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aus Heft 04/2013 Gesundheit Noch keine Kommentare

Das Wunderkind

Seite 3: Tollwut in Deutschland

Von Monica Murphy und Bill Wasik  Fotos: Lucas Foglia




Der Kinderarzt Rodney Willoughby aus Milwaukee entwickelte die neue Behandlungsmethode, die als »Milwaukee-Protokoll« bekannt wurde.

Die Sterblichkeitsrate von hundert Prozent hat die Ärzteschaft seit jeher dazu bewogen, alle Todeskandidaten in gleicher Weise zu betrachten. Dabei ist jede Infektion anders, was – zumindest in der Theorie – einigen Patienten eine höhere Überlebenschance einräumen könnte. Mancher Biss eines Tieres überträgt nur eine geringe Dosis des Erregers; Bisse im Gesicht sind gefährlicher als Bisse am Fuß oder Bein, da der Erreger das Gehirn schneller erreicht. Manche Patienten zeigen sofort eine Immunreaktion, andere nicht. Am wichtigsten allerdings ist die Erkenntnis, dass sich inzwischen verschiedene Tollwutvarianten in den unterschiedlichen Wirtstieren verbreitet haben; so löst zum Beispiel der Biss einer Fledermaus, eines Stinktieres oder eines Hundes jeweils eine andere Art von Infektion aus.

Rodney Willoughby rettete gegen jede Erwartung und jede Erfahrung mit einer neuartigen Form der Tollwutbehandlung seiner Patientin das Leben. Manche der weltweit führenden Tollwutexperten vermuten allerdings etwas anderes. Sie bestreiten nicht, dass Jeanna und Precious an Tollwut litten. Aber sie weigern sich anzuerkennen, dass das Milwaukee-Protokoll die beiden Mädchen und die anderen vier Überlebenden geheilt hat. Stattdessen behaupten sie, dass es im Lauf der Geschichte immer wieder Menschen gab, die Tollwut überlebt haben.

Kritiker des Milwaukee-Protokolls wie die Tollwut-Experten Henry Wilde und Thiravat Hemachudha vom medizinischen Institut der Chulalongkorn Universität in Bangkok vermuten: Willoughby ist auf eine neue Art und Weise der Tollwutbehandlung gestoßen und hatte dann das große Glück – oder Unglück –, es an einem der extrem seltenen Patienten zu testen, die auch ohne jede Behandlung überlebt hätten.

Die Überlebensrate des Milwaukee-Protokolls ist äußerst beeindruckend, wenn man sie am deprimierenden Vergleichswert »null« misst, auf den Jahrtausende der Medizin-geschichte zurückblicken können. Doch was, wenn nun ein Bruchteil der Patienten tatsächlich schon immer überlebt hat? Zu den vermeintlichen Tollwut-Überlebenden zählen: eine Deutsche im Jahr 1875, ein italienischer Teenager im Jahr 1912, ein 73-jähriger Amerikaner im Jahr 1913, eine Brasilianerin im Jahr 1968 – bei allen diagnostizierten Ärzte Tollwut, und alle überlebten, obwohl sie kein Serum erhielten. Das Problem bei diesen Fällen ist allerdings: Es ist nicht sicher, dass diese Patienten, an heutigen Standards gemessen, tatsächlich an Tollwut litten.

Doch Henry Wilde beharrt: »Es gibt Überlebende. 14 Prozent der Hunde überleben. Fledermäuse überleben.« Wenn die Tollwut nicht hundert Prozent Todesopfer unter den Tieren fordert und wenn keine andere menschliche Krankheit hundert Prozent der Betroffenen tötet, sollte es uns dann wirklich wundern, dass einige Tollwutfälle unter Menschen sich als nicht tödlich erweisen?

Um seine Kritiker zu widerlegen, hofft Willoughby sein Protokoll in Tierversuchen simulieren zu können, aber weder er noch sonst jemand hat bislang die nötigen Forschungen durchgeführt. Bis dahin wünschen sich Willoughbys Kritiker einen Antikörpertest, der gleich im Krankenhaus durchführbar ist, am Bett des Patienten. Wenn die Ärzte in den Entwicklungsländern herausfinden könnten, welche Patienten eine schnelle Immunreaktion auf die Tollwut zeigen, könnten sie die Intensivbehandlung weiterentwickeln und so möglicherweise mehr Menschenleben retten. Willoughbys Kritiker sind überzeugt, dass diese Behandlung dann dem Milwaukee-Protokoll nicht im Geringsten ähneln würde.

Die wissenschaftliche Kontroverse zeigt vor allem, wie wenig wir über vernachlässigte Krankheiten wie Tollwut wissen, die weltweit immer noch viele Opfer fordern, deren Zahl aber nicht hoch genug ist, um hohe Summen an Forschungsgeldern zu generieren. Was bleibt, sind bei allem medizinischen Fortschritt mutige Versuche wie die von Willoughby, Vermutungen – und am Ende neue Fragen. Denn jeder neue Fall ist so eigen, dass er das ganze Konstrukt wieder zum Einsturz bringen kann.

Wilde und Hemachudha verweisen auf das rätselhafteste Beispiel in jüngster Zeit, eine geheimnisvolle Patientin, der Gesundheitsbeamte den Namen »Texas Wild Child« gegeben haben. Im Februar 2009 tauchte eine 17-jährige Ausreißerin aus Missouri in einem Krankenhaus in Texas auf und klagte über schwere Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit, Nackenschmerzen, Schwindelanfälle und ein Kribbeln in Gesicht und Armen. Nach drei Tagen waren die Symptome des Mädchens abgeklungen, man schickte sie nach Hause. Doch kurze Zeit später kehrten die Kopfschmerzen noch heftiger zurück, und sie suchte die Notaufnahme eines anderen Krankenhauses auf.

Auf Nachfrage der Ärzte erinnerte sich das Mädchen, zwei Monate zuvor in einer Höhle in einen Schwarm Fledermäuse geraten zu sein. Sie hatte danach weder Kratzer noch Bisswunden bemerkt – doch Fledermausbisse sind oft so zart, dass sie einem Opfer nicht immer auffallen. Wie bei Precious und Jeanna wiesen die Blutproben des Mädchens Tollwut-Antikörper auf, doch ihre Symptome verschlimmerten sich nie so sehr, dass eine intensive Behandlung nötig wurde.

Nach zwei Wochen wurde das Mädchen entlassen, bald darauf war sie verschwunden. Ihre bemerkenswerte Genesung macht sie zum ersten Menschen, der jemals die Tollwut überlebte, ohne intensiv behandelt worden zu sein. Aber sie ist unauffindbar.


TOLLWUT IN DEUTSCHLAND

Der letzte Tollwutfall bei einem Menschen wurde 2007 gemeldet. Damals war ein Mann im Urlaub in Marokko von einem Hund gebissen worden, er starb einige Wochen später in Hamburg. Deutschland gilt seit September 2008 als frei von terrestrischer Tollwut. Das heißt: Heimische Tiere, die auf dem Boden leben, übertragen keine Tollwut mehr. Gefahr geht nur noch von illegal aus Tollwut-Endemiegebieten eingeführten Tieren sowie von Fledermäusen aus. 2012 gab es 13 Fälle von Fledermaustollwut, davon sieben in Berlin, zwei in Sachsen und je einen im Saarland, in Niedersachsen, Bremen und Schleswig-Holstein.


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