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aus Heft 17/2013 Kino/Film/Theater

»Ich muss alles hinter mir lassen, um weiterleben zu können«

Seite 2: »Ich gehe mit dem Wind.«

Malte Herwig (Interview) 


Es soll Schauspieler geben, die sich für eine Rolle mutwillig Knochen brechen …
Oder Leute, die sich fast zu Tode hungern, wie mein Freund Michael Fassbender für die Rolle des Bobby Sands. Seitdem ist es mit seiner Karriere steil bergauf gegangen. Es scheint der sicherste Weg zu einer Oscar-Nominierung zu sein.

Laut Ethel Barrymore muss man als erfolgreiche Schauspielerin das Gesicht der Venus, die Intelligenz der Minerva, die Grazie von Terpsichore, den Körper von Juno und die Haut eines Rhinozeros haben. Würden Sie dem etwas hinzufügen?
Die Hälfte von denen kenne ich nicht mal. Wer soll Terpsichore sein? Hat sie die erfunden?

Die griechische Muse des Tanzes.
Das Weib hat Humor. Aber mit dem Nashorn liegt sie richtig. Wenn du nach ganz oben aufsteigen willst, brauchst du wirklich Dickhäutigkeit. Es gab ja diese göttlichen Hollywood-Schönheiten, die es auf den Olymp geschafft haben, aber nie ohne dafür Opfer zu bringen.

Der Regisseur Luchino Visconti warnte Sie einst vor Hollywood. Nachdem Sie für ihn in Die Verdammten gespielt hatten, gingen Sie trotzdem in die USA und arbeiteten eine Zeit lang mit Größen wie Sidney Lumet, Paul Newman und Robert Mitchum, ehe Sie sich wieder aufs europäische Kino konzentrierten. Was hat Sie dreißig Jahre später wieder nach Amerika zurückgetrieben?
Ich habe seit zwei Monaten eine Rolle in der sehr erfolgreichen TV-Serie Dexter über einen Psychopathen und Forensiker. Das Arbeiten hier ist großartig. Ich fahre einfach den Sunset Boulevard in meinem Auto runter, alles läuft in geregelten Bahnen. Los Angeles ist eine sehr gesellige Stadt, wenn man Lust auf Gesellschaft hat.

Sind Sie viel auf den berüchtigten Partys unterwegs?
Nein, ich mag keine großen Partys, ich kann sie nicht ertragen. Mit fehlt dafür die Sprache. Ich weiß nicht, was ich da machen soll, wie ich dastehen und reden und von einem Grüppchen zum nächsten gehen soll. Das konnte ich nie, also stehe ich meistens in der Ecke und warte darauf, dass mich jemand anspricht.

Als erfahrene Schauspielerin könnten Sie doch zumindest so tun, als ob.
Eben nicht. Vor der Kamera weiß ich genau, wie das geht. Aber die Person, die hier neben Ihnen auf dem Sofa sitzt, die weiß es nicht. Ich kann das nur spielen, und wenn ich nicht vor der Kamera stehe, spiele ich nicht.

Sie sind bekannt dafür, Produzenten und Regisseuren Körbe zu geben. Was ist die größte Rolle, die Sie abgelehnt haben?
Darüber rede ich nicht. Ich gehe mit dem Wind, und entweder geschehen Dinge oder sie geschehen nicht. Aber bei mir sind sie immer geschehen. Ich habe ein seltsam magisches Verhältnis zum Leben. Dinge passieren mir einfach.

Als Teenager waren Sie mit Ihrer Schwester unter dem Namen »The Colonel’s Daughters« in Londoner Kneipen als Gesangsduo unterwegs, bis Ihr Vater der Sache einen Riegel vorschob.

Mein Vater war immer sehr auf das echte Leben fixiert. Er wollte, dass ich tippen lerne und Sekretärin werde. In der Schule war ich nicht sehr begabt. Wir wurden dort nicht gefördert, weil wir Mädchen waren und unsere Eltern keine Akademiker.

Dabei war Ihr Vater der erste Rampling, der – wenn auch ohne es zu wissen – in einem großen Kinofilm auftauchte: Leni Riefenstahls Olympia.
Mein Vater trat bei den Olympischen Spielen 1936 im Staffellauf an und gewann eine Goldmedaille. Es war der Lauf seines Lebens, und Leni Riefenstahl hat ihn gefilmt. Aber das habe ich erst viel später erfahren, denn er hat nie darüber geredet. Er war ein sehr verschlossener und problematischer Mensch. Wahrscheinlich wusste er nicht mal, dass er in Riefenstahls Film auftaucht. Er ging nur ins Kino, wenn meine Mutter ihn mitschleppte.

1966 nahm sich Ihre Schwester Sarah mit dreiundzwanzig Jahren das Leben, und Sie stürzten in eine schwere Krise. Haben Sie selbst jemals an Selbstmord gedacht?
Jeder Mensch hat die Option, sich das Leben zu nehmen – für mich kam das aber nie in Frage. Ich habe damals mit mir selbst einen Pakt geschlossen, so etwas nie zu tun. Ich hätte es meinen Eltern nicht antun können, dass sich beide ihrer Töchter umbringen. Der Selbstmord meiner Schwester hat mich davon abgehalten. Sie hat mir Kraft gegeben und es mir ermöglicht, weiterzuleben – obwohl es bisweilen unglaublich schwer war.

Der Selbstmord wurde in Ihrer Familie lange verleugnet und stattdessen die Legende gepflegt, Ihre Schwester sei an einer Hirnblutung gestorben. Vierzig Jahre später nahmen Sie ein Album mit Chansons auf. War das auch in Erinnerung an Ihre Schwester und das abrupte Ende Ihrer gemeinsamen Gesangskarriere?
Ja, da schloss sich ein Kreis. Kurz zuvor hatte ich Unter dem Sand mit François Ozon gedreht …

… die Geschichte einer Frau, deren Mann eines Tages spurlos am Strand verschwindet und die seinen Selbstmord nicht akzeptieren kann.
Eine wunderbare Rolle, ich habe sie geliebt, sie war einer der Schlüsselmomente in meinem Leben. Es war ein Comeback, in privater wie beruflicher Hinsicht, denn ich lernte den Selbstmord meiner Schwester anzunehmen.

Und die Arbeit an den Chansons hat Ihnen bei diesem therapeutischen Prozess geholfen?
Sie hat mir dabei geholfen, eine Menge ungelöster Dinge zu verarbeiten. Als Schauspielerin kann ich mit jeder Herausforderung umgehen, aber das hier war etwas anderes, weil es um unbewältigte Dinge ging. Wenn man mich dazu bringen will, etwas zu tun, ist das oft, als ob man Blut aus einem Stein zu quetschen versucht. Die Produzenten klopften damals immer wieder an meine Tür in Paris, und wenn ich nicht geöffnet habe, kamen sie am nächsten Tag wieder. Sie haben sich nicht abschrecken lassen und mir Mut gemacht, etwas Neues zu versuchen. Auf einmal stellte ich fest, dass ich diese Tür öffnen musste und damit eine ganze Reihe anderer Dinge herauslassen würde.
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Malte Herwig durfte Charlotte Rampling während des dreistündigen Treffens zu Recherchezwecken tief in die Augen blicken - und sie in seine. Als er ihr seinen deutschen Pass zeigte, in dem blau-grün-grau als Augenfarbe eingetragen ist, war die Schauspielerin überrascht: »Die deutsche Bürokratie ist sehr großzügig, drei Augenfarben sind eine ganze Menge.«