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aus Heft 05/2013 Fernsehen 2 Kommentare

»Jedes Schicksal ist besonders«

Seite 3: Gibt es echte Liebe?

Von Tobias Haberl (Interview) 





Gerhard und Gerda Dahms vor ihrer Bäckerei.

Gibt es echte Liebe?
Gumm: Haben Sie den Film Liebe von Michael Haneke gesehen? So was gibt es schon, das gemeinsame Altwerden, das Zusammenhalten, aber die leidenschaftliche Liebe, die hört auf, bei allen.
Ullrich: Na ja, denk mal an die Köpckes. »Wir haben nur ein Ziel«, hat Frau Köpcke am Anfang zu mir gesagt, »dass mein Mann und ich uns ein bisschen Zweisamkeit erhalten.« Ich fand das damals ziemlich naiv. Und dann hat sie auch noch ihre Tanzkarriere für ihn aufgegeben.
Gumm: Und heute haben sie drei Kinder und haben es tatsächlich geschafft, immer noch verliebt zu wirken.
Ullrich: Das ist schon ein Arrangement, aber ein gutes, die werden sich nicht mehr trennen. Neulich kam Herr Köpcke ins Büro und meinte: »Natürlich ist es im Bett nicht mehr wie früher, aber wenn wir morgens aufwachen und uns in den Armen halten, gefällt mir das manchmal fast besser.«
Gumm: Wenn ein sechzigjähriger Mann so was sagt, kriegt man eine Gänsehaut. Denn eines haben wir gelernt: Alle Menschen sehnen sich nach Liebe, und zwar extrem.
Ullrich: Aber treu sein können die wenigsten. Mir fallen nicht viele ein, die es geschafft haben. Die haben uns ja alles erzählt, und wir mussten dichthalten, das konnte ganz schön belastend sein.

Was hat sich am Bundesplatz sonst noch verändert zwischen 1986 und 2012?
Gumm: Die Strecken sind weiter geworden. Die Wege der Menschen.
Ullrich: Als wir angefangen haben, war das hier ein richtiger Kiez, mit dem Metzger, dem Bäcker, dem Optiker, dem Apotheker. Diese Struktur ist zerbröckelt, viele Läden haben dichtgemacht, und die Menschen müssen in Einkaufszentren fahren.

Haben es die Schwulen und Türken, die Sie gefilmt haben, denn heute leichter als in den Achtzigern?
Gumm: Unser schwules Pärchen sicher, in Berlin allemal, da regt sich keiner mehr auf.
Ullrich:
Schwieriger haben es Menschen aus dem Ausland. Wenn ein Schwarzer oder ein Türke erfolgreich ist und durch seine Kleidung einen gewissen Lebensstandard repräsentieren kann, hat er kein Problem. Aber wehe, du siehst ärmlich aus, sprichst schlecht Deutsch oder hast keinen guten Job, dann werden alle Ressentiments hervorgeholt.

Auf der Berlinale haben Ihre vier neuesten und auch letzten Filme Weltpremiere. Nach 26 Jahren haben Sie das Projekt nun abgeschlossen. Warum?
Ullrich:
Ich bin siebzig.
Gumm: Und die meisten Geschichten sind auserzählt. Wenn jemand 75 oder 80 ist, passiert nicht mehr so viel. Jetzt könnte man nur noch von Krankheit und Tod erzählen.
Ullrich: Die ARD würde auch nicht weiter Geld für so was ausgeben. Es ist doch sowieso schon ein Wunder, dass wir das 26 Jahre lang machen konnten. Interessant wäre es jetzt, die Kinder und Enkel unserer Protagonisten zu begleiten. Der Sohn der türkischen Familie beginnt gerade eine Ausbildung als Kriminalbeamter, die Tochter war in New York, um Schauspielerin werden. Das muss man sich mal vorstellen. Ihre Großmutter wurde noch verheiratet und lernte erst spät lesen und schreiben.

Vermissen Sie die Leute?
Gumm: Noch nicht.
Ullrich: Sie bleiben uns ja erhalten. Das sind unsere Nachbarn. Und die, die schon tot sind, leben in ihren Sprüchen weiter. Wenn man bei der alten Frau Tomaschefski zum Essen eingeladen war, hat sie immer gesagt: »Kommt, sagt mir mal, dass es gut schmeckt!« Ich sage das heute noch zu meiner Frau. Ich denke auch noch oft an den Kalle. Es genügt, dass ich an einer Straßenecke vorbeikomme, wo ich ihn mal getroffen habe, schon ist er da.
Gumm: Reimar Lenz meinte: »Wenn ihr nicht mehr kommt, das halte ich nicht aus.« Das hat den Leuten schon gut getan, diese Aufmerksamkeit, das Interesse. Sieht man schon daran, dass alle gern von sich erzählt haben, aber von uns nie was wissen wollten.

Haben Sie ein schlechtes Gewissen, weil Sie diese Menschen nach so langer Zeit allein lassen?
Gumm: Nein, ich spüre eher eine leichte Traurigkeit.
Ullrich: Ein Gefühl des Abschieds, als ob man am Bahnhof steht und zusieht, wie der Zug rausfährt.

Glauben Sie, dass in dreißig Jahren noch jemand diese Filme anschauen wird?
Gumm: Ich bin sicher, dass diese Arbeit eine nachhaltige Wirkung haben wird. Das ist ein Sittenbild des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts.
Ullrich: Ein extrem sorgfältiger Fingerabdruck einer bestimmten Epoche. Wenn jemand in zehn Jahren wissen will, wie eine Bäckerei 1986 aussah, oder worüber man in einer Kleinfamilie 2001 gesprochen hat, dann kann er das alles hier nachschauen. Diese unglaubliche Stadt Berlin kurz vor, während und nach der Wende, die Biografien, die Träume, die geplatzt sind, in diesen Filmen wird das ganze Leben ausgebreitet.




Detlef Gumm
studierte Publizistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Mit dem Kameramann Hans-Georg Ullrich (links) gründete er 1975 die Filmfirma Känguruh. Die beiden haben an die 100 Dokumentarfilme gedreht und unter anderem den Grimme-Preis bekommen. Er ist 65 Jahre alt.

Hans-Georg Ullrich
besuchte die Fachschule für Fotografie und arbeitete als Kameramann und Regisseur beim Industriefilm. Seit mehr als 35 Jahren dreht er gemeinsam mit Detlef Gumm Dokumentarfilme, unter anderem das Langzeitprojekt »Berlin - Ecke Bundesplatz«. Er ist 70 Jahre alt.  

Der Film
»Berlin - Ecke Bundesplatz« ist ein in der deutschen Fernsehgeschichte einmaliges Projekt. Von 1986 bis 2012 begleiteten Ullrich und Gumm 30 Menschen aus Berlin-Wilmersdorf durch ihren Alltag. Am Samstag, dem 9. Februar, haben die vier letzten Filme Weltpremiere auf der Berlinale, ab dem 19. Februar sind sie bei 3sat, ab dem 23. Februar im WDR und ab dem 26. Februar im RBB zu sehen. Außerdem erscheint eine DVD-Gesamtausgabe.


Fotos: Felix Brüggemann c/o brigitta-horvat.com; Ingeborg Ullrich
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Kommentare

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  • Urs Maeder (0) Einzigartiges Zeitzeugnis. Für zukünftige Generationen eine geschichtlich wertvolle Dokumentation. Berührend. Dank gebührt den Verantwortlichen, die dies ermöglicht haben!
  • Marcus Müller (1) Zitat: "Berlin - Ecke Bundesplatz« ist ein in der deutschen Fernsehgeschichte einmaliges Projekt." Das finde ich ein bisschen sehr schwach angesichts der "Kidner von Golzow", oder? Nichts gegen "Ecke Bundesplatz" - die Dokumentation ist grandios, aber eben genau so wie die "Kinder von Golzow".
    Ein bisschen mehr Sachverstand erwarte ich vom SZ-Magazin schon.