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aus Heft 20/2013 Literatur

Der Letzte seiner Art

Seite 4: »Ich habe mein Leben lang Kafkas Tagebücher gelesen. Wenn ich nicht mehr ein noch aus weiß, dann gibt es immer noch die.«

Thomas Bärnthaler und Gabriela Herpell (Interview)  Foto: Andreas Nestl

MICHAEL KRÜGER
Vor mehr als vierzig Jahren fing Michael Krüger als Lektor bei Hanser in München-Bogenhausen an, seit 1986 leitet er den Verlag - einen der wenigen, die nicht zu einem großen Konzern gehören. Krüger, Jahrgang 1943, wird Ende des Jahres als Geschäftsführer aus dem Verlag ausscheiden und einen weiteren Roman schreiben. Drei Romane und verschiedene Gedichtbände hat er bereits veröffentlicht.


Was sagt Ihnen der Satz: »Die Gesellschaft eines Menschen, der noch nie ein Buch gelesen hat, ist nur mit Alkohol erträglich«?
Der stammt von mir. Aber Einstellungen können sich ändern. Früher, zwischen Goethe und 1950, hat jeder Schriftsteller geraucht und getrunken. Heute haben wir das Ideal, dass man nicht raucht und nur mäßig trinkt. Den Schriftsteller, der sich nach Kalorientabellen richtete, gab es damals nicht. Wenn die Flasche halb leer war, wurde sie ausgetrunken. Das Trinken gehörte dazu. Vor allem in München und in Berlin.

Gehörten Drogen auch dazu?
99 Prozent der Drogen sind an mir vorbeigegangen. Vor langer Zeit habe ich einmal ein Gramm Kokain gekauft. Das war in der Fassbinder-Zeit, als fast alle weiße Nasen hatten. Ein merkwürdiges Gefühl! Die allergrößte Emanation. Nur war ich so blöd, dem Mann, dem ich’s abgekauft hatte, einen Scheck zu geben. Der Mann wurde gefasst, kam nach Stadelheim. Plötzlich steht die Polizei vorm Verlag und fragt: Sind Sie drogenabhängig? Dann wurden die Verlagsleiter geholt. Eine Riesenaufregung. Gott sei Dank wurde ich finalmente nicht belangt. Dieses einmalige Erlebnis hat mich sofort und nachhaltig aus der Drogenszene katapultiert.

Können Bücher auch eine Droge sein?

Unbedingt. Ich habe mein Leben lang Kafkas Tagebücher gelesen. Wenn ich nicht mehr ein noch aus weiß, dann gibt es immer noch die. Da reichen ein, zwei Seiten. Das ist wirklich wie eine Droge. Ich habe schon viele Ausgaben zerschlissen. Die gehen auch auf fast alle Reisen mit. Ist ja eine alte Frage, ob Lesen trösten kann. Wenn man jung ist, sagt man eher: Sollen einen doch die Frauen trösten. Oder was immer.

Manchmal trösten auch die Bücher über die Frauen hinweg.
Auch das, mit Sicherheit. Die Frage aber ist: Ist Lesen nur ein Ersatz? Lebt man nicht, wenn man liest? Allerdings: Nur weil jemand ein Buch liest, wird er noch kein besserer Mensch! Oder klüger. Das ist Quatsch, diese Lese-Ideologie. Entweder man liest, weil es einem das Leben erträglicher macht oder bereichert, oder man lässt es.

Wie wappnet man sich gegen das Alter?

Man selbst nimmt das Altern ja gar nicht so wahr. Aber jeder, der mit einem arbeitet, weiß, dass man siebzig ist. Diese Selbsttäuschung ist erstaunlich. Die Melancholien werden sicher kommen. Keine Ahnung, was man dagegen machen kann. Ignorieren ist ja auch nicht besonders klug.

Machen Sie noch Yoga?
Nicht mehr, seit ich eine künstliche Hüfte habe. Die rechte ist operiert und die linke ist schon neidisch und möchte auch Titan haben. Ich will aber nicht noch mal unter das Messer.

Es gibt viele Fotos von Ihnen beim Kopfstand.

Ich hatte herausgefunden, dass mir Kopfstände Spaß machen. Weil die Welt auf dem Kopf steht. Ich konnte auf dem Tisch Kopfstand machen, zehn Minuten zum Ausruhen. Gerade wenn ich was getrunken hatte, habe ich eine Viertelstunde Kopfstand gemacht. Wo es mir gefiel, im Restaurant, auf der Leipziger Buchmesse, beim Abendessen, überall. Aufhören musste ich dann, als ich dicker wurde. Der kleine Kopf hat die neunzig Kilo nicht mehr tragen wollen.

Es ist das letzte Jahr bei Hanser für Sie. Wie sieht Ihr erster freier Tag im Ruhestand aus?
Der findet erst im April 2017 statt, bis dahin bin ich voll mit Terminen. Aber dann möchte ich gerne mit dem Bus in die Stadt fahren, mich in ein Kaffeehaus setzen und nichts anderes tun als Menschen beobachten.

Überkommt Sie manchmal Wehmut, Ihr Lebenswerk hinter sich zu lassen?
Doch, doch. Es ist ein langsames Abschiednehmen. Kürzlich war ich in London und habe da so einen Lifetime-Dings bekommen. Da habe ich in meiner Dankesrede gesagt: Wahrscheinlich werde ich die meisten von Ihnen nie wiedersehen. Da gab es schon den einen oder anderen Schluchzer.

Was haben Sie verpasst in Ihrem langen Büroleben?
Die Frage stelle ich mir dauernd. Das Leben ist endlich. So lange bleibt einem ja nicht mehr ein klarer Kopf. Kann man in den zehn Jahren, die einem vielleicht noch bleiben, noch einmal das ideale Leben führen? Ohne Büro und Aufpassen und Geld und Termine? Einen bewussteren Umgang mit dem Leben wünsche ich mir schon für diese Zeit. Einerseits will man nicht loslassen, anderseits will man sich befreien. Wie macht man das? Ich weiß es nicht. Als ich zuletzt in London war, dachte ich: Warum nicht noch mal in eine andere Stadt gehen? Jetzt, wo man den großen Schwapp hinter sich gelassen hat. Einfach verschwinden. Vielleicht mache ich das. Natürlich nicht ohne vorher meine Frau zu fragen.

In einem Gedicht beschreiben Sie sich als den »Mann mit dem Hasenherz, nicht mehr, eher weniger«.
Ich war in meinem Leben nie besonders mutig. Musste ich auch nicht sein. Das empfinde ich durchaus als Malus. Ich hatte viele Möglichkeiten und Angebote zur Veränderung. Auch aus dem Ausland. Ich bin aber geblieben. Ich bin ein sehr genügsamer Mensch, brauche weder Mode, Auto noch Spielbank. Das Büro war wie ein großes Gummiband. Man hüpft hoch, aber dann sitzt man auch gleich wieder an seinem Schreibtisch. Das Hasenherz ist eine Maschine, die puckert, weil der Hase immer auf dem Sprung ist. Am liebsten ist der Hase aber in seiner Höhle, sitzt da mit seinen langen Ohren und guckt nur raus.
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Fotos: Andreas Nestl, Isolde Ohlbaum (4), Stefan Moses, Regina Schmeken, Helfried Strauß, privat (4)

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Gabriela Herpell und Thomas Bärnthaler bewundern Michael Krüger für seine Vielseitigkeit: 1973 spielte er die Hauptrolle inklusive Nacktszene in dem Film Clinch von Bernhard Sinkel, »für den dieser nie den deutschen Filmpreis erhalten hat« (Krüger).

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