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aus Heft 23/2013 Gesellschaft/Leben

Schöne Vorstellung

Seite 2: Das Zirkusleben in der Diktatur, es sah vielversprechend aus.

Moritz Baumstieger  Fotos: Daniel Etter


Syrien schien ein Land nach dem Geschmack des Seniors zu sein. Der Platz im Stadtzentrum von Damaskus war voll, die Vorstellungen ausverkauft. Diktatoren-Gattin Asma al-Assad besuchte mit ihren Kindern eine Vorstellung, die Baseball-Kappe tief ins Gesicht gezogen, setzte sich aber auf ganz normale Plätze. »Nicht mal die teuerste Kategorie haben die genommen.«

Als Hafez, der älteste Sohn des Diktators, Geburtstag hatte, stieg im »Sheraton«-Hotel eine Zirkus-Motto-Party, die Belluccis und ihre Elefanten waren die Stargäste. »Hier, schau! Che bella torta!«, ruft der Seniorchef und präsentiert sein Smartphone. Auf dem Bildschirm ist er mit ausgebreiteten Armen hinter einem Ungetüm aus Sahne, Marzipan und Lebensmittelfarbe zu sehen, einer vierstöckigen Torte für den kleinen Prinzen. Die Beziehungen zu den Assads haben Vorteile: Christians schwangere Ehefrau entband Sohn Valentino in dem Privatkrankenhaus, in dem sich sonst die Assads behandeln lassen. Das Zirkusleben in der Diktatur, es sah vielversprechend aus.

Das Zirkusleben im postrevolutionären Ägypten hingegen ist vor allem chaotisch. Irgendwo in der Ferne ruft ein Imam zum Gebet, im Zelt kündigt ein Zirkusmarsch den Beginn der Abendvorstellung an. Die Parkplätze vor dem Zirkus sind noch nicht voll, heute sind die Staus selbst in Kairos Peripherie groß: Eine Gruppe Aktivisten hat sich mit Transparenten auf die Stadtautobahn gestellt, nur einen Kilometer vom Zirkus entfernt, dort, wo die Straße zum Haus von Präsident Mursi abzweigt. »Hupe, wenn du gegen die Muslimbrüder bist«, steht auf den Plakaten, der Lärm ist bis zur Manege zu hören.

Dort scheucht Captain Rami seine schläfrigen Löwen auf die Podeste. Bellucci hat Dompteur und Tiere in einem Ferienressort gefunden und verpflichtet, auch wenn ihn wütend macht, in was für kleinen Käfigen der Ägypter die Tiere hält. Noch immer tröpfeln Gäste ein, Kairos Mitsubishi-Mittelstand will seinen Kindern diese seltsame Welt des europäischen Zirkus zeigen. Dass nicht alle Nummern das Spitzenniveau von Cirque du Soleil oder Krone haben, stört sie nicht. Schließlich sind die Belluccis seit mehr als sechzig Jahren der erste europäische Zirkus, der durch das Land tourt.

Zwischen den Gästen vor der Kasse und am Teeausschank stehen auch vollverschleierte Frauen und Männer mit langen Bärten. Einige von ihnen haben Hornhautflecken an der Stirn, weil sie beim Beten den Kopf so intensiv am Boden reiben: Anhänger der Salafisten, deren Neugier größer zu sein scheint als der religiöse Eifer, der einen Zirkus als Frevel einstuft. Der Taxifahrer am Morgen sah das anders: »Anzünden sollte man dieses Zelt der Sünde.«

Ägypten war stets ein konservatives Land, jetzt regieren die Muslimbrüder. Wie es für Frauen aus dem Westen ist, hier aufzutreten, weiß Micaela, die Tänzerin. Im Moment führt sie in der Manege eine Gruppe Breakdancerinnen in Hotpants an, ein bärtiger Mann im Publikum hält dem Sohn die Augen zu. Nach der Nummer eilt Micaela zu dem Container, der den Zirkusdamen als Garderobe dient. Sie verscheucht einen jungen Ägypter, der als Platzanweiser beim Zirkus arbeitet und ab und zu versucht, in die Umkleide zu linsen. Micaela ist blond, groß, schlank; auch in Europa würde sie mit ihren Locken jedem auffallen, in Ägypten erst recht. In letzter Zeit häuften sich die Nachrichten, dass Frauen im Gedränge der Massendemonstrationen vergewaltigt wurden. Auch Micaela wurde mehrmals von Männern bedrängt, einmal sogar in der Nähe des Zeltes. Das Zirkusgelände verlässt sie seitdem nur noch in Begleitung. »Aber bei meiner Kunst werde ich keine Kompromisse machen.« Nun ja, kleine dann doch: In Vorstellungen für Schulkinder trägt sie Trainingshosen statt Hotpants.

Um zu verstehen, wie die Blondine im knappen Kostüm in die Wüste kam, muss Christian Bellucci erzählen, wie es in Syrien weiterging: »Die Scheiße begann, als ich den Scheck für den Vorschuss einlösen wollte.« Der Wechsel war nicht gedeckt. Außerdem hatte der Geschäftsmann, der die Belluccis eingeladen hatte, keinen Lieferanten bezahlt. Die Behörden erließen eine Ausreisesperre, dem Zirkus blieb keine andere Möglichkeit, als sich auf eigene Faust durchs Land zu schlagen. Homs, Hama, Idlib, Aleppo – während im Süden die Menschen gegen Assad auf die Straße gingen, tourte der Zirkus durch die Städte, die heute nur noch Schutt und Asche sind.

In Aleppo starb der Elefant Meveli. Wohl an Altersschwäche, er war schon 75. Ein Zoodirektor bot an, den Kadaver zu vergraben, schnitt ihn aber in Stücke, angeblich, um ihn auszustopfen. Als das entdeckt wurde, liefen aufgeregte Menschen zum Zirkus. Sie dachten, die Zirkusleute wollten das Elefantenfleisch als Kebab verkaufen.

Dann verschwand, wie als erstes Warnzeichen, ein Artist aus Marokko im Gefängnis. Der Mann hatte betrunken mehrmals »Fuck your president Assad!« gerufen, jemand muss ihn angeschwärzt haben. Vielleicht einer der Straßenkehrer, die ständig um den Zirkus herumlungerten, vielleicht einer dieser Männer in Lederjacken, Geheimpolizei. Die Belluccis sahen ihren Akrobaten nie wieder. Kurze Zeit später beobachteten sie Panzerkolonnen auf den Straßen, hörten Granateneinschläge, sahen Rauch am Horizont aufsteigen. Anfang April 2011 flohen sie in die Küstenstadt Tartus, um ein Schiff nach Italien zu nehmen. Doch die Odyssee, die den Zirkus Bellucci schließlich an den Nil führen sollte, war noch lange nicht vorbei.

In der Manege im Vorort von Kairo versucht jetzt Clown Pipelone die Leute zum Lachen zu bringen. Manchmal bleibt es beim Versuch – der Clown muss erst noch herausfinden, was die Ägypter lustig finden. In seiner ersten Vorstellung in Ägypten hatte der Clown einem Freiwilligen einen Basketballkorb um die Hüften gebunden, von dessen Rand ein Ball an einer Schnur baumelt. »In Europa und den USA finden die Leute das sehr komisch«, sagt der Clown. Die Bewegungen, die man machen muss, wenn man den Ball ohne Hände in den Korb bugsieren will, sind recht eindeutig. Der Ägypter fand es gar nicht lustig. Er schmiss dem Clown den Korb vor die Füße, beschimpfte ihn und stürmte aus dem Zelt. Inzwischen verzichtet Pipelone auf alles, bei dem Frauen oder die Intimzone eine Rolle spielen. Wenn sich aber ein Kind nach einer Nummer mit dem Kollegen Coco zum Gebet niederwirft, weil es die Aufforderung zum Verbeugen missversteht, sind die Clowns immer noch ratlos.
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Bei seiner Recherche in Ägypten konnte sich Moritz Baumstieger gleich drei Kindheitsträume erfüllen: Nachdem er jahrelang Zirkusdirektor werden wollte, konnte er bei den Belluccis endlich echtes Zirkusleben kennenlernen. Außerdem durfte er ein Löwenbaby streicheln - und am letzten Abend fuhr ihn die Feuerwehr nach Hause. Mit dem großen Spritzenwagen.

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