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aus Heft 05/2013 Fernsehen Noch keine Kommentare

Zweite Heimat

Seite 2: Danes ist nicht die Einzige, die vom Fernsehen errettet wurde

Von Peter Praschl 





Wie es nach zwei Staffeln weitergeht, weiß noch niemand, doch wenigstens weiß man mittlerweile, dass es mit Claire Danes weitergeht. Sie hat eine Woche vor Weihnachten ein Kind bekommen, und in den Monaten davor hatten die Homeland-Süchtigen sich vor einer Babypause gefürchtet. Doch in der ersten Januarwoche gab es Entwarnung: In einem Interview sagte sie, sie könne sich nicht vorstellen, auf ihre Arbeit zu verzichten. Die Erleichterung war umso größer, als in Danes Karriere Auszeiten nichts Ungewöhnliches sind. 1998 hatte sie den ganzen Krempel hingeschmissen, um zwei Jahre lang Psychologie zu studieren (und ein Leben mit Partys, Verantwortungslosigkeit und Freundschaften mit Gleichaltrigen nachzuholen, zu dem sie nie gekommen war, weil sie schon mit 16 Heldin einer Fernsehserie gewesen war). Und nachdem sie 2009, mit 31, den britischen Schauspieler Hugh Dancy geheiratet hatte, dauerten ihre Flitterwochen anderthalb Jahre. Einer der Gründe dafür: Die Rollen, die man ihr anbot, sagten ihr nichts. Schließlich hatte sie sich vorgenommen, nur noch Frauen zu spielen, die eine Geschichte selbst vorantrieben, statt die Geschichten von Männern auszubaden, Frauen, die smart sind und nicht ihre Brüste herzeigen müssen. Offensichtlich schaffte Hollywood es nicht mehr, sich für eine seiner talentiertesten Schauspielerinnen das Richtige auszudenken.

Gerettet wurde sie vom Fernsehen. 2010 spielte sie im Fernsehfilm Temple Grandin so virtuos eine autistische Tierforscherin, dass sie mit einem Emmy und einem Golden Globe ausgezeichnet wurde, eine deutliche Aufforderung, Danes bitte nicht mehr zu unterfordern.

Auch Homeland könnte im Kino nicht stattfinden: zu wenig Platz für einen Charakter, der so ausufernd und vieldimensional ist wie der von Carrie Mathison. Das Kino, sagt Danes, verlangt von Schauspielern, dass sie in 93 Minuten ein Riesenproblem lösen. Im Fernsehen dagegen bekommen sie die Zeit, jede Nuance eines Charakters zu erforschen, und dürfen noch Geschichten erzählen, die so undurchschaubar sind wie die Welt, in der sie spielen.

Danes ist nicht die Einzige, deren Talent vom lange abgesnobbten Fernsehen errettet wurde. Immer weniger Hollywoodstars finden es karriereabträglich, wenn sie sich für Fernsehserien verpflichten. Auf dem kleinen Schirm dürfen sie noch zeigen, was sie draufhaben, für ein Publikum spielen, das nicht vor allem aus Teenagern besteht. Zooey Deschanel zum Beispiel kann sich in der wunderbar sarkastischen Comedyserie New Girl viel besser ausleben als im Kino, Steve Buscemi in Boardwalk Empire vorführen, wie viel sein Knittergesicht erzählen kann, Laura Linney ist erst durch The Big C – eine Serie, die es schafft, Krebs witzig zu behandeln – wirklich zum Star geworden. Wie rasend komisch Alec Baldwin ist, weiß man erst durch seine Auftritte in der Sitcom 30 Rock, und Glenn Close durfte in Damages die Brillanz einer Frau zeigen, die dem Kino zu alt geworden worden war. Im Fernsehen haben sie noch Platz: die anstrengenden und intelligenten Frauen über 40, die Charakterköpfe, die schrägen Figuren, die epischen Geschichten. Die bessere Show bekommt man jetzt Zuhause, dort, sagt Claire Danes, wo man sich den Hintern nicht taub sitzen muss.

Für sieben Jahre hat sie sich verpflichtet, fünf Staffeln Homeland noch vor sich, wenn alles gut geht und die Quoten nicht wieder sinken. »Eine wahnsinnig lange Zeit, ich weiß. Als ich darüber nachdachte, ob ich das tun sollte«, erzählt sie, »habe ich mir gesagt: Ich habe die Wahl, darin eine Gefängnisstrafe zu sehen oder eine Lebensversicherung. Jedes Jahr kann ich etwas richtig Aufregendes tun. Das Angebot für die Serie kam am selben Wochenende, an dem ich für die Rolle der Sekretärin von J. Edgar Hoover vorgesprochen hatte. Und ich fragte mich: Will ich die Sekretärin einer unwiderstehlichen Person spielen? Oder will ich selbst eine verdammt unwiderstehliche Person spielen?« Die verdammt unwiderstehliche Claire Danes hat sich richtig entschieden.

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Claire Danes ist nicht die Einzige, die vom Fernsehen errettet wurde.
Eine Übersicht:


Glenn Close Tolle Schauspielerin mit einem Problem: leider zu alt für Hollywood. Also brilliert die mittlerweile 65-Jährige in der TV-Serie »Damages«.



Steve Buscemi Hat Charakter, sieht auch so aus: Das macht ihn sehr geeignet für die Hauptrolle in der grandiosen Fernsehsaga »Boardwalk Empire«.



Laura Linney Tolle Performances in anspruchsvollen Filmen wie »Die Truman Show«. Zum Star wurde sie erst mit der Krebs-Comedy »The Big C«.



Alec Baldwin Hollywood-Veteran, hat viel überlebt (seltsame Rollen, Kim Basinger, Überdruss) und erlebte einen zweiten Frühling in der Sitcom »30 Rock«.

Fotos: Reuters, Getty, afp
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