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aus Heft 20/2013 Literatur

Der Letzte seiner Art

Seite 2: »Susan Sontag war sehr intelligent, schnell, herausfordernd, aber auch sehr kompliziert.«

Thomas Bärnthaler und Gabriela Herpell (Interview)  Foto: Andreas Nestl


Dafür haben Sie Susan Sontag für den deutschen Markt entdeckt.
Die haben wir sehr gemocht, nicht zuletzt, weil sie sich für europäische Schriftsteller interessierte: Emil Cioran, Elias Canetti, Robert Walser. Ihre Essays über Krankheit als Metapher, über Aids und Krebs werden bleiben, auch ihre Überlegungen zur Fotografie. Ihre Romane sind weniger gelungen. Sie war sehr intelligent, schnell, herausfordernd, aber auch sehr kompliziert. Sie lud einen in die besten Lokale ein, aber bezahlen musste immer ich.

Das stand oft auf Ihrem Terminplan, Essen mit Schriftstellern, oder?
Wenn ich in München bin, esse ich immer im Büro, und wenn jemand kommt, wird das Würstchen geteilt. Das liegt an meiner kleinbürgerlichen Erziehung. Ich kann Verschwendung nicht leiden. Es gibt übrigens auch Autoren, die wunderbar kochen können. Die Pilzgerichte von Peter Handke sind weltberühmt, oder die Suppen von Grass. Man darf nur nicht fragen, was drin ist.

Mit Günter Grass waren Sie mal auf Lesereise im Jemen. Wie kam es dazu?

Eine deutsch-arabische Gesellschaft wollte demonstrieren, dass in Arabien nicht nur islamistische Verschwörer leben. Als wir eintrafen, empfing uns aber erst mal der bleiche deutsche Botschafter mit der Nachricht, dass am Vortag zwei englische Journalisten geköpft worden waren. Wir kamen auch nach Aden, das berühmte Aden, das Paul Nizan beschrieben hat. Ich wollte unbedingt das Haus sehen, in dem Arthur Rimbaud gelebt hatte. Der Taxifahrer hielt vor einer Pension, da stand: »Hotel Rambo«. Und über der Theke hing das schöne Bild von Rimbaud mit den abstehenden Haaren und dem etwas verglasten Blick. Mein Freund, der Schriftsteller Najem Wali, hat einen Mann gefragt, ob das wirklich das Haus des berühmten Dichters Rimbaud sei. Natürlich, sagte der, er tat so, als sei Rimbaud gestern erst ausgezogen.

Sie haben als junger Mann eine Ausbildung zum Buchhändler und -drucker gemacht und durften dann gleich im Londoner Nobelkaufhaus Harrods in der Abteilung für fremdsprachige Literatur arbeiten. Wie kamen Sie an den Job?
Den hat mir ein englischer Freund aus Berlin verschafft, der heute emeritierter Professor für mittelalterliche Mystik ist. Ich wusste nicht, was ich nach der Lehre tun sollte. Ich lebte noch zu Hause, wollte endlich mal weg, raus aus Berlin. Ich zog in ein winziges Zimmer in der Camden High Street, eine unglaubliche Bruchbude. Im Souterrain lebte ein griechischer Schneider, der acht Hosen in der Woche produzierte und mir anbot, später als sein Repräsentant auf dem Kontinent zu arbeiten. Die Hauswirtin im ersten Stock habe ich nie anders als im Unterrock erlebt, Zigarette im Mundwinkel. Der zweite Stock gehörte den Mäusen. Und unter dem Dach neben mir wohnte ein österreichischer Bildhauer, der seine Miete in Form von Liebesdiensten für die Wirtin abarbeitete. Zum Bildhauern ist er nicht viel gekommen. Bei Harrods verdiente ich neun Pfund die Woche, das Zimmer kostete fünf. Ich war sehr arm, aber glücklich.

Stimmt es, dass Sie der Queen ein Buchpaket zusammenstellen durften?
Als wir eröffneten, kam auch »The Librarian of the Queen«. Nelke im Knopfloch. Irre geschniegelt. Dem habe ich Bücher empfohlen, Günter Grass, Uwe Johnson, Peter Weiss. Und ein Buch über romanische Kirchen in Deutschland. Danach hat mir die ganze Abteilung gratuliert, denn normalerweise hat der nur Bücher über Rosenzucht gekauft. Drei Tage später teilte mir mein Chef mit, dass alle Bücher an die Secondhand-Abteilung zurückgegeben worden waren. Der Bibliothekar hatte Katz und Maus von Günter Grass aufgeschlagen und die Szene gelesen, in der ein Bub sich das Eiserne Kreuz um ein bestimmtes Körperteil hängt. Das konnte er unmöglich der Queen empfehlen. Das Buch über die romanischen Kirchen hat die Queen noch heute.

Wie haben Sie das London der Sechzigerjahre empfunden?
Für mich war es eine andere Welt. Ich kam aus dem kleinbürgerlichen Berlin und plötzlich war ich in the Heart of the Empire. Diese Häuser, dieser Reichtum, diese Größe! Meine Freunde dort hatten Verwandte in Burma oder Indien. Diese Weltläufigkeit kannte ich nicht. Einmal war ich mit Elias Canetti am Piccadilly Circus, da standen 50 000 kreischende Mädchen und Jungs, um die Premiere eines Beatles-Films zu sehen. Irgendwann hatten wir uns zum Denkmal in der Mitte vorgekämpft. Taschen und Schuhe flogen durch die Luft. Totale Hysterie. Da fuhr ein schwarzes Auto durch die Masse, hielt an. Türen flogen auf, vier Pilzköpfe stürmten raus und waren nicht mehr zu sehen. Das Ganze dauerte zwei Sekunden. Danach gab es einen markerschütternden kollektiven Schrei der Verzweiflung.
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Gabriela Herpell und Thomas Bärnthaler bewundern Michael Krüger für seine Vielseitigkeit: 1973 spielte er die Hauptrolle inklusive Nacktszene in dem Film Clinch von Bernhard Sinkel, »für den dieser nie den deutschen Filmpreis erhalten hat« (Krüger).

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