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aus Heft 21/2013 Politik

»Die wirkliche Politik ist klein, grau, hässlich und schweißtreibend«

Andreas Bernard und Evelyn Roll (Interview)  Fotos: Jonas Holthaus

Ein Gespräch über den Beruf des Politikers zwischen Wolfgang Thierse, der im September nach 24 Jahren den Bundestag verlässt, und Christian Nürnberger, der zum ersten Mal dort einziehen möchte.



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SZ-Magazin: Herr Thierse, Herr Nürnberger, sind Sie sich eigentlich schon mal begegnet?
Wolfgang Thierse:
Nein, aber ich habe schon einiges von Christian Nürnberger gelesen.
Christian Nürnberger: Ich habe dich immer gern reden hören im Bundestag.

Das »Du« geht also schon mal ganz locker über die Lippen, wenn sich zwei Parteigenossen kennenlernen.
Thierse: Das ist einfach Praxis in der SPD. In der CDU gibt’s drei, vier Kollegen, die ich duze, bei den Grünen vielleicht zehn.
Nürnberger: Ich habe dem Gerhard Schröder mal geschrieben: »Ich bin nur noch in der SPD, damit ich dich duzen kann.«

Wie lange sind Sie eigentlich schon Parteimitglied, Herr Nürnberger?
Nürnberger:
Seit 42 Jahren.
Thierse: Das schaffe ich nicht mehr. Ich bin im Januar 1990 eingetreten.

Die Kritik Ihrer Essays, die auch im SZ-Magazin erscheinen, zielt ja oft aufs Grundsätzliche. Ist die SPD der richtige Ort, um grundsätzliche politische Überzeugungen durchzusetzen?

Nürnberger: Eher nicht. Aber ich kenne keinen besseren. Ich bin ja einer dieser Wutbürger, die sich über alles Mögliche ärgern. Als ich dann vor zwei Jahren diese silberne Ehrennadel für die vierzigjährige Parteizugehörigkeit bekommen habe, haben sie mir in meiner fränkischen Heimat tief in die Augen geguckt und mich gefragt, ob ich für den Bundestag kandidieren möchte.

Und Sie haben Ja gesagt.
Nürnberger:
Die Kinder sind aus dem Haus. Der Hund ist tot. Also habe ich es probiert.
Thierse: Diese Frage, wie man seine Überzeugungen verwirklichen soll – da gibt’s ja gar nicht so viele Möglichkeiten. Entweder im privaten Raum, als Vegetarier zum Beispiel, ich meine das jetzt gar nicht spöttisch … Oder, wenn man mehr erreichen will, in der Politik. Man muss sich dann also in umständliche Prozesse und Regelwerke hineinbegeben. Ich habe dafür auf mich bezogen eine Formel gefunden: vom problematisierenden Beobachter zum problematischen Akteur.

Bisschen traurig.

Thierse: Nein, das ist eine ganz nüchterne Einsicht. Das hat auch mit Erfahrungen der Niederlage zu tun. Die wirkliche Politik ist klein, grau, hässlich und schweißtreibend.

Herr Nürnberger, löst die Vorstellung, im September vielleicht Teil dieses grauen und hässlichen Riesenbetriebs zu werden, bei Ihnen Nervosität aus? Dass man sich als Neuling unter 620 Abgeordneten dort gleich zurechtfindet?

Nürnberger: So weit denke ich noch gar nicht, einerseits. Zunächst geht’s nur darum, den Wahlkreis zu gewinnen. Andererseits denke ich viel weiter: 22 Jahre lang habe ich an jedem Tag für meine Kinder eingekauft und gekocht. Jetzt will ich 22 Jahre lang für eine gute Zukunft meiner Kinder und deren Generation kämpfen, egal wie.
Thierse: Es ist auch gar nicht so schwierig, sich im Plenum zurechtzufinden. In der Fraktion sitzen die Vertreter eines Bundeslandes immer zusammen. Nur die vorderen Plätze sind fest vergeben, für die Fraktionsführung und Redner der aktuellen Debatte. Die anderen haben freie Platzwahl. Das ist anders als in fast allen anderen Parlamenten, wo es feste Plätze gibt wegen der elektronischen Abstimmung. Aber wir stimmen mit der Hand ab oder indem wir zur Urne gehen.

Herr Thierse, haben Sie mal erlebt, dass ein Novize zu Beginn Pannen produziert hat im Bundestag?
Thierse:
Ja, das gibt’s immer wieder. Das gehört ja auch zum Spiel, dass man ihn mal durch die falsche Tür schickt …
Ach so, Sie haben also Initiationsrituale wie beim Militär oder an Universitäten?
Thierse:
Nein, nein, der Empfang der Neuen ist grundsätzlich ausgesprochen freundlich. Man braucht dann aber schon ungefähr ein Jahr, ehe man als Abgeordneter alles mitbekommen hat.
Nürnberger:
Ich habe mir zunächst nur ein konkretes Ziel gesetzt, das ich gern erreichen würde im Bundestag, eine kleine Korrektur der Agenda 2010. Wenn heute ein 14-jähriger Junge Zeitungen austrägt, und seine Mutter ist Hartz-IV-Empfängerin, dann wird der Mutter das Geld abgezogen, das der Junge verdient. Das halte ich für skandalös.

Herr Nürnberger, Sie sind schon mitten im Wahlkampf.

Nürnberger: Na ja, das letzte halbe Jahr habe ich erst einmal damit verbracht, die Genossen in meinem Wahlkreis zu motivieren. Denn die müssen für mich in den Städten ja den Stand aufbauen, Flyer verteilen und Plakate kleben.

Und wie genau motiviert man die Genossen?
Nürnberger:
Man geht auf Jahreshauptversammlungen und in die Ortsvereine, um sich vorzustellen. Und dann erzählt man, warum man kandidiert und wer man ist.

Und wie viele Mitarbeiter haben Sie jetzt in Ihrem Wahlkampfteam?
Nürnberger:
Rund 25 Leute. Die müssen sich um alles kümmern: Fototermine, Plakate, Organisation von Veranstaltungen, Pressearbeit, tausend Kleinigkeiten. In ihrer Freizeit, unentgeltlich.

Haben Sie Mitspracherecht, wenn es darum geht, wie die Plakate aussehen?


Nürnberger:
Ich habe keinen Einfluss drauf. Das entscheidet eine Agentur.
Thierse: Das wird immer zentral in Berlin gemacht. Ich erinnere mich an die Plakate von 1998, ich fand die so beschissen. Mein Kopf war angeschnitten, und dann der rote Hintergrund, ich war ja damals noch etwas rotblonder – furchtbar.

Aber da muss man doch gegensteuern können als betroffener Politiker.
Thierse:
Nein, denn die Gestaltung aller Wahlplakate ist einheitlich. Und das ist richtig, dass man sofort sieht: SPD. Es hat immer Genossen gegeben, die sagen: Nein, ich mache mein eigenes Ding. Aber die müssen die Plakate dann auch selber bezahlen.

Was bringt denn eigentlich diese Art von Wahlkampf, Plakate an jedem Baum, der Kandidat kugelschreiberverteilend unter dem Schirm in der Fußgängerzone?
Nürnberger:
Früher habe ich auch gedacht: Muss das wirklich sein? Diese Plakate? Kann so ein Stand eine Wählerentscheidung beeinflussen?

Und jetzt stellen Sie sich selber hin.
Nürnberger:
Wenn ich keine Präsenz zeige, und die CSU hat alles zugekleistert, dann heißt es: Die Schwächlinge kann man doch nicht wählen!

Und wie ist es, in der Fußgängerzone zu stehen?
Nürnberger:
Ich sehe das als Chance für mich, weil ich ansonsten ganz schwer an die Leute herankomme. Erstens weil der normale Wähler kaum interessiert ist, und zweitens weil so viele auch keine Zeitung mehr lesen.

Wie fühlt man sich dabei, fremde Menschen anzusprechen?
Nürnberger:
Es ist schon eine gewisse Beklommenheit da, weil ich es noch nie gemacht habe. Ich muss ja auch Hausbesuche machen.

Sie klingeln im Wahlkampf an Wohnungstüren?
Nürnberger:
Ja, wie die Zeugen Jehovas.
Thierse: Das ist wichtig. Dass die Leute sagen: Donnerwetter, der ist tatsächlich hier, der sitzt nicht nur auf seinem Sessel. Es gibt übrigens ein paar elementare Regeln, wenn man in die Häuser geht: immer oben anfangen, zum Beispiel. Das ist weniger anstrengend.

Wie viel Prozent müsste die SPD in Bayern holen im September, damit Sie über Ihren Listenplatz in den Bundestag kommen?
Nürnberger:
33 Prozent.

Utopisch also.
Nürnberger:
Ja, es geht nur übers Direktmandat.

Und wie sind die Chancen da?
Nürnberger:
Die sind klein, aber nicht bei null.

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Eigentlich sollten die Fotos für dieses Interview in einem Friseursalon aufgenommen werden. Aber Thierse lehnte ab. Er sei vor fünfzig Jahren das letzte Mal bei einem Friseur gewesen, erzählte er Andreas Bernard und Evelyn Roll. Bis heute schneidet seine Frau ihm die Haare.

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