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aus Heft 23/2013 Gesellschaft/Leben

Schöne Vorstellung

Seite 3: Der Zirkus braucht die Krisen, die Krisenopfer brauchen den Zirkus

Moritz Baumstieger  Fotos: Daniel Etter


Pipelone, der eigentlich Felipe Puentes heißt, schiebt sich nach seiner Nummer ein wenig Popcorn in den Mund. Dabei gibt sich der 27-Jährige mit dem blondierten Irokesenschnitt so philosophisch, wie es vielleicht nur Narren können, ohne dabei albern zu wirken. Es sei gut, dass sie hier sind, sagt er. »Das Zirkuszelt ist vielleicht der demokratischste Ort der Welt.« Jeden Abend ließen sie den Traum wahr werden, den John Lennon im Song Imagine beschrieben hat: »Keine Kriege, Klassen, Nationen, Religionen. Bei uns sitzen einfach nur Menschen zusammen. Um gemeinsam zu lachen und zu staunen.«

So kann man es natürlich auch sehen: Der Zirkus braucht die Krisen, die Krisenopfer brauchen den Zirkus. Die Krise in Syrien im Frühjahr 2011 wurde jedoch selbst den Belluccis zu heftig: Als ein Zirkuswagen auf dem Weg zum Hafen kurz hielt, standen einem ihrer Artisten plötzlich drei maskierte Islamisten gegenüber. Sie drückten ihm eine Kalaschnikow an die Stirn, riefen immer wieder: »Welche Nationalität, welche Nationalität?«, bis sie in der Dunkelheit verschwanden.

Im Hafen angekommen stellten die Belluccis fest, dass die Reederei die Verbindung nach Italien wegen des Konflikts eingestellt hatte. Roberto hatte eine neue Idee, er wollte nun in den Irak, ganz getreu seiner Maxime: Krisenländer sind gute Länder für uns. Der Sohn und der Vater diskutierten lange. Christian sagte, er komme nur mit, wenn er hinter der Wagenkolonne mit einem Panzer herfahren könne. Roberto verwarf den Plan. Den beiden blieb nichts anderes, als in das Krisenland heimzukehren, das ihre Heimat ist: Italien.

Der Seniorchef schrieb einen flehenden Brief an Außenminister Franco Frattini. Der bot an, die Artisten auszufliegen. Die Belluccis lehnten ab. Ihre Tiger, Pferde, Ponys, ihre Kamele, Zebras und den einsamen Elefanten in Syrien sich selbst zu überlassen – das hätte den Verlust jeglicher Zirkusehre bedeutet. Bellucci senior setzte einen dramatischen Appell ab, die italienischen Medien berichteten nun von dem Zirkus im Bürgerkrieg. Minister Frattini knickte ein, Ende Mai 2011 wurde der Zirkus mit einem Schiff evakuiert, für 70 000 Euro auf Staatskosten ging es nach Hause. Vorerst.

Pause, Auftritt Bondoa. Für vierzig ägyptische Pfund – etwas mehr als vier Euro, den Tageslohn eines Landarbeiters – kann man sich mit dem Löwenbaby fotografieren lassen. In Europa käme man sofort in den Knast, sagt Bellucci, wenn man Menschen in die Nähe von Raubtieren ließe, die nur mit einer Leine gesichert sind. Aber er ist auf den Italo-Ägypter angewiesen, der sein Geschäft mit den Fotos macht. Er hilft dem Direktor auch mit der Organisation. Und Hilfe braucht der viel.

In Ägypten gibt es fünf Millionen Beamte, rund zwanzig Prozent der Arbeitnehmer. Ihre Gehälter sind lächerlich niedrig. Dass sie deshalb jede Gelegenheit nutzen, ihren Lohn aufzubessern, hat Bellucci in den letzten zwei Jahren erfahren. Manche Beamten wollen 25 Prozent der Einnahmen, wenn sie eine Genehmigung ausstellen. Andere erfinden immer neue Vorschriften, zum Beispiel die Pflicht, ein Feuerwehrauto zu mieten. Das tut Bellucci jetzt. Der Löschzug, der abends vor dem Zelt steht, hat aber nicht mal eine Pumpe dabei.

Selbst schuld, könnte man meinen. Wäre der Zirkus doch in Italien geblieben, die Leute dort könnten ja auch Ablenkung gebrauchen angesichts der politischen und wirtschaftlichen Dauerkrise. Doch das Geschäftsmodell des Zirkus funktioniert dort nicht mehr, schon wegen der Fixkosten. In Syrien kostete der Liter Diesel zehn Cent, in Italien das 16-fache. Nach der Schiffspassage blieben einige ihrer Tiere wochenlang in Quarantäne, der Zirkus war einer Hauptattraktion beraubt. Nach zwei Monaten in der Heimat, in denen sie nur Verluste machten, fiel dem Junior ein, was der Vater an der Reling gesagt hatte, als das Schiff auf dem Heimweg Zwischenhalt im ägyptischen Alexandria machte. »So eine große Stadt, so ein großes Land. Und komplett unberührt.«

Also beschlossen die Belluccis, es in einem Land zu versuchen, in dem die Revolution nicht gerade erst beginnt, sondern schon am Laufen ist. Die Tiere blieben daheim in einem kleinen Safaripark, das Equipment wurde in Container gepackt. Alexandria erreichten sie am 16. August 2011, mussten dann zwei Monate auf dem Hafengelände campieren, bis alle Genehmigungen da waren und sie 200 000 Dollar Kaution beim ägyptischen Zoll hinterlegen durften. Dass sie die jemals wiedersehen werden, ist unwahrscheinlich.

Nach zwei Jahren Tournee durch Ägypten ist der Name Bellucci dort ein Markenbegriff. Keine schlechte Werbung war das Gastspiel an dem Platz, der auf der Marschroute der Demonstranten lag, die vor einem Jahr gegen die Militärherrschaft protestierten. Zwar blieben die Vorstellungen damals leer, aber tagelang zogen Zehntausende Menschen an dem Zelt vorbei und guckten neugierig.

Christian Belluccis Traum ist es, den Familienzirkus wieder so groß zu machen, wie er einmal war. Weil das alte Modell nicht mehr funktionierte, dachte er sich ein neues aus. Sein Zirkus, der vor drei Jahren notgedrungen die Heimat verließ, soll jetzt ein Unternehmen werden, das die Globalisierung auf seine Weise nutzt. Das dorthin geht, wo noch nicht jeder ein Smartphone besitzt, auf dem er amerikanische Serien aus dem Internet guckt, wenn gerade nichts im Fernsehen läuft. Dorthin, wo Artisten, Clowns und Tiere noch Sensationen sind. Inzwischen fragen andere italienische Zirkus-Unternehmen bei Bellucci nach, wie er das denn alles so macht. Ob es nicht auch noch für sie ein wenig Platz gebe, da in der Dritten Welt.

Der »Globe of Death« wird in die Manege gerollt, eine Kugel aus Eisengittern von vier Metern Durchmesser. Gleich werden sich fünf Motorradfahrer darin einsperren lassen und im Kreis rasen, bis die Fliehkraft stärker ist als die Schwerkraft. Die Motoren heulen auf. Das Publikum jubelt und wird gleich darauf ganz still, als der erste Fahrer zum Looping ansetzt. Das große Finale.

Christian Bellucci legt sein Handy neben das Mischpult. Als Bildschirmschoner leuchtet die Zeichnung eines Zirkuszeltes, Grün-Weiß-Rot. Mit dem neuen Zelt will er immer dann in Asien gastieren, wenn die ägyptischen Arbeiter mit Umzug und Aufbau beschäftigt sind. Auch dort gibt es viele Menschen, die von Kriegen und Umbrüchen gebeutelt nach Unterhaltung gieren. Um die Mentalität kennenzulernen, will Bellucci erst einmal in Malaysia und Indien Erfahrungen sammeln. »Keine Krisenländer. Aber Neuland.«

Etwas Besseres als den Tod findest du überall, sagte der Esel, bevor er ins Ungewisse zog.

»When you fall, get up, oh oh«, singt Shakira, als Direttore Bellucci die Regler für die Schlussmusik nach oben reißt.
»Waka, waka, hey – this time for Africa.«
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Bei seiner Recherche in Ägypten konnte sich Moritz Baumstieger gleich drei Kindheitsträume erfüllen: Nachdem er jahrelang Zirkusdirektor werden wollte, konnte er bei den Belluccis endlich echtes Zirkusleben kennenlernen. Außerdem durfte er ein Löwenbaby streicheln - und am letzten Abend fuhr ihn die Feuerwehr nach Hause. Mit dem großen Spritzenwagen.

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