kann am Morgen seine Heimstatt verlassen und sicher sein, dass er nicht ein paar Stunden später in einem Zustand zurückkehren könnte, der ihn herabwürdigt zur Verzweiflung und Raserei eines Dämons, von denen er nur durch einen schrecklichen Tod Erlösung findet?« In London und Paris organisierten Bürger groß angelegte »Hundemassaker«, um gegen die verwilderten Hunde vorzugehen, die diese Krankheit vermeintlich übertrugen.

Die übertriebene Furcht vor Tollwut war ein Grund, weshalb Louis Pasteur, der bereits Impfstoffe gegen die Tierkrankheiten Hühnercholera und Rindermilzbrand entwickelt hatte, sich ihr als erster menschlicher Krankheit widmete. Als Pasteur 1885 seinen Impfstoff entwickelt hatte, erlangte er sofort weltweite Berühmtheit. Auch außerhalb Frankreichs wurde er dafür mit Lob überhäuft – eine Reaktion, die seine früheren und ebenso beeindruckenden Leistungen, darunter die nach ihm benannte Pasteurisierung, nicht hervorgerufen hatten. Pasteurs Tollwutserum – das aufgrund der langen Latenzzeit zwischen Biss und tatsächlicher Infektion des Gehirns noch Tage später verabreicht werden konnte – verwandelte ein tödliches Virus in eine behandelbare Krankheit.

Die weitere Verbesserung des Serums hat die Zahl der tödlichen Tollwutfälle in Industrieländern auf nahezu null reduziert. In Entwicklungsländern fordert die Krankheit zwar immer noch viele Todesopfer: jährlich 55 000 nach der jüngsten Schätzung der Weltgesundheitsorganisation. Doch in der Forschung wie auch im Gesundheitswesen trat die Entschlüsselung des Erregers in den Hintergrund – auch weil als sicher galt, dass Tollwut unheilbar ist. Es schien sinnvoller, sich bei Menschen und Hunden, die gebissen wurden, ausschließlich auf die Schutzimpfung zu konzentrieren.

Anzeige

Kommentare

Name:
Kommentar: