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aus Heft 20/2013 Literatur

Der Letzte seiner Art

Seite 3: »Erich Frieds Rat: Ganz einfach, du musst zu einer Wahrsagerin gehen, das kannst du ja nicht entscheiden..«

Thomas Bärnthaler und Gabriela Herpell (Interview)  Foto: Andreas Nestl


Warum sind Sie nicht in England geblieben?
Meine Aufenthaltserlaubnis war abgelaufen. Die Polizei klopfte an und fragte nach Mr. Krüger. Da hab ich gesagt: Der ist nicht da. Ich hab mein Bündel geschnürt und war noch einige Zeit illegal in London, als Barmann in einem Club in Soho. Es gab ein Problem: Ich hatte zwei Mädchen kennengelernt. Die eine ging nach Paris. Ich wusste nicht, wie ich mich entscheiden sollte: bleiben oder gehen? Da habe ich dem Dichter Erich Fried mein Leid geklagt. Sein Rat: Ganz einfach, du musst zu einer Wahrsagerin gehen, das kannst du ja nicht entscheiden. Sie hat in die Glaskugel geguckt und gesagt: Verlasse das Land.

Zur Zeit der Studentenrevolte waren Sie wieder in Deutschland.
Ja, da hatte ich Glück. Das Programm des Suhrkamp-Verlags und ’68 haben mich entscheidend geprägt. So viel wie damals habe ich nie wieder gelesen. Adorno, Walter Benjamin, Marcuse, Enzensberger, Ingeborg Bachmann. Klaus Wagenbach lud mich ein, den Tintenfisch, ein Jahrbuch für deutsche Gegenwartsliteratur, mit ihm herauszugeben, das haben wir fast zwanzig Jahre lang getan. Und ich fing an, auch selber zu schreiben.

Was denken Sie über den Streit bei Suhrkamp?
Ich kann nur hoffen, dass sich bald ein reicher Mann findet, der den Herrn Barlach auszahlt.

Erinnern Sie sich an diesen Satz aus dem Jahr 1992? »Es ist ja ein unausrottbares Idiotengerücht, dass Literatur entsteht, indem ›schmerzhaft genau beschrieben‹ wird. Das gibt im Resultat höchstens die klassische, sagen wir mal, Hanserverlagsleiterprosa, charakterlos sensibilistisch, kunstvoll, ganz wichtig. Interessiert aber keinen normalen Menschen.«
Das war der Irre. Also der, der Irre geschrieben hat. Rainald Goetz, ja. Ich habe mich damals gefragt, wen er eigentlich mit den normalen Menschen meint. Wollte der kluge Goetz zu ihnen gehören? Tatsächlich hat die Popliteratur in der Literatur fast keine Spuren hinterlassen. Aber unabhängig von solchen Sticheleien ist der Roman Irre von Goetz immer noch hervorragend. Was den Verlag betrifft: Es gibt eine neue Generation von Lektoren auch bei uns; und mein Nachfolger ist zarte 44 Jahre alt.

Geht Hanser die Bindung an die junge Generation ab?
Sagen wir so: Es ist gut, wenn wir uns verjüngen. In meiner Anfangszeit war das anders, da war ich verlegerisch an anderen Künsten interessiert – die moderne Musik, die Kunsttheorie, Film, Theater: Enno Patalas, Werner Herzog, Alexander Kluge, das Theater von Peter Stein. Da gab es von überallher Einflüsse. Der Verlag ist dann unter meiner Leitung sehr literarisch geworden, und ich habe nicht mehr geguckt, wo sind jetzt Tendenzen, Schwingungen.

Wie steht es Ihrer Meinung nach um die deutsche Gegenwartsliteratur?
Ich finde sie im Moment sehr produktiv. Sie ist immer noch auf der Suche, wie die modernen Gesellschaften zu beschreiben sind. Es fällt auf, wie viele Bücher vergangene Dinge behandeln. Es bleibt die große Tragödie der Moderne, dass die Menschen lieber dumme Bücher lesen als gescheite.

Was ist die wichtigste Funktion eines Verlegers?

Psychologe, Geschäftsmann, Lektor, Freund – man muss alles sein.

Welche Rolle füllt Sie am meisten aus?
Redigieren. An den Texten feilen.

Schon mal ein Manuskript vor dem Papierkorb gerettet?
Oh ja. Horst Bienek zum Beispiel war, wenn er schrieb, in einer solchen erotischen Erregung, dass er wie ein Berserker auf seine Schreibmaschine gehackt hat, ohne auf Punkt oder Komma zu achten. Dann hat er mir ein Bündel von 500 Seiten auf den Tisch gehauen, tief Luft geholt und gesagt: Fertig! Ich saß dann in seinem Haus in Ottobrunn im Keller und habe neu geschrieben und die fertigen Seiten nach oben gebracht. Von oben hörte ich immer die Rufe: Du hast meine oberschlesische Seele zerstört!

Gab es Termine, vor denen Sie Angst hatten?

Walter Kempowski war so ein Fall. Mit dem war ich sehr befreundet. Aber er hatte eine vollständige Meise: Er wollte a) weltberühmt werden, b) Mitglied von allen Akademien sein, c) alle Preise kriegen. Sein Buch Tadellöser & Wolff habe ich bei ihm redigiert, oben in dem kleinen Ort, wo er Lehrer war. Der konnte ja nicht weg. Es wurde ein
Riesenerfolg, und Erfolg macht gierig. Dann kamen immer die Briefe: Du musst, du musst, du musst. Wir sind schier verzweifelt hier im Verlag. Zum Schluss bin ich nicht mehr gern zu ihm gefahren. Immerhin steht in seinen Tagebüchern: »Vielleicht habe ich ihn doch zu sehr gequält.« Es gibt ja Leute, die gerne quälen.

Wie hält man frustrierte Autoren bei Laune?

Wenn man jünger ist und noch mehr verträgt, geht man einen trinken. Die Autoren haben früher oft bei mir gewohnt. Ich war berühmt für mein Fremdenzimmer. Früher waren Autoren auch ärmer. Die hatten ihre Manuskripte dabei und wir haben dagesessen und dran gearbeitet und sind in den Verlag gefahren und haben weitergearbeitet. Heute schicken Autoren ihre Romane per E-Mail.
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Gabriela Herpell und Thomas Bärnthaler bewundern Michael Krüger für seine Vielseitigkeit: 1973 spielte er die Hauptrolle inklusive Nacktszene in dem Film Clinch von Bernhard Sinkel, »für den dieser nie den deutschen Filmpreis erhalten hat« (Krüger).

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