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aus Heft 09/2013 Die Gewissensfrage

Die Gewissensfrage

Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Serge Bloch

Nutzt man jemanden aus, wenn man über dessen Facebook-Account nach alten Freunden sucht, obwohl man selbst keinen Account hat?

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»Ich bin aus Überzeugung nicht bei Facebook angemeldet. Ich möchte nicht, dass Daten über mich gesammelt werden, über deren kommerzielle Verwertung ich keine Kontrolle habe. Dennoch fasziniert mich die Möglichkeit, verloren geglaubte Bekannte zu finden und an alte Beziehungen wieder anzuknüpfen. Wenn ich also bei Freunden oder bei meinem Sohn bin, bitte ich sie manchmal, über ihren Account für mich bei Facebook nach bestimmten Personen zu suchen. Ist das legitim oder ein Missbrauch meiner Freunde bzw. meines Sohnes?« Georg S., Ingolstadt



Ja, es könnte sich um einen Missbrauch Ihrer Freunde oder Ihres Sohns handeln. Und zwar dann, wenn Sie den Kontakt zu ihnen nur deshalb pflegen, weil Sie über sie Zugang zu Facebook haben wollen. Oder wenn Sie sie nur deswegen aufsuchen und anderes vorheucheln: »Ich hatte so Sehnsucht nach dir und wollte dich schon lange wieder einmal sprechen. Aber das hat Zeit. Wo steht der Computer, und bist du eingeloggt?«

Beides will ich nicht annehmen, insofern würde ich einen direkten Missbrauch ausschließen. Dennoch bleibt etwas, was man vielleicht mit »Ausnutzen« besser beschreiben könnte. In seiner harmlosen Lesart, in Richtung »die Gelegenheit nutzen«, trifft es sicher zu, aber es könnte auch in einer etwas unschöneren Weise zutreffen, nämlich in der Variante »die Dummheit eines anderen ausnutzen«. Das wäre dann der Fall, wenn Sie Facebook nicht nur für sich ablehnen, weil Sie das einfach nicht mögen –
so wie manche nicht gern fotografiert werden wollen, was der Begeisterung für das Medium Fotografie an sich aber keinen Abbruch tut –, sondern generell der Meinung sind, dass sich aus Datenschutzgründen niemand dort anmelden sollte. Dann würden Sie allerdings nicht nur diejenigen ausnutzen, über deren Account Sie sich einloggen, sondern auch diejenigen, die Sie dank ihrer freiwillig ins Netz gestellten Daten dort finden. Sie würden die Früchte eines Ihrer Meinung nach vergifteten Baumes ernten.

Ist das unmoralisch? Zumindest wäre es inkonsequent und hätte etwas Doppelbödiges, neben dem Ausnutzen fast schon eine Spur von Unaufrichtigkeit. Manche, etwa Jugendliche, muss man besonders auf die Gefahren der Datenpreisgabe hinweisen und darauf, dass das Netz nichts vergisst, und kann das nicht oft genug tun. Daneben sollte sich die Gesellschaft politisch entscheiden, welches Ausmaß an Datensammeln und Datenauswertung durch Unternehmen sie zulassen will. Ansonsten aber muss jeder für sich selbst überlegen, welche Daten er oder sie über sich ins Netz stellt und welchen Plattformen man dabei vertraut. Jeder muss für sich die Konsequenzen tragen. Der eine, dass Firmen sein Persönlichkeitsprofil kennen und nutzen und seine Privatsphäre immer kleiner und gläserner wird. Und Sie, dass niemand umgekehrt mit Ihnen auf diese Weise Kontakt aufnehmen kann.

Quellen

Zum Datenschutz ist 2012 in einer neuen, stark erweiterten Auflage erschienen: Marie-Theres Tinnefeld/Benedikt Buchner/Thomas Petri, Einführung in das Datenschutzrecht. Datenschutz und Informationsfreiheit in europäischer Sicht, 5. völlig überabeitete Auflage 2012

Lesenswert zur Privatheit:
Beate Rössler, Der Wert des Privaten, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001
Raymond Geuss, Privatheit. Eine Genealogie, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001
Wolfgang Sofsky, Verteidigung des Privaten. Eine Streitschrift, Verlag C.H.Beck, München 2009


Grundlegend für die Idee der Privatheit war:
Samuel Warren and Louis Brandeis, The Right to Privacy, Harvard Law Review, Vol. IV December 15, 1890 No. 5
Online abrufbar hier


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