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aus Heft 07/2013 Mann und Frau 12 Kommentare

»Frauen wünschen sich Männer, die es nicht gibt«

Seite 2: Der Feminismus hat versäumt die Männer auf die reise mitzunehmen.

Von Christian Ankowitsch 




(Foto:dpa)
Mein Brief soll nicht zur Geschichtsstunde werden, obwohl … Du weißt ja, was dann kam: Emanzipation, Demos, »Ich habe abgetrieben«-Cover, »Alle Männer sind Vergewaltiger« etc.; und wenn Du es nicht weißt, wirst Du es in der Schule noch zu hören bekommen. Es war die groß angelegte Dekonstruktion all jener Regeln, Umgangsformen und Rollenzuschreibungen, die das Zusammenleben von Männern und Frauen bis dahin bestimmt und recht übersichtlich gemacht hatten, wenn auch auf Kosten der Frauen. Die Reaktionen der Männer und der Frauen auf diese Umwälzungen waren vielfältig und widersprüchlich, eine schlüssige neue Haltung haben wir, so empfinde ich es, bis heute nicht gefunden. Genauso ambivalent muss daher die Antwort auf die Frage ausfallen, wie man denn nun als Mann gut mit einer Frau zusammenleben kann, wie wir Männer uns im Alltag angemessen zu verhalten haben (und wie die Frauen), was wir voneinander erwarten dürfen und was nicht.

Für Dich ist das schwierig, sehr schwierig. Vor allem deshalb, weil Du so viel weißt und weil man Dich mit einem Wust widersprüchlicher Erwartungen zuschüttet – im Unterschied zu Deinem Opa und auch Deinem Vater. Du weißt zum Beispiel, was Männer Frauen alles angetan haben und immer noch antun, und lebst daher mit einem latent schlechten Gewissen, obwohl Du an dem Schlamassel keine Schuld trägst. Du weißt, dass sich Frauen Männer wünschen, die es nicht gibt: Viril sollen sie sein, autonom, einfühlsam, schön, kinderlieb, abenteuerlustig, potent, feminin, verständnisvoll, rücksichtslos im richtigen Augenblick. Du weißt, dass Frauen in manchen Situationen die besseren Karten haben, weil die Gesellschaft sich dazu entschlossen hat, jetzt mal die Mädchen zu fördern und weniger die Jungs. Du weißt, dass das ungerecht sein kann. Und Du weißt, dass es gerecht sein kann. Du weißt, dass der Feminismus wichtig war, es aber versäumt hat, die Männer mit auf die Reise zu nehmen, vielmehr hat er sie ratlos zurückgelassen und wundert sich jetzt über die zurückgebliebenen Männer. Du spürst, dass Du ein Mann bist, der auch von seinen Genen bestimmt wird. (Muss ich Dir noch einmal erzählen, wie Du, als Kleinkind, mit Holzhammer, Schraubenzieher, Puppe und Kleidchen konfrontiert, das gesamte testosterongetriebene Standardprogramm abgespult hast? Wie Du alles kleingehämmert hast? Die Klimperaugen der Puppe mit dem Schraubenzieher demontiert? Und das, ich schwöre!, ganz ohne geschlechtsspezifische Anleitung durch Deine Mutter oder mich. Nein, muss ich nicht, oft genug hast Du es gehört.)

Viel Zeug, keine Frage. Wie sollt Ihr beide nun zueinanderfinden? Du, der Mann, und sie, Dein weibliches Gegenüber?

Hier ein paar Ideen dazu. Sie sind eine Mischung aus Antworten und Fragen, fürchte ich. Die erste Idee lautet: Weil Du ohnehin schon so viel weißt und verstanden hast, pack einfach noch eine weitere Erkenntnis dazu – Deinem Gegenüber, der jungen Frau, geht es wahrscheinlich wie Dir. Sie muss mit derselben Mischung inkompatibler Erwartungen, ambivalenter Forderungen und diffuser Befürchtungen umgehen wie Du und ist im Zweifel genauso ratlos.

Die zweite: Du bist weder Opfer noch Täter, sondern irgendwas dazwischen. Du hast es in der Hand, Dein Verhalten zu ändern, auch wenn Du immer wieder damit rechnen musst, dass Dich etwas Unvorhergesehenes stolpern lässt. Dabei hilft es, den Mund aufzumachen. Reden hilft, sagt Deine Mutter gern. Fragen auch. Ich weiß, es wird schon viel zu viel geredet, ständig, über alles. Doch die wirklich wichtigen Dinge kommen paradoxerweise selten zur Sprache. Daher, fürchte ich, führt kein Weg daran vorbei, dass Du sprichst. Über Dich, über sie. Sag einfache Dinge, naheliegende, wahrhaftige. Sag ihr, dass Du sie magst. Sag ihr, dass Du sie jetzt gern in den Arm nehmen würdest. Frag sie, ob es so gut ist … okay, okay, ich höre schon auf damit. Ich weiß, es gibt nichts Peinlicheres als Eltern, die über solche Dinge sprechen. Du dürftest verstanden haben, worauf ich hinauswill.

Die dritte: Geh den Videoclips nicht auf den Leim, den Buchtiteln, den Magazincovern, den Songtexten, den Pornoseiten im Web, mit ihren Bildern von uns Männern. Sie alle formulieren wenige, eindeutige Botschaften; die eine lautet, dass wir Männer uns die Frauen nur zu nehmen brauchen, wie brutal wir uns dabei auch anstellen mögen. Die andere lautet, dass das Leben junger Frauen und Männer heute daraus besteht, ihr Innerstes nach außen zu kehren und allen alles zu zeigen. Diese Botschaften sind keine Erzählungen vom Zusammenleben eines Mannes und einer Frau. Es sind fremde Fantasien, verkaufsfördernde Provokationen oder zweifelhafte Versuche, ein wenig von der wichtigsten Ressource der Gegenwart abzubekommen: Aufmerksamkeit.

Das Wichtigste: Ich fürchte, Du musst akzeptieren, dass es ohne Risiko nicht geht. Wer auch immer versucht, mit einem anderen Menschen in Kontakt zu kommen, der »stört« dessen Kreise – und sei es, indem er ihn freundlich grüßt. Indem Du jemanden ansprichst, verlässt Du Deine selbstbestimmte Welt – und greifst in die des anderen ein. Es kann also im Nachdenken darüber, wie Du Dich einer Frau näherst, wie Du mit ihr zusammenlebst, nicht darum gehen, ob Du sie störst. Das wirst Du in jedem Fall tun. Es geht vielmehr darum, wie Du sie störst. Das ist doch schon mal was, oder?

Wie nun diese Störung aussieht und wie die Frau diese Störung empfindet, das hängt von sehr vielem ab (und kann daher schnell schiefgehen): Wie sie geprägt ist, ob Männer sie verletzt haben, was sie von Dir erwartet, wie sicher sie sich ihrer selbst ist … Du weißt, auf welchen Endlossatz das jetzt hinausläuft. Gesellschaftliche Anleitungen kannst Du vergessen, längst schon haben sie ihre Verbindlichkeit verloren. Wenn Du mir nicht glaubst, versuche einfach mal, einer jungen Frau in den Mantel zu helfen, was früher (einmal muss ich es verwenden, dieses Zauberwort von Eltern) einmal zum guten Ton gehörte. Es ist nicht vorhersehbar, ob sie das als Geste der Zuwendung oder als Ausdruck opahafter Bevormundung begreifen wird. Vergiss es, das klären zu wollen. Es gilt, was sie aus dieser Geste macht. Das ist der Preis, den wir für eine offene Gesellschaft zahlen. Er ist verkraftbar, würde ich sagen.

Doch es führt kein Weg daran vorbei, dass Du etwas riskierst. Dass Du etwas von Dir preisgibst. Dass Du etwas sagst. Und dass Du dabei aufs Wie achtest. Im Grunde habe ich das Gefühl, dass es einfacher ist, als es scheint. Solange Du respektvoll bleibst, freundlich, witzig, kann nicht allzu viel schiefgehen. Viel Glück, mein Sohn! Sei im Zweifel dann doch eher vorsichtig und defensiv, respektvoll immer. Aber das sind Ratschläge, die Väter zur eigenen Beruhigung geben und weniger, weil sie glauben, ihre Söhne hielten sich daran.

Du wirst es richtig machen, da bin ich ganz sicher.

Dein Papi
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Kommentare

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  • Focus Turnier (0) Nochmals meine Frage, die mir beim Lesen des folgenden Satzes kam:

    " Der Feminismus hat versäumt die Männer auf die reise mitzunehmen."

    Wann kann ich hier einen Brief einer Mutter an ihre Tochter lesen, in dem sie begründet, warum denn der Feminismus vergessen hat, die Männer mit "auf die Reise zu nehmen"?
    Das würde ich unter Gleichberechtigung verstehen.

    MfG
    FT
  • Nico Rette (0) Vielen Danke für den tollen Artikel, insbesondere diese Beobachtung


    Die dritte: Geh den Videoclips nicht auf den Leim, den Buchtiteln, den Magazincovern, den Songtexten, den Pornoseiten im Web, mit ihren Bildern von uns Männern. Sie alle formulieren wenige, eindeutige Botschaften; die eine lautet, dass wir Männer uns die Frauen nur zu nehmen brauchen, wie brutal wir uns dabei auch anstellen mögen. Die andere lautet, dass das Leben junger Frauen und Männer heute daraus besteht, ihr Innerstes nach außen zu kehren und allen alles zu zeigen. Diese Botschaften sind keine Erzählungen vom Zusammenleben eines Mannes und einer Frau. Es sind fremde Fantasien, verkaufsfördernde Provokationen oder zweifelhafte Versuche, ein wenig von der wichtigsten Ressource der Gegenwart abzubekommen: Aufmerksamkeit.


    ...die ich bisher so differenziert in der Debatte nicht gelesen hatte. Die ich allerdings aus persönlichen Beobachtungen und wissenschaftlicher Erfahrung im Bereich der Medien sehr gut nachvollziehen.

    Von Frauen wird erwartet, dass sie sich nach außen kehrt...und fast gekränkt reagiert, wenn sie es nicht tut. Vielleicht eines der subtilsten Rollenbilder, das immer noch fest in unseren Köpfen sitzt. Ebenso wie das, dass ein Mann sein innerstes nicht nach außen kehrt...

    Sehr schade...ich freue mich immer, wenn man das gemeinsam Stück für Stück tun kann und dabei so unendlich viel entdecken kann am Gegenüber!

    Schöne Grüße,
    Nico
  • Michael Bernal Copano (0) Bin konsterniert bis belustigt über den Tenor der Kommentare bis hier hin. Ich lese den Brief nämlich als historisch abgeklärt, lebenserfahren und lebensklug ? und als sehr persönlich, was mir zunächst mal Respekt für den abverlangt, der das mit mir teilt. Liegt?s an meinem Jahrgang 1954? Zeiten- und Selbst-Erfahrungen machen mich jedenfalls hübsch vorsichtig in allzu forschem Bekennertum dessen, was ich besser zu machen meine. Diese Kommentarfunktionen führen aber auch immer zu einem Ton ..., den ich hoffentlich gerade vermieden habe.
  • Stephan Schwarz (0) Dieser "Brief eines Vaters an seinen Sohn" zeigt exemplarisch, dass sich das linksliberal-feministische Milieu mental immer noch im Jahr 1968 befindet und anscheinend noch nicht zur Kenntnis genommen hat, dass sich die Welt seitdem grundlegend geändert hat und Frauen heutzutage die Macht haben, gegenüber Männern jede denkbare Schweinerei zu begehen.
    Die Linken sind heutzutage die wahren Konservativen. Sie können es nicht ertragen, dass im öffentlichen Diskurs, etwa zu Geschlechterfragen, irgendwelche umstürzlerischen Gedanken Verbreitung finden, und sind demzufolge bemüht, diesen Diskurs geradezu zwanghaft in den alten Denkmustern (Schwarz-Weiß, Gut-Böse, Mann-Frau) beizubehalten. Dabei hielten sie sich doch mal für progressiv...
    Erstarrung, Denkverbote, intellektueller Stillstand. Dazu Prüderie, Doppelmoral und der Geist des Spießertums. Alles, wogegen ihr früher kämpftet, seid ihr nun selber. Ihr habt es wirklich weit gebracht.
  • Peter Melzer (0) Sexismus ist, wenn eine Verallgemeinerung negativer Eigenschaften auf einen Geschlecht projiziert wird und ist immer mit der Abwertung verbunden. Sexismus können hauptsächlich nur von den Legeslativen oder die sogenannte vierte Macht ausgeübt werden. Sexismus ist nicht, wenn ein Mann an der Bar eine Frau geil findet, oder wenn die verheiratete Nachbarin gegenüber mit einem Fremdgehen möchte. - Seximus wird ausgeübt bezüglich Justiz und Jugendamt: Familiengericht. Da muss jeder Mann nur die negativen Eigenschaften schlechter Väter über sich ergehen lassen. Während jede Mutter, auch Rabenmütter, als gute Mutter angesehen werden. Hier wird nur nach dem Geschlecht geurteilt! Männer sind in den Medien potentielle Sklavinhalter, Vergewaltiger oder, in diesem Artikel nicht genannt, Phädophile. Der Sexismus in diesem Artikel wurde schon ausreichend von anderen Kommentatoren dokumentiert. Nur eines:
    "Als Dein Opa nach dem Studium einen Job bekam, der ihn dazu zwang, weit weg zu ziehen von Eltern und Freunden, nahm er Deine Oma einfach mit." - Achso, weil der Mann jetzt da einen "Job" hat, gilt der gleiche Opferbereitschaft nicht? Mal wieder ein schönes Beispiel, dass selbst im gleichem Fall, die Frau als Opfer und der Mann als Täter klassifiziert werden, obwohl es beide gleich betrifft. Weiter:"Es war eine pure Männer-außenwelt, in der diese bestimmten, was geschah." - Der Opa hat ein scheiß bestimmt. Wenn er hätte bestimmen können, hätte er vermutlich einen 20.000DM Netto-Halbtagsjob auf Hawaii am Strand bestimmt. Genau diese Einstellung moderner Frauen, nicht mehr dem Mann mitzuziehen zu wollen, hat dafür gesorgt, dass ich eine Hohe Frauenverbrauch habe. Einerseits wird nämlich erwartet, dass man als Mann immer noch der kontinuierliche Ernährer, mit gutem Gehalt und festen Beruf, ist, anderseits will die Frau nicht mehr mitziehen, wo es der Mann am besten die Aufgaben bewältigen kann. Berufspendeln wurde u.a. deswegen Mode. Aber ich sehe es nicht ein, aus Bequemlichkeit der Frau einen Umstand von 2h Fahrstrecke, nach 9-10hArbeitsst./Tag, im Kauf zu nehmen, damit sie zweimal im Monat via Kurzstrecke ihre Freundinnen besuchen kann und eventuell auch nicht so weit für ihren HALBtagsjob hat. ~ Man muss heutzutage genau aus solche Verblödungen Aufklärungsarbeit leisten, dass man als Mann da auch keine oder begrenzte Auswahl zur Verfügung hat.

    Sexismus wird übrigens nicht in Bars oder bei Müttertreffs ausgeübt, selbst wenn sie sich die ganze Zeit mal Lust haben, mehr oder weniger ernst, über ein Geschlecht herzuziehen.
  • Focus Turnier (0) @Sven B

    "Was kann da der Feminismus dafür?"

    Meinen Sie diese Frage ernst?

    MfG
    FT
  • Oliver Hitzegrad (0) Dieser Text hat offensichtlich nur einen Zweck: Dem Leser die Überlegenheit der Printausgabe zu demonstrieren. Man kann sie zerreißen, den Ofen damit befeuern sich den Ar...
    Eines aber kann sie nicht: Den Autor ins Hier und Jetzt befördern.
    Man sagt ja, Lesen bilde. Schreiben offensichtlich nicht.
  • Focus Turnier (0) Ich bin ebenfalls schockiert. Und zwar zutiefst. Ich bin auch Vater zweier Kinder (Junge/Mädchen) und in etwa 20 Jahre jünger als der Autor. Ist das vielleicht schon der entscheidende Unterschied?
    Ich bringe meinen Kindern zusammen mit meiner Frau ein gleichberechtigtes, aufgeklärtes Menschenbild bei. Ich könnte es mit meinem Gewissen gar nicht vereinbaren, eines meiner Kinder zurückzustellen, nur um dem anderen Geschlecht für die nächten hundert Jahre den Vortritt zu lassen. Herr Ankowitsch: Sind Sie vorbereitet darauf, daß Ihr Sohn Sie eines Tages zu diesem Artikel hier befragen wird?

    MfG
    FT
  • Svenja Sirisee (0) ... ich würde ihm schreiben: "Sohn, wenn Dich eine - nicht einmal nicht einmal gutaussehende - Frau abends an einer Bar anmacht, dann schau sie an, ob es wert ist, falls nicht, sag ihr höflich und ohne Anspielung auf ihre Figur, dass sie Leine ziehen soll". Brüderle wäre mit diesem Rat viel erspart geblieben.

    Ansonsten würde ich dem Verfasser raten, eine Namensänderung in Erwägung zu ziehen, denn er wird sich für diesen Beitrag den Rest seines Lebens schämen.
  • Ethan LS (0) Dieser ' Brief' ist wirklich erschreckend und zeugt von einem zutiefst sexistischen, verstörenden Männerbild. Dem Sohn wird unterschwellig eingeimpft, zu einem schlechteren Tätergeschlecht zu gehören, er soll seine Präsenz als störend sehen, ihm als Mann widerfahrende Diskriminierung als ' gerecht' empfindens, soll defensiv sein, etc. Der arme Junge, der zu so einem von Feminismus der männerfeindlichsten Art geprägten Selbstbild erzogen wird, kann einem wirklich Leid tun. Sollte nicht gerade ein Vater seinen Sohn zu einem selbstbewussten, starken Mann erziehen? Natürlich ist Respekt selbstverständlich - genauso wie es selbtsverständlich ist, die eigenen Wünsche klar zu artikulieren. Wo geht es ind em Text eigentlich um die Wünsche und Forderungen des Jungen?!
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