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aus Heft 12/2013 Gesellschaft/Leben

Der lange Abschied

Seite 5: Weiter von Stadt zu Stadt

Mario Kaiser  Fotos: Maurice Weiss


Läufer fährt nicht zurück nach Berlin, sondern Richtung Süden. Er will an den Rhein und ihm folgen bis Mannheim, dann abbiegen nach München. Er hat sich die Wirtschaftsdaten und Arbeitslosenstatistik angeschaut und entschieden, dass die Stadt ein guter Standort wäre für ihn. In seiner Analyse kam er zu dem Ergebnis, dass die CSU ihm näher steht als alle anderen Parteien. »Die haben die Wirtschaft in Bayern gut auf Vordermann gebracht«, sagt er. Es wäre die nächste Stufe in Läufers Evolution, wenn er im Freistaat seinen Platz fände, ein marktliberaler Wohnungsloser, der nicht kniet, aber sich in Kirchen geborgen fühlt.

In seiner Mobilität ist Läufer ein Prototyp der globalisierten Gesellschaft. Er operiert wie die Manager der Moderne, kabellos, ruhelos, ständig unterwegs und radikal individualisiert. Ihre Plattform ist die Vielflieger-Lounge, seine die Wiese am Kanal. Seine Privatisierung führte ihn in ein Leben ohne Wände und Bindungen, ein digitales Nomadentum in Vollendung. Er ist ein Deutscher mit Migrationshintergrund.

Läufer weiß, dass sein System nicht nachhaltig ist. Er bildet keine Rücklagen, und sein Kapital schwindet. Er spürte das auf der letzten Baustelle in Berlin, als er sich im Graben krümmte und sein Rücken schmerzte. »Irgendwann ist ’ne Grenze erreicht«, sagt er. Noch sieht er die Grenze nicht, noch fühlt er sich denen in der Enge ihrer Häuser überlegen. Er empfindet eine Lebenstüchtigkeit, die kein noch so hohes Einkommen zu vermitteln vermag. »Luxus«, sagt er, »ist das, was ich habe. Das kriegst du in keinem Kaufhaus.«

In diesem Luxus folgt er dem Rhein. Wie an einer Perlenschnur hangelt er sich von einer Stadt zur nächsten, stromaufwärts durch die deutsche Gegenwart. In der Nähe von Düsseldorf bricht die Deichsel an seinem Anhänger. Er kann das reparieren, aber es ist nur eine Laufzeitverlängerung. Als er Köln erreicht, leitet er seine Energiewende ein. Die Umstände zwingen ihn dazu, sein Mofa verbrennt zu viel Benzin. Er steigt um auf ein Fahrrad und zieht den Anhänger jetzt mit einem Beach Cruiser, Modell »Hyde Park«, 26 Zoll, sieben Gänge. Der Kauf reißt ein Loch in seinen Etat, doch er glaubt, dass er in der Krise antizyklisch handeln sollte und verbucht das als Investition in eine Zukunftstechnologie.

In Mainz lernt Läufer eine Gruppe von Geschäftsmännern kennen, die ihm davon abraten, nach München zu fahren. Sie sehen dort einen Standortnachteil für ihn, ein Missverhältnis zwischen seinem Geschäftsmodell, den hohen Lebenshaltungskosten und für ihn geeigneten Jobs. Läufer macht eine scharfe Wende und steuert Hamburg an. Er hat dort eine Vergangenheit und Bekannte, die sagen, es gebe Jobs.

Nach elf Tagen erreicht er Hamburg, erschöpft und hoffnungsvoll. Doch kurz nach der Ankunft bekommt sein System Risse. Er spricht in der Jobvermittlung vor und erfährt, dass es kaum Angebote gibt. Als er im Hafen nach Arbeit sucht, zersticht erneut jemand die Reifen seines Anhängers. Der Angriff trifft ihn in einem Moment der Verletzlichkeit. Er hat Zweifel an seinem System und Schmerzen im linken Bein. Eine Weile ignoriert er beides, aber als die Schmerzen stärker werden, geht er ins Krankenhaus. Die Diagnose ist eine Warnung: Er hat Wasser im Bein. Der Arzt behandelt ihn, doch er macht ihm klar, dass es ohne Krankenversicherung nicht weitergeht. Er sagt, ohne es auszusprechen, dass er den Staat braucht.

In Osnabrück hatte Läufer das eingesehen. Nach einem Unfall, bei dem er sich einen Finger quetschte, hatte Schwester Antoinette ihn überredet, einen Arbeitsvertrag abzuschließen, damit er krankenversichert ist. Das hat er verloren, auch das. Er schien das auszuhalten, doch eines Abends schickt Läufer, der nie um etwas gebeten hatte, eine SMS und bittet darum, ihn anzurufen. Seine Stimme klingt dünn. Er erzählt, dass die Deichsel an seinem Anhänger gebrochen ist, irreparabel. »Der Anhänger«, hatte Schwester Antoinette einmal gesagt, »ist sein Ein und Alles.« Jetzt klammert er sich an ihn, als fürchte er, das zentrale Modul seines Systems zu verlieren. »Vielleicht«, sagt er, »zünde ich alles an.« Dann schaltet er sein Telefon aus und ist nicht mehr erreichbar.

Als Pohren-Hartmann das hört, sieht er sich in seinem Büro um und sagt: »Ich weiß jetzt nicht, wie ich ihm helfen kann.« Er kann sehr anschaulich die Strukturen und Mechanismen des Sozialstaats erklären. Manchmal setzt er dazu seine Lesebrille auf, schlägt in Akten und Gesetzbüchern nach und zitiert relevante Passagen. Er sieht dann aus wie ein Wissenschaftler. »Herr Läufer«, sagt er, »hatte eine Vorstellung, die er umsetzen wollte in diesem System, und das ist sein Problem. Dieses System ist nicht auf individuelle Visionen eingestellt.« Einen Moment lang denkt er darüber nach. »Er hätte einen Sponsor gebraucht«, sagt er dann, »so wie die Leute von Google.«

In Osnabrück wird es einsam um Schwester Antoinette. In ihrem Büro hängt noch ein Bild, das Läufer neben seinem Fahrrad und Anhänger zeigt. Manchmal fällt es ihr schwer, das Bild zu betrachten. Einige Wochen nach seinem Verschwinden rief er sie versehentlich an, weil er die falsche Taste auf seinem Telefon drückte. Sie war erleichtert, seine Stimme zu hören, aber das Gespräch war kurz, ein kühler Austausch der Positionen. »Er sagte: Ich stehe aufrecht«, erinnert sie sich. »Und ich sagte: Ich auch.«

Nach Läufers Fortgehen haben sich die Konflikte zwischen den Schwestern in der Wärmestube verschärft. Eine lässt sich in den Ruhestand versetzen, die beiden anderen melden sich krank. Schwester Antoinette bleibt allein zurück und ruft beim Bischöflichen Stuhl um Hilfe. Sie bittet um jemanden, der sie entlastet, doch sie bekommt einen Diakon, mit dem sie sich die Leitung der Wärmestube teilen soll. Wenige Wochen später beruft ihr Orden sie ab. Sie wehrt sich, doch sie ist in ihrem Widerstand so allein wie Läufer, und auch sie macht einen Schnitt. Sie legt den Schleier ab und bricht mit der Kirche.

Drei Tage lang ist Läufer nach der Nacht, in der er alles anzünden wollte, nicht erreichbar. Als er sein Telefon wieder einschaltet, erzählt er, wie er in den Stunden danach Gewichte in einem Fitnessraum stemmte und dazu Rammsteins Engel und Metallicas The End of the Line hörte. In wenigen Tagen hat er Geburtstag, aber er will das nicht feiern. Es würde nicht in die Zeit passen.

Läufers Krise verläuft parallel zur europäischen Schuldenkrise, und er fühlt sich bestätigt in seinem Zweifel an den Staaten der anderen. Während in Berlin und Brüssel immer größere Rettungsschirme aufgespannt werden, schnürt er ein radikales Sparpaket. Als Europa sich auf den Schuldenschnitt vorbereitet, lässt er seinen Anhänger stehen. Er tauscht ihn aus gegen einen kleineren, leichteren Anhänger. Seinen Laptop ersetzt er durch ein Netbook. Alles schrumpft in dieser Phase, auch seine Zuversicht. Er ist die personifizierte Sparsamkeit.

Die Frau, die einmal Schwester Antoinette war, zieht sich zurück auf ein Weingut an der Mosel. Sie trägt jetzt Farbe im Haar, Farbe in den Kleidern und den Namen, mit dem sie zur Welt kam. Margareta Völker hat sich von allem gelöst, das sie äußerlich zu Schwester Antoinette machte, doch ihren Glauben hat sie nicht verloren. Nach einer Zeit des Schweigens betet sie wieder stündlich, sie kniet wieder gern, und auch Läufer kommt zu ihr zurück. An einem eisigen Morgen im Frühling begegnen sie sich in Trier. Sie haben nur ein paar Stunden, doch sie ist froh, ihn so entschlossen und aufrecht zu sehen, wie er sie verließ. »Er war ganz aufgeräumt«, sagt sie. »Ich glaube, er hat seinen Weg wiedergefunden.«

Einmal noch führt Läufers Weg ihn nach Berlin. Er geht durch die Stadt wie ein Tourist, leichtfüßig und weitäugig, auf seiner Kapuzenjacke steht »BERLIN«. Die Stadt schimmert und glänzt im Regen, und er folgt den S-Bahn-Gleisen vom Alexanderplatz zum Ostbahnhof. Hinter dem Bahnhof bleibt er an einem Zaun stehen und blickt auf eine Brachfläche. Ein paar Obdachlose lungern zwischen Kleiderbergen und trinken die Stunden weg. In Läufers Traum entstand hier eine Fahrradwerkstatt, es war seine Projektionsfläche. Die Männer, die sie einnahmen, leben an der Straße der Pariser Kommune, als hätten sie bewusst eine Adresse gewählt, die an den Traum von der Diktatur des Proletariats erinnert. Läufer betrachtet sie wie fremde Wesen. »So könnte ich nicht leben«, sagt er. »Die haben keine Struktur.«

In einer anderen Parzelle der Stadt, am Boulevard Unter den Linden, setzt er sich ins Restaurant »Jedermann’s« und bestellt eine Bulette mit Kartoffelsalat. Er nennt es das »kleine deutsche Menü«. Dann folgt er der großen deutschen Achse, an der er viele von denen finden könnte, die den Staat formten, der nicht mehr seiner ist. Er geht vorbei am »Café Einstein«, der Kantine der Berliner Republik, an deren hinteren Tischen Fischer und Schröder so gern Hof hielten. Er blickt an der Fassade des Bürogebäudes hinauf, in dem Schröder seine Altkanzlerjahre verwaltet. Im Schaufenster von Madame Tussauds sieht er Angela Merkel, eine Kanzlerin in einem Wachsfigurenkabinett.

Als er durch das Brandenburger Tor geht und auf der Wiese vor dem Reichstag steht, erkennt er das Kanzleramt nicht. Es sieht für ihn aus wie eine Fabrik, eine Regierungsmanufaktur. Er geht um den Reichstag herum und bleibt vor einer gläsernen Wand stehen, durch die er in die Büros von Bundestagsabgeordneten sehen kann. In das Glas sind die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes geschliffen. Läufer schreitet sie langsam ab. Bei Artikel 12 stoppt er. Es ist der Artikel, der allen Deutschen das Recht gibt, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. »Das ist der Punkt«, sagt er, »wo ich Streit mit dem Staat habe.«

Er beugt sich vor und spiegelt sich in den Worten. Im Glas sind sie jetzt vereint, Läufer, das Gesetz und der Staat, doch es ist nur ein Hologramm, eine Illusion. In ein paar Wochen wird sein Personalausweis ablaufen. Er überlegt noch, ob er einen neuen beantragen wird.
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Mario Kaiser begegnete Andreas Läufer im Wartezimmer der Jobvermittlung Berlin-Neukölln. Als Läufer ihm erzählte, dass er sich aus dem Staat zurückziehen werde, war Kaiser skeptisch. Das änderte sich, als er ihn bei diesem Prozess begleitete und ihm über zwei Jahre durch Deutschland folgte. Er schlief auf Wiesen und unter Brücken neben ihm, und als der Reporter sich einmal darüber beklagte, nicht noch mehr Zeit mit ihm verbringen zu können, tröstete Läufer ihn mit den Worten: »Man kann nicht alles haben im Leben.«

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