Sie haben Ihren Adblocker auf unserer Seite aktiviert. Bitte deaktivieren Sie diesen für SZ.de! mehr zum Thema

bedeckt München 16°
Anzeige
Anzeige

aus Heft 21/2013 Politik

»Die wirkliche Politik ist klein, grau, hässlich und schweißtreibend«

Seite 3: »Als ich 1989 in die Politik geriet, wollte ich einfach nicht so aussehen wie diese ganzen Funktionärs-Arschlöcher der SED.«

Andreas Bernard und Evelyn Roll (Interview)  Fotos: Jonas Holthaus



CHRISTIAN NÜRNBERGER

... ist Hausmann. Nach Lehre, Bund, Studium und Henri-Nannen-Journalistenschule war er Redakteur bei der Frankfurter Rundschau, bei Capital und highTech. Als seine Frau, die Fernsehjournalistin Petra Gerster, das erste Kind bekam, kündigte er, kümmerte sich um Haushalt, Tochter, Sohn, Hund und Katzen und wurde »nebenbei« ein sehr erfolgreicher Autor und Publizist.

Herr Nürnberger, können Sie auch so eine Leidenschaft für das Relative entwickeln wie Wolfgang Thierse?
Nürnberger:
Eine Leidenschaft zum Relativen will ich nicht entwickeln, aber Akzeptanz dafür habe ich schon.

Also werden Sie künftig auch aus parteitaktischen Gründen gegen Ihre Überzeugungen stimmen?
Nürnberger:
Das wird mir sehr schwer fallen. Parteitaktik ist sowieso etwas, das habe ich gefressen.
Thierse: Du musst aber bei jeder deiner Sachentscheidungen mitbedenken, ob sie die von dir unterstützte Regierung gefährdet oder nicht. Das ist ein Teil der Gewissensfrage, nicht nur, ob du deutsche Soldaten ins Ausland schickst oder für die Frauenquote bist. Und das ist manchmal nicht ganz deckungsgleich.

Jetzt weiß Christian Nürnberger also schon mal, was da mit dem Fraktionszwang auf ihn zukäme.
Thierse:
»Fraktionszwang« ist doch so eine Art negativer Mythos. Die Bürger wollen einfach, dass Parteien erkennbar sind. Dass die CDU- oder die SPD-Fraktion nicht fünf verschiedene Meinungen vertritt, sondern eine. Und wenn man davon abweicht, muss man die eigene Meinung begründen und sich der Debatte in der Fraktion stellen. Wer die Reinheit seiner Anschauung für das Allerhöchste hält, soll Gedichte oder Essays schreiben, aber nicht in die Politik gehen.
Nürnberger: Nein, das sehe ich ganz gelassen. Einfach deshalb, weil ich mit meinen 62 Jahren eh nichts mehr werden muss und kann in der Politik.
Thierse: Es gibt wirklich einen Vorteil, wenn man älter ist und in den Bundestag kommt. Man ruht mehr in sich als jüngere Kollegen. Ich war 46, als ich in die Politik geriet, und konnte mich also gar nicht mehr bis zur Unkenntlichkeit meiner selbst verändern. Weshalb ich auch der altmodischen Ansicht bin: Bevor jemand Politik zu seiner Profession macht, soll er eine gewisse Menge beruflicher und sozialer Erfahrung gesammelt haben. Deswegen ist auch der Vorwurf, es seien zu wenig junge Leute im Parlament, unsinnig.

Hat es auch mit Alter und Erfahrung zu tun, Herr Thierse, dass Sie die Medien so konsequent aus Ihrem Privatleben herausgehalten haben?
Thierse:
Man muss eine einfache Entscheidung treffen: keine Home-Storys. Niemanden in seine Wohnung lassen. Es gibt nur ein einziges Foto von meiner Frau und mir zu Hause, aus dem Jahr 1990, als ich noch ganz ahnungslos war, ein befreundeter Fotograf hat uns da aufgenommen. Seitdem nie wieder.

Wenn man aber eine prominente Ehefrau hat wie Sie, Herr Nürnberger, und auch schon mit einer Zeitung darüber gesprochen hat, wie Sie beide sich über eine Kontaktanzeige kennengelernt haben – braucht man dann ein anderes Konzept für den Umgang mit Öffentlichkeit?
Nürnberger:
Ich habe da keine große Scheu. Wir haben das von Anfang an offensiv gehandhabt, aus dieser alten Position heraus: Das Private ist politisch. Deshalb lassen wir die Öffentlichkeit immer ein Stück an unserem Privatleben teilhaben, nämlich dort, wo es uns politisch wichtig ist.

Gehen da bei Ihnen rote Lampen an, Herr Thierse?
Thierse:
Nein. Ich habe es aber immer ein bisschen unangenehm gefunden, wenn Politiker ihr Privatleben instrumentalisieren. Das kann ja nach hinten losgehen. Das dramatischste Beispiel in der letzten Zeit ist Christian Wulff.

Klingeln Sie, Herr Nürnberger, jetzt bei den Menschen in den Wohnungen und sagen: »Ich bin Christian Nürnberger, der Mann von Petra Gerster.«
Nürnberger:
Nein, nur meine Reden vor den Genossen beginne ich manchmal so: »Ihr kennt meine Frau schon besser als mich, und um das zu ändern, kandidiere ich.«
Thierse: Das ist ein schöner selbstironischer Einstieg.

Als wir Christian Nürnberger gefragt haben, ob er sich mit Wolfgang Thierse über den Beruf des Politikers unterhalten würde, war sein erster Kommentar: »Da kommen ja zwei Zausel zusammen!« Was bedeutet es, nicht der ästhetischen Stromlinie des Politikers zu entsprechen?
Nürnberger:
Ich mache da keine Zugeständnisse. Seit Guttenberg erst recht nicht. Mich machen Typen total misstrauisch, die so gelackt und gegelt daherkommen. Guttenberg hat dieses Misstrauen bestätigt und mich auch darin bestärkt, an meinem Äußeren nichts zu ändern.

Es gibt ein Zitat von Peter Struck über Wolfgang Thierse kurz nach der Bundestagswahl 1998: »Als Präsident, der da oben sitzt, kann man nicht wie ein Schluffi aussehen.« Kommt man da ins Grübeln? Wären Sie im Lauf
Ihrer Karriere vielleicht in noch bedeutendere Ämter eingerückt, Herr Thierse, wenn Sie sich anders präsentiert hätten?
Thierse:
Als ich 1989 in die Politik geriet, wollte ich einfach nicht so aussehen wie diese ganzen Funktionärs-Arschlöcher der SED – und mich dann nicht mehr ändern. Nürnberger: Wir haben schon viele korrekt aussehende Typen aufsteigen sehen wie die Adler, und dann sind sie als Suppenhuhn auf dem Tisch von Angela Merkel aufgeschlagen: Merz, Wulff, Röttgen, von Boetticher. Oder nehmen Sie Dobrindt mit seinem runderneuerten Kopf, dem trotzdem noch nie ein einziger origineller Gedanke entfahren ist. Oder die Boygroup der FDP: Lindner, Bahr, Rösler. Bestens gestylt liegen sie stabil unter fünf Prozent.
Thierse: Ich wurde einmal zum schlechtest angezogenen Politiker gewählt. Wissen Sie, wer der am besten Angezogene war? Guido Westerwelle. Da hab ich gedacht: Ich fühle mich verstanden.

Anzeige
Seite 1 2 3

Eigentlich sollten die Fotos für dieses Interview in einem Friseursalon aufgenommen werden. Aber Thierse lehnte ab. Er sei vor fünfzig Jahren das letzte Mal bei einem Friseur gewesen, erzählte er Andreas Bernard und Evelyn Roll. Bis heute schneidet seine Frau ihm die Haare.

  • Politik

    »Zwischen Politik und Bevölkerung klafft ein Abgrund«

    In Italien sind nur mehr Parteien erfolgreich, die massiv das Establishment und das System angreifen. Der Schriftsteller und Journalist Roberto Saviano erklärt im Interview die politische Krise des Landes und warum deutsche Politik viele Italiener fassungslos macht.

  • Anzeige
    Politik

    Das hat Trump tatsächlich in einem Jahr bewirkt

    Abgesehen von der Kündigung des Pariser Klimaabkommens hat die neue US-Regierung keinen Schaden angerichtet? Weit gefehlt. Ein Blick auf die Gesetze, Erlasse und Bestimmungen, die Trump bislang zu verantworten hat.

    Von Till Krause, Charlotte Hunsicker und Roland Schulz
  • Politik

    »Du bist der einzige Grund, weshalb ich stark bin«

    Die deutsche Journalistin Meşale Tolu-Çorlu sitzt seit April in der Türkei im Gefängnis. In einem Brief an ihren Sohn Serkan, den wir hier veröffentlichen, schildert sie, wie ihr der Zweijährige im Besuchssaal des Gefängnisses eine erschütternde Frage stellte.

    Von Lara Fritzsche