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aus Heft 07/2013 Gesundheit

Klinik unter Palmen

Seite 2: Wie in einer Ferienanlage

Lara Fritzsche  Fotos: Ed Kashi


Die Globalisierung hat längst dafür gesorgt, dass die Arbeit dort verrichtet wird, wo sie am wenigsten kostet. Vor der Gesundheitsbranche hat diese Entwicklung bisher Halt gemacht. Für ein T-Shirt bezahlt man bei Kik drei Euro, aber Gesundheitsleistungen sind unverhältnismäßig teuer. Das aber könnte die Lösung sein: Dritte Welt pflegt erste Welt.

Das könnte bald sogar eine wirtschaftliche Notwendigkeit sein: Jüngst hat die Rating-Agentur Standard & Poor’s, die inzwischen ganzen Staaten Kreditwürdigkeit attestiert oder abspricht, Deutschland eine Verwarnung ausgesprochen. Die vielen alten Menschen könnten das Land wirtschaftlich stark belasten. Denn die Gesundheitskosten, die in den nächsten Jahrzehnten auf den Staat zukommen, sind so nicht einkalkuliert. Ab 2015 könnte Deutschland seinen Triple-A-Status verlieren, obwohl das Bruttoinlandsprodukt stabil ist und der Export läuft – weil es keine bezahlbaren Pflegemodelle für seine Senioren entwickelt hat.

Längst sind osteuropäische Pflegekräfte in Deutschland unverzichtbar. 1,5 Millionen alte Menschen werden daheim betreut, in zehn Prozent dieser Haushalte arbeiten Polinnen, Tschechinnen oder Ukrainerinnen, so schätzt das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung. Warum also die Alten zukünftig nicht gleich im Ausland betreuen lassen? Dann wären alle Lebenshaltungskosten niedriger, Arztbesuche billiger. Wirtschaftlich wäre das sinnvoll.

Aber ist das moralisch richtig? Darf man das? Ist das nicht so, als würde man seine Angehörigen abschieben, sobald sie anfangen, anstrengend zu werden, alt, krank und nervig?

Martin Woodtli hebt beschwichtigend die Hände, er schaut angespannt. Er weiß, wie das alles klingt, wenn man es nur mal nüchtern zusammenfasst: Männer bringen ihre kranken Frauen, Frauen bringen ihre kranken Männer, Töchter und Söhne ihre alten, kranken Eltern über 8000 Kilometer weit weg zu ihm nach Asien; er lässt die wohlhabenden Westler hier von günstigen Pflegekräften betreuen – und wird damit reich. Aber so wie es für Außenstehende aussieht, sei es nicht, sagt er. Natürlich will er Geld verdienen. Aber er will Geld verdienen mit etwas, woran er glaubt. Weil er es für die einzige Lösung hält.

Woodtlis Geschichte beginnt vor über zehn Jahren mit der Alzheimer-Erkrankung seiner Mutter. Die fing irgendwann an, sich morgens zuerst die Bluse und dann den BH darüber anzuziehen und so im Ort herumzulaufen – aber das war noch nicht wirklich schlimm. Doch irgendwann kam der Tag, an dem sie ihren Ehemann, Woodtlis Vater, nicht mehr erkannte, ihn nur noch mit »Kollege« ansprach und auch so behandelte. Höflich besprach sie mit ihm den Tagesablauf, aber anfassen und küssen lassen wollte sie sich von ihm nicht mehr. Bald darauf fand die Mutter ihren Ehemann an einem Strick baumelnd im Dachstuhl. Als der Sohn am Abend vorbeikam, lagen die beiden unterm Dach, nebeneinander auf dem Fußboden. Die Mutter hatte den Vater zwar vom Seil geschnitten, dann aber nicht mehr weitergewusst.

Woodtli hatte schon vorher viele Jahre in Thailand gelebt und in Chiang Mai, wo sich heute auch das Heim befindet, ein Aidshilfe-Projekt geleitet. Er kannte das Land, die Leute, die Preise und er wusste, dass es nicht allzu schwer sein würde, Pflegepersonal zu finden. Also ist er vor zehn Jahren mit seiner 74 Jahre alten und schwer Alzheimerkranken Mutter ausgewandert. Nach einem Jahr war aus dem Pflegemodell für seine Mutter ein Geschäftskonzept geworden: Er nahm weitere Demenzkranke auf. Natürlich weiß Woodtli genau, dass es diese Geschichte ist, die ihn glaubwürdig und sympathisch macht. Deswegen schreibt er gerade ein Buch darüber.

Inzwischen ist es Nachmittag. Gegen vier zieht die Parade wieder durch den Ort, diesmal aber nicht zu Woodtlis Haus, sondern zu einem kleinen Park, den der im vergangenen Sommer hat anlegen lassen. Der Rasen hier ist kurz und gleichmäßig geschnitten, der Bambus gestutzt, die Palmen sind von vertrockneten Blättern befreit. Aus dem Ghettoblaster dröhnt Heino, ein alter Mann tanzt mit einer jungen Frau neben dem kleinen Pool, in dem im Sommer Aquafitness angeboten wird. Es werden Obstteller gereicht. Alles wie in einer Ferienanlage. Erst wenn man näher herantritt, sieht man, dass die Hälfte der Gäste entrückt in den glitzernden Swimmingpool blickt, dass manchen Gästen Speichel aus den Mundwinkeln rinnt und die Hände anderer unnatürlich verkrampft in ihren Schößen ruhen. Tritt man noch näher heran, hört man sie leise brabbeln und von einem Leben erzählen, das sie gar nicht geführt haben. Der eine sagt, er sei von Gott geschickt, eine andere erzählt, sie reise am kommenden Tag ab, sie müsse dringend nach Chicago. Ein weiterer Patient fasst sich immer wieder mit zitternder Hand in den Mund und an die Zunge, als könne er diese dadurch zum Reden bringen.

Und hinten, neben dem goldenen Schrein, in dem Kerzen brennen und Räucherstäbchen verglühen, sitzt Elisabeth auf einem Holz-bänkchen und löst ein Kreuzworträtsel. Seit Wochen schiebt sie stets dasselbe deutsche Magazin in dem kleinen Korb ihres Rollators durchs Viertel. Wo immer sie sitzt, holt sie es hervor und schlägt es auf. Dann kramt sie in ihrer Handtasche nach dem Kuli, fährt umständlich die Mine heraus und beugt sich über das Rätsel. Vier Wörter hat sie schon eingetragen: Regen, Gans, Hund und Reh. Heute, an diesem Tag kurz vor Weihnachten, wird sie kein weiteres Wort mehr hinzufügen. »Vielleicht morgen«, murmelt sie. Ihre Pflegerin La nickt ihr bestärkend zu und streichelt ihr über den nackten Unterarm, viel länger und viel inniger, als man es in Europa beobachten kann. Elisabeth schaut auf und ihrer Pflegerin direkt in die Augen – das ist ein Erfolg, weil es so selten ist. Demenzpatienten sind, selbst wenn sie mit einem reden, immer auch ein bisschen woanders. La lächelt, sie freut sich über den kurzen klaren Augenblick. Sie vergleicht ihre Patientin nicht mit der Frau von früher, sondern mit der Frau, die sie im Augenblick davor war. Auf diese Weise gibt es auch mal positive Entwicklungen, nicht nur negative Befunde.

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Lara Fritzsche wurde von den thailändischen Pflegerinnen ausgelacht, weil sie noch nicht verheiratet ist. Am nächsten Tag zeigte eine ein Foto von ihrem Bruder her, einem schmächtigen 22-Jährigen - sie kenne keinen Älteren, der noch frei sei.

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