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aus Heft 49/2007 Gesellschaft/Leben

Einer von uns

Bastian Obermayer (Text); Marek Vogel (Fotos) 

Lieber SZ-Leser, laut Marktforschung sind Sie 48 Jahre alt, höhergebildet, haben rund 3000 Euro netto monatlich zur Verfügung und stehen mitten im Leben. Schön für Sie. Jetzt zeigen wir Ihnen jemanden, bei dem es früher genauso war: Dies ist die Geschichte eines hoch qualifizierten Managers, der seit fünf Jahren arbeitslos ist und als Hartz-IV-Empfänger von 347 Euro im Monat leben muss.

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An einem Dezembertag 2006 zieht Markus von Stetten* die Notbremse in seinem Leben. Er überwindet seinen Stolz und geht, 54 Jahre, fast zwei Meter groß, im guten grauen Anzug ins Neuperlacher Sozialbürgerhaus. Dort steht er, Diplom-Ingenieur, Diplom-Wirtschaftsingenieur, Unternehmensberater und Rhetorik-Trainer, Existenzgründerberater und gelegentlich Dozent einer Wirtschaftsschule, etwas verloren im Flur herum, bis ihn eine schwarzhaarige, kleinere Dame fröhlich fragt, wie sie ihm helfen könne. Von Stetten druckst herum. »Ich glaube, ich habe irgendwas von Hartz IV genuschelt, ich habe mich geschämt«, sagt er. Zu diesem Zeitpunkt ist er seit vier Jahren arbeitslos. Auf dem Papier gilt er als selbstständiger Berater und Trainer, aber niemand will sich von ihm beraten oder trainieren lassen. Sein erspartes Geld versickert jahrelang in Wohnung, Auto, Essen, Versicherungen.

Die Dame drückt ihm einen Stapel Formulare in die Hand, überschrieben mit »Antrag auf Sicherung des Lebensunterhalts«, darunter steht: »Arbeitslosengeld II / Sozialgeld«. Dann verschwindet sie mit seinem Ausweis im Kopierraum. Hat sie gezuckt, weil jemand mit einem »von« im Namen Hartz IV braucht? Markus von Stetten weiß es nicht mehr. Beim Ausfüllen muss sich der Durchschlag unter seinen schweren Fingern verschoben haben, Name, Adresse, Bankverbindung stehen auf anstatt über den Linien, Kreuze markieren falsche Kästchen. »Ich wollte nicht nach einem neuen Formular fragen. War ja nur mein Durchschlag«, sagt er. Die Dame stempelt den Antrag, etwas schräg landet der 15.12.06 auf dem Papier, sie kritzelt ihr Zeichen daneben und schickt von Stetten mit seinem Ausweis und dem Durchschlag nach Hause.
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Markus von Stettens ins Schleudern geratenes Leben kommt zum Stehen. Dafür übernimmt nun Hartz IV die Kontrolle. Von Stetten bekommt die Miete bezahlt und jeden Monat 347 Euro zum Leben. Er hat noch: 1239,90 Euro auf drei Konten und 92,91 Euro auf seinem Sparbuch. Außerdem einen guten Anzug, viele Bücher, einen Laptop, der wegen eines Virus nicht mehr internetfähig ist, einen alten Audi und seine 60 Quadratmeter große und 673,91 Euro teure Wohnung in einem farbigen Betonklotz, der von farbigen Betonklötzen umgeben ist, die am Rande der Stadt stehen. »Aber aus meiner Wohnung muss ich raus, die ist ›unangemessen teuer‹ für einen Hartz-IV-Empfänger. So wurde mir das mitgeteilt«, sagt er.

Strumpfsockig sitzt Markus von Stetten vor dem gläsernen Couchtisch seiner Wohnung, in die er eigentlich niemanden mehr lässt, weil ihm mit dem Job irgendwie auch der Sinn für Ordnung abhanden gekommen ist, und schlägt einen Ordner auf. Sorgfältig heftet er den Antrag auf Arbeitslosengeld II aus, sein Dokument gewordenes Scheitern, und legt ihn vor sich auf die Tischplatte.

*Name von der Redaktion geändert
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