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aus Heft 05/2013 Die Gewissensfrage 8 Kommentare

Die Gewissensfrage

Kann man die Paulchen Panther-Melodie nach dem Bekennervideo der Terrorzelle NSU noch unbeschwert hören?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

»Vor Kurzem fand in München der Prozess um die Verwendung der Paulchen Panther-Melodie bei einer Demonstration statt. Das Lied war zuvor von der Terrorzelle NSU in ihrem Bekennervideo benutzt worden. Als ich davon las, konnte ich mich einfach nicht mehr an die Melodie erinnern und wollte sie anhören. Da überkamen mich Zweifel: Kann ich dieses Lied noch guten Gewissens hören?« Silke F., Fürth




Die Morde der Terrorzelle NSU haben Deutschland erschüttert, und das Bekennervideo ist zu Recht auf Empörung und Abscheu gestoßen, weil darin die Opfer zusätzlich verhöhnt werden – und das auf eine besondere Art und Weise. Es ist ein typischer Mechanismus von Cartoons, dass es dort sehr gewalttätig zugeht: Es wird geprügelt, geschossen, gesprengt. Nur mit der Besonderheit, dass am Ende niemand ernsthaft verletzt oder gar getötet ist. Das kommt auch im Text über Paulchen Panther zum Ausdruck, wo es heißt, dass man über seine schlimmen Sachen lachen könne, weil er ja nur »Farb’ und Pinselstrich« sei. Dieses Prinzip haben die Mitglieder der Terrorzelle entweder bewusst, zufällig oder intuitiv aufgegriffen und pervertiert, indem sie es zur Untermalung ihrer Gräueltaten verwendeten, bei denen sie Menschen durch Schüsse oder Explosionen ermordeten.

Deshalb muss man Ihre Frage aufspalten in zwei Fragen: Dürfen Sie die an sich harmlose Melodie noch unbeschwert hören? Und können Sie es überhaupt noch? Vermutlich kann man die Melodie wirklich nicht mehr unbeschwert hören, wenn man um die Verwendung in dem NSU-Video weiß. Das hat auch ihr Einsatz bei der rechtsgerichteten Demonstration gezeigt, bei der nichts weiter nötig war als die Melodie zu spielen, um die gewünschten Assoziationen zu erzeugen. Insofern hat die Melodie tatsächlich ihre Unschuld zumindest zum Teil verloren.

Dennoch bin ich der Meinung, dass Sie die Melodie weiter hören dürfen und es sogar sollten. Aus zwei Gründen: Zum einen möchte ich eine zwar harmlose, aber doch angenehme Melodie, die für viele mit schönen Erinnerungen an Kindertage verknüpft ist, nicht einfach so aufgeben. Paulchen Panther kann nichts dafür, dass er so missbraucht wurde, deshalb sollte er dafür nicht zusätzlich büßen müssen, indem man mithilft, ihm das hässliche Etikett dauerhaft aufzukleben. Zum anderen will ich die Deutungshoheit über Gedanken und das eigene Hörerlebnis nicht Menschen überlassen, deren Gedankengut und Taten man verabscheut. Es geht, wie es ein Musikwissenschaftler nannte, den ich befragt habe, um so etwas wie »Hörautonomie«. Und darum, dem widerwärtigen Treiben der NSU und dem zugrundeliegenden Denken möglichst wenig Raum zu lassen.

Anmerkungen:


Die original Filmmelodie zu »Der rosarote Panther« (»The Pink Panther«) von Blake Edwards mit David Niven und Peter Sellers aus dem Jahr 1964 stammt von Henri Mancini und wurde vom American Film Institue in die Liste der 25 besten Filmmusiken aufgenommen.

Die im Bekennervideo der NSU verwandte Musik stammt aus der deutschen Fassung der Zeichentrickserie »Der rosarote Panther«, die auch unter »Paulchen Panther« bekannt wurde. Die Musik haben Fred Strittmatter und Quirin Amper jr. geschrieben, der Text dazu kommt von Eberhard Storeck.

Für Hinweise und Diskussion danke ich Herrn Prof. Dr. Michael Custodis, Professor für Musik der Gegenwart und Systematische Musikwissenschaft am Institut für Musikwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.


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Kommentare

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Kommentar:

  • Georg Schmidt (0) vor Jahren war ich auf Sylt und sah, dass die Flagge der Kriegsmarine WK1 im Wind flatterte, ich habe das BVMinisterium angeschrieben und auch das Innenministerium-dei Antwort-gegen ein Hissen dieser Fahne ist nix einzuwenden, später war ich verwundert, dass ein BMW Manager wegen des Hissens dieser Fahne zurücktreten musste ?
  • Olaf Neumann (1) Viel schlimmer finde ich, dass sich diese Idioten wie ein ehemaliger Fahrrad, Motorrad und Motorroller Hersteller in Neckarsulm nennen. Was sollen dann die Besitzer von alten NSU Motorrädern oder Autos machen? Stehen lassen?
  • Ralf Henke (0) Sorry übrigens, falls eben irgendjemand über meinem Text eingenickt sein sollte... ;-)
  • Ralf Henke (0) Liebe Frau Hausen-Müller, ich möchte nicht unwidersprochen lassen, dass man die Verwendung von Redewendungen wie das ins Deutsche übernommene "Suum cuique" = Jedem das Seine kritisch zu überdenken habe. (Hier stimme ich z.B. mit Herrn Meiss überein, möchte allerdings noch ein gutes Stück weiter argumentieren...) Ganz im Gegenteil geht mir die vermeintliche Political Corrrectness, die unsere Sprache oft genug zu einer Karikatur ihrer selbst werden lässt, mehr als nur auf den vielzitierten Senkel. Ganz besonders dann wenn sie Begriffe berührt, die - wie die auch von Ihnen angeführte Redewendung - deren unglückliches Schicksal es ist, an einem KZ-Tor prangen zu müssen - im historisch gewachsenen und (all-)täglichen Sprachgebrauch überhaupt keine negative Intention des Äußernden mehr mit sich bringen. So ist mir z.B. auch bei den genannten Beispielen Neger und Zigeuner völlig unerklärlich, warum man diese zwanghaft aus dem Sprachgebrauch verbannt hat bzw. verbannen sollte. Alle mir bekannten Menschen verbinden mit "Zigeuner" z.B. ein mehr als romantisches Bild fahrenden Volkes, die Begriffe Roma oder Sinti hingegen offenbaren mehr als häufig latente Ressentiments gegen dieselben Kulturgruppen. "Neger" sagt nur deshalb niemand, weil es als unschicklich gilt, auch wenn wirklich niemand mehr rassistisches Gedankengut damit verknüpft. Dürfen wir diese Begriffe dann also bald auch nicht mehr verwenden? Und ganz ehrlich: Hätte ich eine dunkle Hautfarbe, würde ich mich durch einen Begriff wie "Farbiger" nicht noch mehr diskriminiert fühlen als durch einen kulturhistorisch gewachsenen Begriff (mit welcher Intention oder Wertung er auch immer einmal behaftet gewesen sein mag), da dieser völlig unspezifisch ist und potentiell Latinos, zahllose Afrikaner, Indianer (jaja,... "amerikanische Ureinwohner") Arabisch-Stämmige und ggf. auch Asiaten und weitere Gruppen beinhaltet - also in einen Topf wirft. Irgendwie müssen sich die unterschiedlichen Gruppen ja nunmal gegeseitig betiteln und - Achtung! Kernaussage! - das diskriminirende Element ergibt sich grundsätzlich aus dem situativen, bildlichen oder textlichen Verwendungszusammenhang! Oder gibt es etwa einen Wertunterschied zwischen "Sch... Italiener" und "Sch... Spaghetti"? Solange das Denken und das Handeln der Menschen weder Rassismus oder Diskriminierung offenbaren, sollten Sprache und Kulturgüter als unbedarfte Mittler bitte der Unschuldsvermutung unterliegen. Es ist unter dem Strich nämlich absolut "wurscht" welcher Begriffe, Redewendungen oder anderer Kulturgüter sich Rassisten, Neo-Nazis oder ähnliche Gruppen bedienen. Die Gesellschaft hat daran zu arbeiten, dass die Dinge und Namen eine neutrale Wertschätzung erfahren anstatt deren Gebrauch zu unterdrücken. Letzteres bringt am Ende die bekannt peinlichen Sprachbasteleien hervor, die ohnehin meist nicht den Sprung in die Alltagssprache schaffen, in jedem Fall aber sorgt es dafür, dass andere Begriffe die unterdrückten ersetzen - mit jedoch genau der gleichen diskriminierenden Intention/Wertung. Die im Artikel von Herrn Bloch genannte Deutungshoheit und die "Hörautonomie" kann also gar nicht hoch genug bewertet werden.
  • Manfred Meiss (0) Zu dem Satz "Jedem das Seine": Der Satz ist weitaus vielfältiger, und man wird der Philosophie dahinter nicht gerecht, wenn man ihn auf Buchenwald reduziert (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Jedem_das_S...)
    Auch hier schließe ich mich der Meinung von Herrn Dr. Dr. Erlinger an: Man kann die Deutungshoheit über Kulturgut keinen verblendeten Menschen überlassen. Darum ist eine zensorische Überdenkung dieses Satzes gewiss der falsche Weg, mit der Belastung durch die NS-Zeit umzugehen. Ein bewusster Umgang und neudeuten wäre sicherlich zielführender, und würde der Sache gerechter.
  • Roland Detsch (0) Aber Hallo, Einspruch Euer Ehren:

    Die NSU-Musik stammt sehr wohl von Henri Mancini und wurde in der Originalversion von "The Pink Panther" auch in den Paulchen-Panther-Scetchen verwendet.
    Bei der besagten Musik von Quirin Amper jr. handelt es sich lediglich um die Anfangs- und Schlussmedlodie für die Serie "Der rosarote Panther", die ja neben den Geschichten mit Paulchen Panther als Held auch andere Scetche enthielt.
    Fred Strittmatter hat im Übrigen gar nichts mit der Musik zu tun sondern reimte lediglich die pfiffigen Kommentare zu den Paulchen-Panther-Scetchen, bei denen es sich ja um "Stummfilme" handelte, die eben mit der Mancini-Melodie unterlegt waren. Diese Kommentare wurden von der NSU aufgegriffen und propagandistisch zweckentfremdet.
  • Martin Kindt (0) Die Pink-Panther-Melodie ist mehr oder weniger so etwas wie Kulturgut und kann bzw. darf nicht dadurch diskreditiert werden, dass sie von Nazis und braunen Terroristen missbraucht wurde. Weder Komponist noch Interpreten können etwas dafür, dass man ihr Werk für widerliche Zwecke nutzt. Es darf jedenfalls nicht soweit kommen, dass man sich quasi als Nazi outet, wenn man die Pink-Panther-Melodie pfeift oder vor sich hin summt. Eine solche negative Belegung der Melodie wäre ja fast schon so etwas wie ein weiterer Sieg der braunen Terrorzellen.

    Was meine Vorkommentatorin betrifft, so könnte man anstatt der deutschen Redewendung "Jedem das Seine", die ich übrigens ganz unabhängig vom Eingangstor des KZ Buchenwald immer schon furchtbar fand, das Original verwenden, das da "Suum Cuique* lautet. Dabei muss ich übrigens immer an einen sehr fiesen Latein- und Sportlehrer denken, den ich mal in der Mittelstufe hatte und der mich heute noch hin und wieder in Albträumen verfolgt. "Suum Cuique" war eine seiner Standardfloskeln, speziell bei der Notenvergabe.
  • Inge Hausen-müller (2) Als ich vor einigen Tagen einen Beitrag für meinen Fotoblog speysight zum Holocaust-Gedenktag am 27.Januar vorbereitete und darin Bilder von der Gedenkstätte Buchenwald einfügte, kam mir wieder einmal der Satz in Erinnerung, der am Eingangstor zum Lager Buchenwald zu lesen ist ? und er ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

    Vermutlich wissen sehr viele, dass ?Arbeit macht frei? der Satz ist, der am Tor zum Lager Auschwitz zu finden ist. Dieser Satz ist ? natürlich völlig zu Recht ? gebrandmarkt.

    Viel viel schwieriger und vielschichtiger sieht das aus bei der Redewendung am Tor des KZ Buchenwald. Sie besteht nämlich aus einer Bemerkung, die man landläufig immer mal wieder hört und die viele ? meist ganz arglos ? auch selbst benutzen.

    Am Tor des Lagers Buchenwald zu lesen ist: ?Jedem das Seine?!

    Wenn ich diesen Satz höre, frage ich den Sprechenden immer danach, ob ihm denn bekannt sei, in welch schrecklichem Kontext diese Bemerkung eine Rolle spielt: Niemand weiß das! Alle sind aber betroffen, wenn sie hören, dass sich dieser geläufige Satz am Eingangstor eines Konzentrationslagers befindet.
    Selbst Werbekampagnen wurden aus Unkenntnis mit diesem Satz gestartet ? und nach Protesten ganz schnell wieder gestoppt.
    Dieser Satz ist nach wie vor - ganz unbedarft - Teil des Sprachgebrauchs im Alltag.
    In Zeiten, die sich sprachsensibel geben und in denen Kinderbücher von Begriffen wie ?Neger? oder ?Zigeuner? gereinigt werden, sollte man sich o.g. Redewendung zumindest auch einmal kritisch anschauen.