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aus Heft 05/2013 Fernsehen 2 Kommentare

»Jedes Schicksal ist besonders«

Seite 2: »Wir haben diesen Menschen sehr sorgfältig beim Leben zugesehen.«

Von Tobias Haberl (Interview) 





Michael Creutz, der Schornsteinfeger.

Sie haben auch Reisen mitgemacht?
Ullrich: Aber ja, wir waren in Los Angeles, weil unser Schornsteinfeger Michael Creutz unbedingt in einem Hollywood-Film mitspielen wollte, wir waren in Tallin, in der Türkei, San Francisco, Auschwitz, Stockholm, Amsterdam. Wir haben diesen Menschen sehr sorgfältig beim Leben zugesehen.
Gumm: Und beim Sterben. Als unsere Wilmersdorfer Witwe Berta Tomaschefski mit 95 Jahren starb, wollten wir ihre Beerdigung drehen, das gehörte einfach dazu, aber ihre Enkelin meinte: »Wenn ihr die Beerdigung drehen wollt, müsst ihr sie auch bezahlen.«
Ullrich:
Haben wir dann gemacht, 3000 Mark. Wir wollten, dass Frau Tomaschefski einen anständigen Sarg bekommt. Das waren wir ihr schuldig, immerhin hatte sie uns mit 88 Jahren das erste Interview ihres Lebens gegeben. Trotzdem konnten wir nicht jedem Wunsch nachkommen. Reimar Lenz stand fünf Jahre lang jeden Morgen mit einem neuen Vorschlag bei uns. Einmal hatte er sich für den Christopher Street Day als Papst verkleidet, da haben wir gesagt: »Ach, Reimar, das muss doch nicht sein.«

Ändern sich Menschen?
Ullrich:
Nein – bis zu dem Tag, an dem sich ein Schicksalsschlag ereignet, ein Todesfall, eine Trennung, eine Kündigung. Dann verändert sich plötzlich alles.
Gumm: Man kann auch ziemlich sicher sein, dass die Kinder genauso werden, wie ihnen das von den Eltern vorgelebt wird.
Ullrich: Mit allen Vor- und Nachteilen. Denn wenn man sieht, wie talentierte Kinder nicht aus ihrem Milieu rauskommen, weil den ganzen Tag RTL 2 läuft und ihre Eltern kein Gefühl dafür haben, was in ihren Kindern steckt, da wird man schon traurig. Chancengleichheit gibt es nicht.
Gumm: Der Notar wurde 2001 zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt, kam aber wegen Krankheit nach 14 Monaten U-Haft frei. Danach haben wir schon gemerkt, dass er sein Leben in Ordnung bringen will. Er war sogar beim Gefängnisseelsorger. Er ist der Einzige, mit dem wir uns bis heute siezen. Er lebt immer noch hier im Viertel, 300 Meter Luftlinie von unserem Büro. Der hatte damals das Bundesmandat für den Häftlingsfreikauf zwischen Ost und West, von dieser Rente lebt er heute.
Ullrich: Früher parkte der mit seinem Rolls-Royce immer in der zweiten Reihe, das hat die Leute hier schon aggressiv gemacht.
Gumm: Nach außen ist er vornehm und bewahrt immer Haltung. Aber als wir mit ihm in Amerika waren, um seine früheren Gasteltern zu besuchen, kamen wir auf seinen Vater zu sprechen. Ich werde nie vergessen, wie auf einmal sein Mund anfing zu vibrieren, und uns dieser reiche, akkurate Mann zum ersten Mal seine verletzliche Seite gezeigt hat.
Ullrich: Der ist eben nicht nur arrogant oder böse, der ist auch liebevoll und sensibel, man muss nur genauer hinsehen.
Gumm: Heute ist er geschieden und ziemlich einsam. Wir gehen davon aus, dass er nicht mit allzu vielen Menschen spricht. Wenn man viel über einen Menschen weiß, kann man ihm nur noch schwer böse sein.
Ullrich: Man kann davon ausgehen, dass in schwierigen Situationen, egal ob im Beruf oder in der Partnerschaft, die Einsamkeit bei vielen Menschen extrem ist. Viele kamen wesentlich öfter zu uns als notwendig, weil ihnen sonst keiner zugehört hat.
Gumm: Wir waren alles auf einmal: Tröster, Ratgeber, Psychotherapeuten, manchmal haben wir auch mit Geld geholfen.
Ullrich: Zum Beispiel Reimar Lenz, der seit mehr als dreißig Jahren mit seinem Freund Hans zusammen ist. Der Reimar hat früher eine Literaturzeitschrift herausgegeben und für die Satirezeitschrift Pardon geschrieben, das war ein richtiger Intellektueller. Den kannte in Berlin jeder, der war auf jedem Empfang und jeder Feier und bekam jeden Morgen einen Stapel Briefe von irgendwelchen älteren Damen. Und in dem Moment, wo er eine schwere Krankheit bekommt …
Gumm: … sind alle weg und er hat nur noch den Hans. Man kann schon sagen, diese beiden sind einsam. Das ist eine anonyme Einsamkeit, wie es sie nur in der Stadt gibt.

1989 hatten Sie Ihre Protagonisten schon drei Jahre lang begleitet. Wie hat der Mauerfall ihre Biografien beeinflusst?

Ullrich: Man konnte erkennen, wie das Weltgeschehen sich bis in die unwichtigsten Leben hinein auswirkt. Unser Notar fing sofort an, Geschäfte mit dem Osten zu machen und eröffnete ein Büro in Berlin-Mitte.
Gumm: Der Schornsteinfeger bekam einen Kehrbezirk im Osten und genoss es unglaublich, dass die Menschen ihn dort viel ehrfürchtiger behandelten. Er war zu einem Halbgott in Schwarz aufgestiegen, das hat ihm gefallen.

Berlin – Ecke Bundesplatz war anfangs auf fünf Jahre angelegt. Warum sind 26 daraus geworden?

Ullrich: Als Fritz Pleitgen WDR-Intendant wurde, ging es immer weiter. Der war ein Riesenfan von uns und hat kapiert, dass das Material immer spannender wird, je länger man an diesen Menschen dranbleibt.

Sie haben so viele Jahre in diese Menschenleben hineingeschaut und -gedacht. Was ist das Geheimnis von Zufriedenheit?
Ullrich: Ganz bestimmt nicht Geld.

Was dann?
Ullrich: Wenn man einen Inhalt, eine Leidenschaft hat. Wenn jemand Cello spielt oder was sammelt. Der Bäckermeister Dahms hat Uhren gesammelt, die falsch herum gehen, der hatte eine Riesenfreude an diesen Dingern. Mir kamen die Leute, die was auf die Beine gestellt haben, immer glücklicher oder zumindest ausgeglichener vor. Das können ganz banale Sachen sein: ein Straßenfest organisieren, ein paar Nachbarn zum Geburtstag einladen, eine Radtour an die Elbe machen.
Gumm: Skeptisch waren wir bei denen, die nach Kathmandu oder Südafrika geflogen sind, die wirkten immer getrieben.
Ullrich: Ich bin überzeugt davon, dass es die kleinen Dinge sind, die uns glücklich machen. Frau Dahms kauft sich heute noch jede Woche für 1,40 Euro einen Viererpack Eis bei Aldi. Den legt sie sich in die Tiefkühltruhe und hat an vier von sieben Abenden ihr Eis. »Das macht mich für ein paar Minuten glücklich«, sagt sie immer. Oder die Rehbeins, das ist eine ganz normale Familie. Er Zugabfertiger, sie Hausfrau, der Sohn ziemlich verhätschelt. Die sind nicht reich, die Frau hatte Brustkrebs und der Sohn kriegt keinen Job. Trotzdem sagt Vater Rehbein immer: »Ich weiß gar nicht, warum alle ständig jammern. Es geht uns doch gut.« Und die haben eine Rente von vielleicht 1200 Euro.
Gumm: Ganz anders der Schornsteinfeger. Der ist klassischer Mittelstand, eine Frau, zwei Kinder und ständig Angst, dass das Geld nicht reicht, obwohl er als Bezirksschornsteinfeger ordentlich verdient. Der hat sein Leben lang immer Grün gewählt, bei der letzten Wahl ist er auf CDU umgeschwenkt. Die Prioritäten ändern sich, wenn die Menschen älter werden. Das Sicherheits-bedürfnis wächst, man macht sich mehr Sorgen.

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Kommentare

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Kommentar:

  • Urs Maeder (0) Einzigartiges Zeitzeugnis. Für zukünftige Generationen eine geschichtlich wertvolle Dokumentation. Berührend. Dank gebührt den Verantwortlichen, die dies ermöglicht haben!
  • Marcus Müller (1) Zitat: "Berlin - Ecke Bundesplatz« ist ein in der deutschen Fernsehgeschichte einmaliges Projekt." Das finde ich ein bisschen sehr schwach angesichts der "Kidner von Golzow", oder? Nichts gegen "Ecke Bundesplatz" - die Dokumentation ist grandios, aber eben genau so wie die "Kinder von Golzow".
    Ein bisschen mehr Sachverstand erwarte ich vom SZ-Magazin schon.