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aus Heft 12/2013 Gesellschaft/Leben

Der lange Abschied

Seite 3: Niemand vermisst Fischer

Mario Kaiser  Fotos: Maurice Weiss


In Berlin bemerkt zunächst niemand, dass Läufer fehlt. Die Ersten, die ihn vermissen, sind die Firmen, die in der Jobvermittlung anrufen. Als Pohren-Hartmann auffällt, dass Läufer nicht mehr zu ihm kommt, ist der seit Monaten in Osnabrück. In einem Arbeitsvermittlergedächtnis, das voll ist mit Hunderten Namen und Geschichten, geht auch ein Kunde, der so anders ist wie Läufer, irgendwo zwischen »La« und »Le« verloren.

Es gab einen Vertrag zwischen Läufer und dem Staat, ein Dokument mit einem harmonisch klingenden Titel: Eingliederungsvereinbarung. Die Jobcenter schließen diese Vereinbarung mit Empfängern von Arbeitslosengeld II. Sie soll eine Art Strategiepapier sein, eine Wegbeschreibung zu dem Ziel, den Kunden in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Der Vertrag ist befristet und muss alle sechs Monate neu geschlossen werden. Läufer ließ ihn einfach auslaufen.

Beim Staat meldete er sich ab, doch von Pohren-Hartmann trennte er sich still. Er wusste nicht, dass ihn und den Vermittler mehr verbindet als ein bürokratischer Zufall. Pohren-Hartmann wurde 1950 in Koblenz geboren und wuchs, ähnlich wie Läufer, in einer Welt der Entbehrungen auf. Als junger Mann fuhr er oft nach Frankfurt, wo die Welt und die Gedanken größer waren. Es war die Zeit, in der ein anderer Mann aus der Arbeiterklasse in Frankfurt nach Sinn suchte, ein Metzgersohn mit abgebrochener Lehre. Er hieß Joseph und hatte ungarische Vorfahren. Darum nannte er sich Joschka.
Pohren-Hartmann erinnert sich nicht, Fischer in Frankfurt begegnet zu sein, doch sie bewegten sich in der selben Gedankenwelt. Beide waren angezogen von Adorno, Habermas und Negt, dem Frankfurter Dreigestirn der Philosophie. Sie taumelten zwischen Kritischer Theorie und dem Aufrührertum des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Pohren-Hartmann erinnert sich an eine Veranstaltung mit Adorno, die in einer Prügelei endete. Er verstand das nicht. »Ich dachte: Wir müssen doch zusammenhalten!« Es klingt wie ein Gedanke, den er auch bei Läufer hatte, der den Gedanken auch bei Fischer hatte. Doch sie hielten nicht zusammen, Pohren-Hartmann, Läufer und Fischer, drei Lebensläufe, die sich in dieselbe Richtung zu bewegen schienen.

Pohren-Hartmann kam 1970 mit 50 Mark in der Tasche nach Berlin und ging nie wieder fort. Ein langer, verschlungener Weg führte ihn in das Büro, in dem er heute für einen Staat arbeitet, den andere formten. Es gibt Dinge in diesem Büro, die etwas erzählen über den, der hier arbeitet. Auf der Tür eines Metallschranks klebt ein Blatt Papier mit einer Passage aus einem Brief, den Joseph Roth kurz nach der Machtergreifung Hitlers an Stefan Zweig schickte. »Ich gebe keinen Heller mehr für unser Leben«, schrieb der Jude Roth dem Juden Zweig mit prophetischer Präzision. »Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen.« Wann immer Pohren-Hartmann den Schrank öffnet, um Akten hervorzuholen, blickt er auf diese Zeilen.

Ein zweites Blatt hängt in diesem Büro, mit einem Gedanken, den Hannah Arendt einmal so ähnlich formulierte: »Keiner hat das Recht zu gehorchen!« Wenn man Pohren-Hartmann eine Weile zuhört, wie er zwischen Roth, Zweig und Arendt sitzt und seine eigenen Gedanken über das System und das Recht formuliert, bekommt man den Eindruck, dass in diesem Büro einige von denen versammelt sind, die Läufers idealen Staat repräsentieren.

In einem früheren Leben war Pohren-Hartmann Groß- und Außenhandelskaufmann und arbeitete als Abteilungsleiter bei einem Handelskonzern. Dann überwarf er sich mit seinen Vorgesetzten und war anderthalb Jahre arbeitslos. In dieser Zeit bekam er ein Gefühl für die Perspektive von der anderen Seite des Schreibtisches. Am Anfang sah er seine Arbeitslosigkeit als eine Chance, einen Traum zu verwirklichen. Er wollte immer Betriebswirt werden, und den für die Umschulung notwendigen Test bestand er. Doch als sein Arbeitsvermittler feststellte, dass er kein Englisch sprach, sagte der: »Das können Sie alles vergessen!« Pohren-Hartmann begrub seinen Traum und fand schließlich Arbeit in der Bezirksverwaltung Neukölln, die ihn, in einer ironischen Wendung, seit einigen Jahren an das Jobcenter ausleiht. Wahrscheinlich wird er dort, wo er alles vergessen sollte, in Rente gehen. »Ich habe Glück gehabt«, sagt er. »Ich hätte auch da sein können, wo Herr Läufer war.«

In dem Regal hinter Pohren-Hartmann steht ein Buch, das ihn viel lehrte über die auf der anderen Seite des Schreibtisches. In seinem Klinischen Wörterbuch schlägt er manchmal nach, um die Medizinersprache in den ärztlichen Gutachten über seine Kunden zu entschlüsseln. In diesen Momenten wird ihm bewusst, wie krank es machen kann, keine Arbeit zu haben. »Hartz IV ist ganz unten«, sagt er und zeigt mit dem Finger auf den Boden.

Er merkte irgendwann, dass er Freunden nur von Fällen erzählte, über die er sich ärgerte – und damit Klischees über Hartz-IV-Empfänger verbreitete. »Man darf nicht vergessen, Achtung vor dem Menschen zu haben«, sagt er. Manchmal sieht er sich als Teil eines Apparates, in dem er sich daran erinnern muss. »Die ganze Struktur hier hat McKinsey erarbeitet«, sagt er. »Da können Sie nicht davon ausgehen, dass der Mensch im Vordergrund steht.«

Läufer hätte es gefallen, das zu hören. Pohren-Hartmann hat einen Blick für strukturelle Defizite, doch er sieht sie nicht nur in seinem Apparat, sondern auch in seinen Kunden. Er studiert ihre Verhaltensmuster, er verfolgt ihre Wege, und er glaubt den Punkt zu kennen, an dem Menschen wie Läufer vom Staat nichts mehr annehmen. »Sobald sie auf Widerstand stoßen, ziehen sie sich zurück«, sagt er. »Bei Herrn Läufer kann man sagen: Er zieht weiter.«

Er fährt auf der Bundesstraße 1 Richtung Westen. Bei Magdeburg wird es plötzlich dunkel, und Läufer gerät in einen niederschmetternden Regen. Als ihm jemand die Vorfahrt nimmt, fährt er in einen Graben und stürzt. Er verbrennt sich den Unterschenkel am Auspuff, der Kupplungshebel verbiegt sich, das Rücklicht des Anhängers zerbricht. Läufer betrachtet den Schaden und sagt: »Alles reparierbar.« Das sagt er immer, wenn Dinge zerbrechen.

Spät in der Nacht erreicht er Helmstedt und stoppt, als existiere die innerdeutsche Grenze noch. In der Nähe eines alten Wachturms, auf dem ehemaligen Todesstreifen zwischen den beiden Deutschlands, spannt er eine Plane auf, rollt seinen Schlafsack darunter aus und schläft vier Stunden. Im ersten Licht des Tages steht er auf und fährt weiter. In Braunschweig und Hannover macht er Station, um zu duschen und die Batterien seines Navigationsgerätes, Laptops und Telefons aufzuladen. Am sechsten Tag erreicht er Osnabrück.

In der Wärmestube im ehemaligen Franziskanerkloster erwarten ihn die Ordensschwestern bereits. Ihnen fehlt ein Mann. Sie brauchen einen Gärtner, einen Klempner, einen Schreiner, einen Schlosser, einen Fliesenleger, einen Maler, einen Aufräumer. Einen, für den alles reparierbar ist. Sie bieten Geld, Unterkunft und Wärme, doch Läufer will nur eine Aufgabe.

Die Strukturen seines Systems sind hermetisch. Seine Aufgaben erfüllt er pflichtbewusst, aber er mag keine Verpflichtungen. Er bietet sich an, aber er will nicht verfügbar sein. Er gehört zum Inventar, aber er sortiert sich jede Nacht aus. Er übernachtet an wechselnden Orten, aber immer draußen. In seinem System gibt es immer ein Aber.

Der wichtigste Mensch in Läufers Leben wird Schwester Antoinette, die Leiterin der Wärmestube. Sie ist Pohren-Hartmanns Schwester im Geiste, auch sie hat ein Gespür für Läufers Talente und bewundert ihn für seinen widerständigen Weg. Kein gesetzlicher Rahmen engt sie ein, und sie versucht, Läufer in die Strukturen der Wärmestube einzugliedern, ohne seine Freiheit einzuschränken.

Für die Schwestern wird der neue Mann zu einem wertvollen Werkzeug, handwerklich und atmosphärisch. Der groß gewachsene, zu Strenge neigende Läufer wirkt neben den zu Vergebung neigenden Schwestern disziplinierend auf die zu Konflikten neigende Klientel. Er ist eine stille Autorität auf den Gängen der Wärmestube, konzentriert auf seine Arbeit und jeden Versuch abwehrend, ihn zu vereinnahmen.

Wenige Tage nach seiner Ankunft beginnt er, in einer Garage der Wärmestube eine Werkstatt einzurichten. Er repariert dort die geschundenen Fahrräder der Wärmestubenbesucher. Seine Preise sind so niedrig, dass sie ihn in Münzen bezahlen, aber darum geht es nicht. Sie sollen wissen, dass Arbeit einen Wert hat.

In der Garage verwirklicht Läufer eine minimierte Version seines Traums. Es ist nicht die Werkstatt, die er in Berlin gründen wollte, doch er hat sein Geschäftsmodell der neuen Lage angepasst. Die Reparaturen für die Wärmestubenbesucher sind nur eine Geste, ein Zuschussgeschäft. Seine Profite erwirtschaftet er in einem lukrativeren Marktsegment. Er kauft für wenig Geld vernachlässigte Fahrräder mit guter Substanz und optimiert sie mit gut erhaltenen Teilen aus Schrotträdern. Was die Firmenjäger der Private-Equity-Branche mit angeschlagenen Unternehmen machen, praktiziert er im kleinen Stil: Er schlachtet aus, filetiert, fusioniert, dann verkauft er mit Gewinn. »Ich bin ein guter Geschäftsmann«, sagt er und zündet sich einen der »Al Capone«-Zigarillos an, die Schwester Antoinette ihm schenkte.

In seinen freien Stunden steigt er auf sein Cruiser-Fahrrad, Modell »Shangri-La«, und fährt durch die Stadt. Einer seiner Rückzugsorte ist der Dom Sankt Peter. Dort wandelt er unter den an den Säulen hängenden Aposteln, wirft zwei Euro in den Opferstock und steht eine Weile im Schein der Gedenkkerzen. Doch er betet nicht. »Ich knie nicht«, sagt er. Er setzt sich auch nicht.

Einige Tage später kniet Läufer mit Schwester Antoinette an einem Grab. Sie zupfen das Unkraut, schneiden die Sträucher, harken die Erde, pflanzen frische Blumen. Sie kannten Günther Steinbrügge, der hier begraben liegt, nicht. Er war obdachlos, und er wäre vergessen, wenn Läufer und die Schwester sich nicht um sein Grab kümmerten. Sie tragen eine Liste bei sich, auf der die Namen von Menschen stehen, die so einsam starben wie Steinbrügge. Sie arbeiten die Liste ab und schieben eine Karre mit Blumen von Grab zu Grab, von Helmut Löhe zu Hannelore Stickelbruck, von Siegfried Gintz zu Reinhold Schalast. Aber wo ist Heinz Menke? Sie suchen und suchen, doch er scheint im Tod so verloren wie im Leben.
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Mario Kaiser begegnete Andreas Läufer im Wartezimmer der Jobvermittlung Berlin-Neukölln. Als Läufer ihm erzählte, dass er sich aus dem Staat zurückziehen werde, war Kaiser skeptisch. Das änderte sich, als er ihn bei diesem Prozess begleitete und ihm über zwei Jahre durch Deutschland folgte. Er schlief auf Wiesen und unter Brücken neben ihm, und als der Reporter sich einmal darüber beklagte, nicht noch mehr Zeit mit ihm verbringen zu können, tröstete Läufer ihn mit den Worten: »Man kann nicht alles haben im Leben.«

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