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aus Heft 12/2013 Gesellschaft/Leben

Der lange Abschied

Seite 4: Auf der Bundeststraße Richtung Westen

Mario Kaiser  Fotos: Maurice Weiss


Sie sind ein eindrückliches Paar, wie sie entlang der Gräber gehen. Läufer mit seiner Baseballkappe, seinem langen Haar, langen Bart und dem Totenkopf-Arm. An seiner Seite die Schwester in ihrem schwarzen Habit und schwarzen Schleier, um die Hüfte den Leibstrick mit den drei Knoten, die ihr Gelübde von Armut, Gehorsam und Keuschheit symbolisieren. Vieles trennt sie, doch sie verbindet der Glaube an den Wert einer Haltung und die Schönheit der Ordnung.

Irgendwann finden sie Heinz Menke. Sie hörten nicht auf zu suchen, weil er in Unfrieden starb. Er wurde umgebracht. Sie pflanzen Margeriten, rote Nelken und Männertreu auf seinem Grab, dann zieht Läufer ein Tuch aus der Hosentasche und wischt den Staub von der Grabplatte.

Am Abend steigt er auf sein Shangri-La-Fahrrad und zieht seinen Anhänger in ein Industriegebiet am Rande der Stadt. In der Nähe eines bewachten Erdgasdepots schlägt er sein Nachtlager auf. Läufer hat einen Mumienschlafsack mit dem aufgenähten Versprechen, ihn auch bei minus 24 Grad nicht erfrieren zu lassen. Seine Sorge ist, sich nicht erschlagen zu lassen. Er muss ein Gleichgewicht finden zwischen einer gewissen Abgeschiedenheit und gefährlicher Einsamkeit. Er versteckt sich nicht, doch die Innenstadt meidet er, und jede Nacht wechselt er den Platz. »So kann sich keiner an mich erinnern«, sagt er. Dann formt er ein Kopfkissen aus seinem Handtuch und legt ein Steakmesser darunter.

Auf der Wiese zwischen dem Depot und einem Industriekanal breitet Läufer eine Decke aus, stellt seinen Gaskocher auf und brät ein Stück Hühnerbrust in einer seiner beiden WMF-Pfannen. Dazu trinkt er Blauen Zweigelt, den er bei Plus für 2,29 Euro kaufte. Nach dem Essen zündet er sich einen Zigarillo an, legt sich auf den Rücken, betrachtet den Kondensstreifen, den ein Flugzeug in den Abendhimmel malt, und sagt: »Hier habe ich meine Plattform.« Er braucht keine Hausnummer mehr, nur IP-Adressen, die er wie seinen Anhänger hinter sich herzieht.

Am Morgen seines Geburtstages sitzt Läufer auf einer Bordsteinkante am Stadtrand und liest im Schein einer Straßenlaterne die Neue Osnabrücker Zeitung. Auf einer der hinteren Seiten, unter der Überschrift »Der Stoß zurück ins Leben«, entdeckt er eine Geschichte über Jugendliche, »die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance gehabt hätten«. Sie bekamen einen Ausbildungsplatz in einer sozialen Einrichtung, und bei einem der Berufe, in denen sie ausgebildet werden, bleibt Läufer hängen: Zweiradmechaniker. Er tippt mit dem Zeigefinger auf das Wort, so fest, dass er eine Delle ins Papier drückt. »Muss ich mal hingehen«, sagt er und faltet die Zeitung zusammen.

Er steigt auf sein Fahrrad und fährt zu der Werkstatt, in der die Zweiradmechaniker ausgebildet werden. Als er den Ausbildungsleiter gefunden hat, faltet er vor ihm die Zeitung auseinander und legt den Finger auf die Geschichte über den Stoß zurück ins Leben.

»Kann man hier auch mit 50 eine Ausbildung machen?«, fragt Läufer.
»Maximal bis 45«, sagt der Leiter.
»Dann kann ich auch Rente beantragen.«
»Ja, wenn Sie können.«
»Ich werde nämlich heute 50.«
»Glückwunsch.«

Sie schweigen eine Weile in der Kälte des Moments, dann faltet Läufer die Zeitung zusammen und fährt zurück zu den Schwestern. Im Behandlungszimmer der Wärmestube setzt er sich auf die Patientenliege und starrt auf seine Schuhe. Er würde jetzt gern arbeiten, doch das haben die Schwestern ihm an seinem Geburtstag verboten. Schwester Antoinette kommt herein und gibt ihm einen Briefumschlag, auf den sie »Dem lieben Andreas« schrieb. Sie weiß nicht, warum er hier sitzt. Er sagt es
ihr nicht.

Sie spürt, dass er allein sein will, und geht in ihr Büro. Dort schließt sie die Tür und erzählt von dem Tag, an dem jemand die Reifen von Läufers Anhänger zerstach. »Wir saßen draußen auf der Mauer, und er wollte alles hinschmeißen«, sagt sie. »Da habe ich gemerkt, was für ein feinfühliger Mensch er ist.« Der Mann, für den alles reparierbar war, weinte um zerstochene Reifen. Er sah darin einen Angriff auf sich und sein System, und wahrscheinlich war es das auch. Seit diesem Tag begleitet die
Schwester die Sorge, ihn zu verlieren. »Ich brauche ihn«, sagt sie. »Ich brauche ihn sehr.«

Am Nachmittag zeigen die Schwestern, wie sehr sie ihn schätzen. Sie backen eine Erdbeertorte, stellen im Festsaal frische Blumen in die Vasen und decken die Tafel mit dem guten Geschirr. Läufer trägt zur Feier des Tages seine glänzend geputzten Freizeitschuhe und eine Baseballkappe, auf der »Mercedes-Benz Financial« steht.

Die Schwestern flattern mit wehenden Schleiern in den Saal und singen ein Geburtstagslied, in dem sie ihm Glück wünschen und Segen auf all seinen Wegen. Sie haben einen Berliner Bären für ihn getöpfert, dem sie vier Zehn-Euro-Scheine unter den Arm gesteckt haben. Als pragmatische Zugabe überreichen sie drei Gläser löslichen Kaffee und drei Pakete Tabak. Die Schwester, mit der Läufer einmal darüber stritt, ob er am siebten Tag ruhen soll, erhebt sich und trägt ein Gedicht vor, das sie für ihn schrieb.

Ohne Rast und Ruh
arbeitest Du immerzu.
Mit Argusaugen und großen Schritten
schreitest Du durch die Mitten.
Alle Arbeiten machst Du sehr geschwind,
dabei flattern Deine blonden Haare im Wind.

Einige Wochen später fährt Läufer am frühen Morgen auf seinem Fahrrad durch Osnabrück und betrachtet die gelben Säcke am Straßenrand. Er fährt langsam, den Kopf gesenkt. Wenn er Plastikflaschen oder Getränkedosen durch das Gelb schimmern sieht, stoppt er, hockt sich vor den Sack, streicht mit den Händen über die Plastikhaut und drückt an den verdächtigen Stellen, um zu untersuchen, ob sich ein Objekt mit Pfandwert dahinter verbirgt. Wenn der Verdacht sich bestätigt und das Objekt in der oberen Hälfte liegt, knotet er den Sack auf, zieht es heraus, hält es zur Endkontrolle ins Gegenlicht und verknotet den Sack wieder. Wenn das Objekt in der unteren Hälfte liegt, zückt er sein Taschenmesser, klappt die kleine Klinge aus und macht einen Schnitt wie mit dem Skalpell, gerade so groß, dass nur das Objekt hindurchpasst. Er will keine Unordnung hinterlassen.

Läufer hat einen Plan der Müllabfuhr, in dem er sehen kann, an welchen Tagen in welchen Stadtteilen die gelben Säcke abgeholt werden. Er könnte dem Plan einfach folgen, aber er kartografierte die Stadt nach seinem eigenen System. Er entwickelte mit der Zeit einen soziologischen Blick, der ihm erlaubt, Rückschlüsse vom Inhalt der gelben Säcke auf die Bevölkerungsstruktur einer Nachbarschaft zu ziehen. Seitdem konzentriert er sich auf die sozial schwächeren Gegenden, weil sie ertragreicher sind. »Die Reichen werfen keine Pfandflaschen weg«, sagt er. »Die haben Mehrwegflaschen aus Glas.«

Das Flaschensammeln gehört zum McKinsey-Prinzip seiner Strategie: Er diversifiziert, um sich von keinem einzelnen Geschäftszweig abhängig zu machen. Darum repariert er in seiner Werkstatt nicht nur Fahrräder, sondern nimmt auch alte Fernseher und Stereoanlagen auseinander, um den Elektroschrott zu verwerten. Darum hat er bei einigen Firmen in der Stadt seine Telefonnummer hinterlassen. Er bekommt immer wieder Anrufe von Firmen, die ihn für ein paar Tage haben wollen. Sein Telefon spielt dann das Lied vom Tod, und Läufer meldet sich mit einem Satz wie aus einer Zeit, in der Telefone Wählscheiben hatten und Nächte Mondscheintarife: »Ja, ich höre.« Er hört dann eine Weile zu und sagt am Ende immer Nein. Die Anrufe kommen aus Berlin.

Sie führen ihn nicht in Versuchung, auch nicht in den Monaten nach der Geburtstagsfeier, als sich sein Verhältnis zu den Schwestern abkühlt. Es gibt Spannungen zwischen den Schwestern, und er hat das Gefühl, dass sie ihn in ihre Konflikte hineinziehen und bestimmend werden im Umgang mit ihm. Er wertet das als Bruch ihres Abkommens.

Eines Morgens kommt Läufer dreimal kurz hintereinander zu Schwester Antoinette ins Büro. Er wirkt unruhig. »Andreas, ist etwas?«, fragt sie ihn. Läufer schüttelt den Kopf und schweigt. Am nächsten Morgen, die Schwestern schlafen noch, wirft er die Schlüssel in den Briefkasten und fährt davon.
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Mario Kaiser begegnete Andreas Läufer im Wartezimmer der Jobvermittlung Berlin-Neukölln. Als Läufer ihm erzählte, dass er sich aus dem Staat zurückziehen werde, war Kaiser skeptisch. Das änderte sich, als er ihn bei diesem Prozess begleitete und ihm über zwei Jahre durch Deutschland folgte. Er schlief auf Wiesen und unter Brücken neben ihm, und als der Reporter sich einmal darüber beklagte, nicht noch mehr Zeit mit ihm verbringen zu können, tröstete Läufer ihn mit den Worten: »Man kann nicht alles haben im Leben.«

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