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aus Heft 06/2013 Reise Noch keine Kommentare

Cambridge

Kälter als das Original. Und verregneter. Aber mit Seufzerbrücke.

Von Alexander Menden  Illustration: Jean Jullien




Brücken
Cambridge, zu Deutsch Cam-Brücke – da überrascht es wenig, dass die Universitätsstadt sowohl einen Fluss namens Cam zu bieten hat als auch 23 Brücken, die hinüberführen. Die »Seufzerbrücke« des St. John’s College ist eine der berühmtesten. Sie hat wenig mit ihrer venezianischen Namensgeberin gemein, außer dass sie überdacht ist und fortwährend fotografiert wird. Es gibt interessantere Brücken, zum Beispiel die »Mathematical Bridge«. Bei der gegenwärtigen Version von 1905 handelt es sich bereits um die dritte, die an dieser Stelle nach Plänen von 1749 entstand. Sie beschreibt einen Bogen, besteht aber ausschließlich aus geraden Holzbalken, die eine Reihe raffiniert berechneter Tangenten bilden. Dass Isaac Newton persönlich die Brücke ohne eine einzige Schraube gebaut habe, ist allerdings eine Legende.

Gondeln
Die flachen Punts – sie dienten früher dem Fischfang – ziehen seit Jahrhunderten ihre Bahnen über den Cam. Es herrscht so scharfe Konkurrenz zwischen Bootsbetreibern, die touristi-sche Flusstouren anbieten, dass die Stadt eine Punt Police einrichten musste. Die sorgt dafür, dass Profi-Punter einander nicht wie früher heimlich die Boote versenken. Am besten mietet man sich selbst ein Punt und stakt mithilfe einer Stange den Cam entlang. Den schönsten Blick auf die Colleges hat man von den »Backs« aus, dem malerischen Flussabschnitt zwischen Magdalene Bridge und Silver Street Bridge. Der Punter steht dabei auf der »Box«, dem abgeflachten Bootsende. Wer sich ins Boot stellt, hat das Punting wahrscheinlich in Oxford gelernt. Dort zeigt traditionell das abgeflachte Ende nach vorn.

Stadtschreiber
Seit seinem Debüt in »Cambridge Blue« 2009 ist Gary Goodhew, der »jüngste Detektiv der Parkside Station«, in bisher vier Romanen auf Mörderjagd gegangen. Eine Leserin schrieb an Goodhews Erfinderin Alison Bruce, ihr habe »Cambridge Blue« besonders gefallen, weil eines der Opfer »direkt vor meiner Haustüre ermordet wird«.

SZ-Magazin: Mrs. Bruce, ist Cambridge eine gute Stadt für Krimis?
Alison Bruce: Als ich aus Swindon hierher zog, gab es zwar schon um die 120 Kriminalromane, die hier spielten, aber keinen Polizisten, dessen Name mit der Stadt verbunden war wie der von Inspektor Morse mit Oxford – ein Versäumnis. Ich hatte Detective Constable Goodhew schon als Idee im Kopf, und mir wurde schnell klar, dass er eine tiefe Verbundenheit mit dieser Stadt empfinden würde.

Er hat sein ganzes Leben in Cambridge verbracht.
Ja, er hat als Kind alle Gassen mit dem Fahrrad erkundet. Und er wollte seit seinem zwölften Geburtstag Polizist in Cambridge werden, um eine Art Wächter der Stadt zu sein. Als Zugezogene musste ich mich also mit der Umgebung bestens vertraut machen, um sie durch Garys
Augen sehen zu können.

Wie sehen Sie Cambridge heute?
Mich faszinieren vor allem die Gegensätze dieser Stadt, alt und neu, international und provinziell. Man sieht Architektur aus allen Epochen seit der Universitätsgründung im 13. Jahrhundert, aber in diesen alten Gebäuden wird Spitzenwissenschaft betrieben. Studenten aus der ganzen Welt leben Seite an Seite mit Einheimischen, die nie woanders gewohnt haben.

Und Ihre Bücher sollen all diese Aspekte zeigen?
Ich erkunde Gegenden abseits der Touristengebiete oder versuche Neues im vermeintlich Vertrauten zu entdecken. Während meiner Recherche auf dem viktorianischen Mill-Road-Friedhof ist mir zum Beispiel aufgefallen, dass er wie eine Gitarre geformt ist. Das wussten nicht mal die Alteingesessenen.

Essen
An einem Frühlingsmorgen des Jahres 1897 spazierten ein paar Studenten zum nahe gelegenen Dörfchen Grantchester. Dort wollten sie im »Orchard House« ihren Tee nehmen. Weil ausnahmsweise die Sonne schien, fragten sie die Landlady, Mrs. Stevenson, ob sie ihnen den Tee nicht unter den blühenden Bäumen des zum Haus gehörigen Obstgartens servieren könne. Das tat sie, und eine Tradition war geboren: Der »Orchard Tea Garden« ist fester Bestandteil jeder Wanderung nach Grantchester. Selbst wenn die Obstbäume gerade mal nicht blühen, ist ein Cream Tea mit Scones und Clotted Cream Pflicht. Natürlich gibt es dazu Sandwiches mit Gurke, mit Lachs und Streichkäse oder mit »Coronation Chicken« (Curryhuhn mit Rosinen) sowie die unentbehrliche Backkartoffel. »The Orchard Tea Garden«, 45–47 Mill Way, Grantchester, Tel. 0044/1223/55 11 25; www.orchardgrantchester.com

Schlafen
Eines der Privilegien, die ein Cambridge-Studium mit sich bringt, sind die Studentenunterkünfte, von denen viele in den historischen College-Gebäuden liegen. Dass die zum Teil aus dem Mittelalter stammenden Räumlichkeiten etwas schwer beheizbar sind, wird dadurch aufgewogen, dass man hier in denselben Betten schläft wie illustre Alumni – darunter der Dichter William Wordsworth, der Schauspieler Stephen Fry und, nun ja, Prinz Charles. Gegessen wird in der Hall, dem großen College-Speisesaal. Naturgemäß stehen Reisenden die meisten Zimmer während der Trimes-terferien zur Verfügung, also von März bis April und von Juli bis September. Aber wer rechtzeitig bucht, hat das ganze Jahr über Gelegenheit, Cambridge-Student zu spielen. www.cambridgerooms.co.uk; DZ ab 68 Pfund inklusive Frühstück.

Unbedingt
Das Fitzwilliam-Museum besuchen, es hat eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen Großbritanniens, darunter eine unvergleichliche Auswahl von William-Turner-Aquarellen. Neuerdings ist in der Ägypten-Abteilung auch wieder der frisch renovierte Sarkophag des Hor ausgestellt. Seine Brusthöhle wird von einer Konstruktion aus Legosteinen gestützt, für die der Restaurator kürzlich einen Innovationspreis gewann.

Auf keinen Fall
Versuchen, die Colleges auf gut Glück zu besichtigen. Oft wird man vom Pförtner abgewiesen, manchmal freundlich, nicht selten recht brüsk. Wer sich Demütigungen ersparen will, informiert sich vorab, welche Colleges wann für Touristen geöffnet sind, oder besucht gleich einen der frei zugänglichen Abendgottensdienste, zum Beispiel in der spektakulären King’s College Chapel.

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