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aus Heft 07/2013 Gesundheit

Klinik unter Palmen

Seite 3: Bis es irgendwann nicht mehr ging

Lara Fritzsche  Fotos: Ed Kashi


In Elisabeths Zimmer hängt ein Bogen roter Bastelkarton an der Wand, der aussieht wie das Ergebnis einer Projektarbeit in der Grundschule. »Elisabeth« steht oben drüber. Neben Fotos von ihr und ihren Kindern, Schwiegersöhnen und Enkelkindern kleben gelbe Vierecke mit knappen Informationen. »Hochzeit von Sarah und BJ« steht da. Oder »Mein Garten«. Oder »Drei Töchter«. So kann sie ihre eigene Biografie lernen wie Vokabeln. Elisabeth weiß nur, was auf den gelben Vierecken steht. Bei einer Frage, die darüber hinausgeht, zuckt sie bloß die Schultern und lächelt verlegen. Dann widmet sie sich wieder ihrem Kreuzworträtsel.

Sybil Wiedmer-Rohner konnte nicht mit ansehen, wie ihre Mutter sich vergaß, diese beherrschte, stolze Frau. Aufgewachsen in Deutschland, war Elisabeth nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrem Mann nach Indien und Pakistan gezogen, hatte dort drei Töchter zur Welt gebracht und schon in den Fünfzigerjahren alleine Reisen nach Malaysia und Thailand unternommen. Und plötzlich wusste diese eigenständige Frau nicht mehr, ob sie beim Bäcker gewesen war oder nicht, wenn sie vom Einkaufen zurückkam. Helfen durfte man ihr auch nicht. »Sie wurde schnell sauer, wenn man sie korrigiert hat«, sagt die älteste Tochter. Sie war es, die das immer abkriegte. Sie wohnte im selben kleinen Ort, sie war schon in Rente, also häufig zu Hause, und so wurde sie die erste und einzige Ansprechpartnerin der kranken Mutter. Bis es irgendwann nicht mehr ging.

Wer das selbst erlebt hat, sagt Woodtli, der verurteilt andere Leute nicht mehr für die Wahl ihrer Betreuungsmethode. Das sei nämlich alles nicht so einfach. Als Woodtli damals seine Mutter mit nach Thailand und ins Ungewisse nahm, wurde natürlich heftig getratscht in seinem Schweizer Heimatort Münsingen. Er habe wohl keine Lust, sich selbst zu kümmern, hieß es. Als er allerdings zuvor nach dem Freitod des Vaters bei der Mutter eingezogen war, hatten sie auch getratscht: Komischer Typ sei er, keine Frau, obwohl schon 40, und jetzt pflege er selbst seine Mutter, als Mann. Wie solle das denn gehen? Aber so etwas irritiert Woodtli nicht. Er sei ein pragmatischer Mensch, sagt er, der sich in dieser Situation einfach ein paar pragmatische Fragen gestellt habe. Hat seine Mutter ihre Heimat geliebt? Ja. Sollte man jemanden, der sowieso gerade all seine Gewissheiten verliert, auch noch aus seiner vertrauten Umgebung reißen? Vielleicht nicht. Aber wäre seine Mutter in einem Schweizer Altenheim, womöglich vollgepumpt mit Beruhigungsmitteln, glücklich geworden? Nein. Hätte er sie alleine pflegen können und wollen? Nein. Na also.

Öffentlich redet kaum jemand darüber, was für eine Belastung die Pflege eines dementen Menschen ist. Niemand will als Rabenkind dastehen, das keinen Bock mehr auf die eigenen Eltern hat. Nur wenige sprechen aus, was die Journalistin Martina Rosenberg in ihrem kürzlich erschienenen Buch Mutter, wann stirbst du endlich? beschreibt: die Unerträglichkeit, mit einer dauernden Überforderung zu leben, in Rosenbergs Fall durch die Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter und die Depressionen ihres Vaters. Das klingt zunächst nicht nach einer sympathischen Erzählerin, am Ende jedoch versteht man ihre Verzweiflung. Und beginnt sich vielleicht selbst ein paar Fragen zu stellen: Was würde man selbst machen in so einer Situation? Den Job kündigen, um mehr Zeit für die Eltern zu haben? Das Kind vernachlässigen über den Pflegepflichten? Auf Abende mit dem Partner verzichten? Freunde vertrösten, und zwar dauernd? Martina Rosenberg, die mit ihren kranken Eltern unter einem Dach lebte, hat schließlich ein eigenes Haus gebaut, nur um einen Grund zu haben, endlich räumliche Distanz zu schaffen. Sie hat den Pflegerinnen verboten, ständig bei ihr mit Gesundheits-Updates anzurufen. Sie hat den Kontakt reduziert. Dann wurde es besser.

Auch Sybil Wiedmer-Rohner und ihre zwei Schwestern haben die für sie beste Lösung gefunden. Jede von ihnen ist einmal im Jahr bei der Mutter in Thailand. Ein, zwei Wochen bleiben sie dann meistens, übernachten in einem Hotel in der Nähe und kommen jeden Morgen in das Haus, in dem ihre Mutter jetzt lebt. Und jeden Morgen freut sich Elisabeth aufs Neue über den überraschenden Besuch. Dass der schon tags zuvor da war, weiß sie nicht mehr. Wenn man sie fragt, wie oft ihre Töchter in Thailand sind, sagt sie voller Überzeugung: »Ständig.«
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