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aus Heft 06/2013 Reise

Gent

Gabriela Herpell  Fotos: Peter de Krom; Illustrationen: Jean Jullien

Der Klang der Stille.



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Wenn Ip Man seinen hölzernen Kahn durch die Kanäle der belgischen Stadt Gent steuert, ist das eine Art Protest: gegen die vielen Motorboote, die vom Frühling bis in den späten Herbst Millionen Touristen durch die Stadt schippern und dabei die Luft so verpesten, dass die Einheimischen im Sommer ihre Fens-ter schließen müssen.

Ip Man ist kein Künstlername. Der 58-jährige Mann stammt aus Hongkong, lebt seit dreißig Jahren in Gent und führt zusammen mit seiner Frau einen Naturkostladen mit Restaurant. Auf die Frage, was ihn damals in die Hansestadt geführt hat, antwortet er: »Es ist so, wie Michelangelo gesagt hat: Eine Skulptur gibt es lange, bevor der Mensch sie anfertigt.« Mehr sagt er nicht.

Jetzt, im Winter und bei Dauerregen, ist Ip Man der einzige Bootsmann, der überhaupt hinausfährt. »Das Wetter ist kein Problem«, hatte er vorab am Telefon versprochen. »Es ist sogar poetisch. Sie werden das Gefühl haben, die ganze Stadt gehört Ihnen.« Spätnachmittags sind wir in seinem Laden verabredet. Denn Gent sei am schönsten in der Dämmerung, sagt er, wenn die Lichter angehen. Mit ihrer Beleuchtung hat die Stadt schon viele internationale Preise gewonnen, dabei entstand sie eigentlich aus der Not: In den Sechzigerjahren wurden in die Erdgeschosse der schönen mittelalterlichen Häuser Geschäfte gebaut und die Fassaden mit großen billigen Fenstern verschandelt. Darum werden heute die Häuser der gesamten Innenstadt nur vom ersten Stock aufwärts angeleuchtet.

Ip Man, schwarzer Schnurrbart, die grauen Haare zum Zopf gebunden, bestickte Weste, olivgrüne Gummistiefel, kübelt eimerweise Wasser aus seinem Boot, legt Decken auf die Holzplanken, lädt einen Korb mit Wärmflaschen, Wein und Knabbereien ein, zündet zwei Laternen an, eine für hinten, eine für vorne, reicht den Besuchern die Hand und geleitet sie an Bord. Dann bindet er das Boot los, ganz vorsichtig, streicht zärtlich über seinen Bug, als wäre es lebendig, richtet sich auf, stößt sich vom Ufer ab und rudert kräftig los.

Auf den Straßen bleiben die Leute stehen und schauen, sie zücken ihre Kameras und Handys, von einer Brücke ruft einer »Hey, das ist nicht Venedig hier!« und lacht. Wie schnell man vom Touristen zur Touristenattraktion wird, an der Seite von Ip Man, der auf seinem Boot aussieht wie ein Wesen aus einer versunkenen Welt: stolz, unbeugsam, ein Rebell.

Im Sommer, wenn all die Plastikboote auf den Kanälen unterwegs sind, machen sich manche Touristen lustig über Ip Man. Weil er so langsam ist. Es haben auch schon welche leere Dosen oder sonstigen Unrat auf sein Boot geworfen. Ip Man zuckt die Achseln. Die Welt kann er nicht ändern.

Ip Man hat zwei Boote, und seine Touren sind ein Non-Profit-Unternehmen. Der Rebell möchte nicht rudern müssen, wenn er keine Lust dazu hat. Er will keine Monologe halten müssen, wenn sowieso niemand zuhört. »Ich bin kein Touristenführer, sondern Bootsmann«, sagt er. Dann schweigt er und steuert den Kahn in die Äste einer Trauerweide hinein, die trotz des Winters noch ein paar Blätter hat, lässt sich im Schneidersitz nieder, entkorkt den Wein, füllt die Gläser. Gent bei Dunkelheit ist wirklich poetisch, mit seinen düsteren Straßen, gesäumt von all den angestrahlten Häusern, die aussehen, als würde das Erdgeschoss fehlen.

Der Regen hat nachgelassen. Beim Wein erzählt Ip Man nun doch ein bisschen von sich und von Gent: Die Stadt sei die Wiege der grünen Bewegung und damit der Naturkost, sagt er und erklärt damit vielleicht, was ihn hergeführt hat. Dann schlägt er ein Büchlein auf: Ghent in Haiku. »Silent travellers listening to the sound of silence«, liest er. Stille Reisende lauschen dem Klang der Stille. 2010 hat er ein Haiku-Festival organisiert, Schriftsteller sind nachts mit seinen Booten durch Gent gefahren und haben gedichtet, ihre Verse wurden in dem Buch gesammelt, aus dem er vorliest. Vergangenes Jahr hat Ip Man eine Woche Tag und Nacht auf einem Boot verbracht und dann Künstler eingeladen, es ihm nachzutun. Eine Frau hat ein Zelt aufgeschlagen auf ihrem Boot, ein anderer Künstler hat sich eine Bretterbude darauf gebaut. Jeden Sommer leiht Ip Man seine Boote Musikern, die klassische Konzerte auf dem Wasser geben. »Ich liebe Gent, ich möchte es verschönern.«

Auf dem Weg zurück läuten die Kirchturmglocken sieben Uhr. Ip Man lächelt. »Sehen Sie, die Zeit vergeht schnell auf einem langsamen Boot.«

Viadagio, Ip Man, Oudburg 38, 9000 Gent, Tel. 0032/9/225 07 86, www.viadagio.be

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