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aus Heft 29/2013 Gesellschaft/Leben 28 Kommentare

Im Reich des Todes

Die ganze Welt schaut nach Kairo - zugleich foltern Beduinen auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel Tausende afrikanische Migranten, um Lösegeld zu erpressen. Und gleich nebenan machen ahnungslose deutsche Touristen Urlaub. Unterwegs durch eine Region, in der kriminelle Gewalt, Tourismus und Weltpolitik nahe beieinanderliegen.

Von Michael Obert  Fotos: Moises Saman



Seine Handgelenke sind seltsam nach innen gekrümmt, die Ärmel seines weißen Wollpullis viel zu lang. Erst als Selomon sich auf den Tisch aufstützt, tauchen die schmutzigen Verbände um seine Hände auf. Mit den Zähnen wickelt er den linken ab, zum Vorschein kommt eine Klaue. Der Großteil seiner Handfläche ist weggerissen. Nur der Daumen und ein halber Zeigefinger sind noch übrig, eine Zange aus Knochen und Haut. »Sie haben mich an Eisenketten an der Decke aufgehängt«, sagt Selomon leise. »Vier Tage lang, an einem Haken wie ein geschlachtetes Tier.«

Wir sitzen in einem kleinen Café am Levinsky-Park, einem verwahrlosten Grünstreifen im Süden von Tel Aviv. Die Szenen vor dem Fenster lassen kaum vermuten, dass wir uns in der israelischen Stadt am Mittelmeer befinden. Die Hautfarbe der meisten Passanten ist schwarz. Die Schriftzüge an den Scheiben der Friseursalons und Restaurants sind nicht in Hebräisch, sondern in der ostafrikanischen Sprache Tigrinya verfasst. Viele Geschäfte hier werden von Eritreern geführt. Ha’ir Hakvusha – »besetzte Stadt« – nennen die Tel Aviver diese Gegend, in der überwiegend afrikanische Einwanderer leben.

»Ich wollte nie nach Israel«, sagt Selomon und legt seinen Handstummel auf den Tisch. »Nicht einmal wenn sie mir einen Privatjet geschickt hätten.« Im Dezember 2011 floh der 28-jährige Informatiker vor der Diktatur in seinem Heimatland Eritrea in den benachbarten Sudan. »Mit meiner Ausbildung hätte ich in Angola, Uganda oder Südafrika gelebt wie ein König.« Doch dann wird er im Ostsudan von lokalen Räuberbanden gekidnappt, die ihn an ein international operierendes Netzwerk von Menschenhändlern verkaufen. Diese verschleppen Selomon über die Grenze nach Ägypten und weiter auf die Sinai-Halbinsel – in ein Foltercamp der hier lebenden Beduinen, arabische Viehzüchter mit nomadischen Wurzeln. »Das sind keine Menschen«, sagt Selomon; sein verstümmelter Zeigefinger zittert. »Das sind blutrünstige Bestien.«

Im Schatten der Schlagzeilen über den Putsch in Kairo, bei dem das Militär kürzlich Ägyptens Präsident Mohammed Mursi stürzte, halten Beduinen in der Wüste des Sinai afrikanische Migranten als Geiseln gefangen. Tausende wurden in den vergangenen Jahren gefoltert. Die ägyptische Halbinsel am Roten Meer, beliebtes Ferienparadies der Deutschen, grenzt im Westen an den Suez-Kanal und im Osten an Israel und den Gaza-Streifen. Rund 300 000 Beduinen bewohnen das dünn besiedelte Wüstengebiet; einzelne Gruppen haben sich auf den Menschenhandel spezialisiert.

Die Migranten kommen vor allem aus Eritrea, aber auch aus dem Sudan, aus Äthiopien und Somalia. Ihre Kidnapper schlagen sie mit Stöcken, Ketten und Eisenstangen, bis sie ihnen die Telefonnummern ihrer Familien verraten. Sobald die Verbindung steht, beginnt die Folter. Die Kidnapper drücken ihren Opfern Zigaretten in den Gesichtern aus, brandmarken sie mit glühendem Metall, überschütten sie mit kochendem Wasser. Sie umwickeln ihre Finger mit Kabeln und drücken sie in die Steckdose, bis das Fleisch schwarz wird, oder sie gießen ihnen Diesel über den Kopf und zünden sie an, während die Angehörigen der Gefolterten daheim ihre Schreie über Handy mit anhören müssen.

»30 000 Dollar«, sagt Selomon und starrt ins Leere. »30 000 Dollar wollten sie von meiner Schwester in Eritrea haben.« Gelinge es den Kidnappern mit ihren Foltermethoden nicht, das Lösegeld zu erpressen, dann töteten sie ihre Geiseln. »Oder sie schneiden dir Nieren, Leber, Herz und Augen heraus und verkaufen sie an Organhändler.«

Von den rund 60 000 afrikanischen Migranten, die es nach Schätzungen der Tel Aviver Organisation Ärzte für Menschenrechte in den vergangenen Jahren illegal über die ägyptische Grenze nach Israel geschafft haben, sind bis zu 7000 in den Folterkammern der Beduinen misshandelt worden. Mehr als 4000 haben die Torturen nicht überlebt; ihre Leichen verrotten in der Wüste. Rund tausend Menschen sollen sich derzeit in den Fängen der Kidnapper befinden.

Auf der Sinai-Halbinsel ist die ägyptische Militärpräsenz seit dem Camp-David-Friedensabkommen mit Israel von 1978 erheblich eingeschränkt. Die UN-Blauhelmsoldaten, die den Frieden in der strategisch wichtigen Wüstenregion überwachen sollen, halten sich vor allem an ihren Stützpunkten auf. Das so entstandene Machtvakuum haben die Beduinenstämme in den vergangenen Jahrzehnten genutzt, um Milizen zu gründen und eigene Machtstrukturen zu etablieren.

Besonders seit dem Sturz von Hosni Mubarak im Februar 2011 hat sich der Sinai, der fast so groß wie Bayern ist, zu einem Territorium ohne Recht und Gesetz entwickelt. Während Urlauber im Süden der Halbinsel an Hotelstränden in der Sonne baden, versetzen bewaffnete kriminelle Banden und militante Islamisten den Norden in Angst und Schrecken. Sie verüben Bombenanschläge auf Gasleitungen und feuern mit Maschinengewehren und Raketen auf Polizeistationen und Checkpoints. Immer wieder gibt es Tote und Verletzte. Experten fürchten, auf dem Sinai könnte eine neue Operationsbasis für das Terrornetzwerk al-Qaida entstehen. Direkt an der Grenze zu Israel.

In diesem Chaos, das nach dem Putsch in Kairo noch zugenommen hat, gehen die Kidnapper und Folterer, die laut den Vereinten Nationen einem der weltweit grausamsten Netzwerke des Menschenhandels angehören, unbehelligt ihren blutigen Geschäften nach. »Wenn ihr in den Sinai fahrt, werden sie euch abknallen«, sagt Selomon; dann streckt er uns seinen Handstummel hin. Zwischen Zeigefinger und Daumen klemmt ein kleiner Zettel. »Meine Schwester hat sie aufgehoben, vielleicht funktioniert sie noch.« Es ist die Telefonnummer seines Foltercamps.

Die Spur der Menschenhändler führt nach Al-Arish, in die Hauptstadt der ägyptischen Provinz Nordsinai. Vier Autostunden nordöstlich von Kairo und keine siebzig Kilometer von der Grenze zum Gaza-Streifen und zu Israel entfernt drängen sich Tausende unverputzter Backsteinhäuser in der Wüste. Hinter einem langen Strand am türkisfarbenen Mittelmeer steht die ägyptische Staatsmacht fast täglich unter Beschuss. Die Fassade der Polizeistation ist von Kugeln durchsiebt. Militante Islamisten haben sie aus vorbeifahrenden Geländewagen mit Schnellfeuergewehren angegriffen. In Stellungen aus Sandsäcken und Stacheldraht verschanzt sollen Soldaten hinter aufgebockten Maschinengewehren die Polizisten beschützen, die an den zahlreichen Checkpoints der Stadt rund um die Uhr Straßenkontrollen vornehmen.

Seit dem Putsch in Kairo hat sich die ohnehin brisante Sicherheitslage noch verschärft: Islamisten griffen den Flughafen von Al-Arish an, feuerten in simultanen Attacken mit schweren Waffen auf Militär- und Regierungseinrichtungen in der Stadt und stürmten den Sitz des Gouverneurs, um ihre schwarze Fahne zu hissen.
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Kommentare

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Kommentar:

  • Susanne Arnold (0) @Rael Wissdorf
    Vielen Dank für Ihren klugen Kommentar und für den Hinweis auf Avaaz.
    @Matthias Langhans
    Danke für den Start der Petition
  • Rael Wissdorf (0) Vielen Dank für diesen Artikel. Und ich verlange auch keine "Lösungsansätze" von Ihnen, denn das ist nicht die Aufgabe des investigativen Journalismus. Es geht auch nicht darum, zu hinterfragen, warum dieser Artikel geschrieben wurde - ob zur Auflagensteigerung oder sonstwas. All solche Anwürfe sind beschämend angesichts der Tatsachen, die hier geschildert werden. Ich selbst habe über diese Zusammenhänge bislang wenig gewusst, und ich bin durchaus ein Mensch, der sich tagtäglich mit allen denkbaren humanistischen Fragen und News auseinandersetzt, und der sich breitgefächert informiert. Ich bin allerdings auch in der Lage, selbst zu recherchieren. Die Petition von Avaaz übrigens, die hier mit 700 Unterschriften begann, nähert sich bereits der halben Million, und es werden jede Sekunde mehr. Das haben Sie mit diesem Artikel bewirkt.

    Es geht jetzt nicht darum mit dem Finger auf alle weiteren Missstände zu zeigen, die uns allen hier wohl bewusst sein dürften. Von den Auswüchsen der Sharia in islamisch regierten Ländern bis hin zum Genozid in Syrien, von den Tiermassakern in Sotchi bis hin zur Erziehungskrise in den USA kann man sich endlos im Kreise drehen und bei dem vielen Unrecht den Mund nicht mehr zubekommen, so empört ist man über alles, was man da sieht. Nein, ein Unrecht wird nicht verringert, indem wir ein anderes prioritativ verkleinern. Hier geht es um die Menschen in den Foltercamps - und nur hier werde ich persönlich jetzt auch aktiv, zunächst mal indem ich die Petition von Avaaz gezeichnet habe. Desweiteren habe ich alle Freunde bei Facebook mobilisiert, sowie alle Kontakte meines Outlookordners informiert. Und ich werde dieses Thema weiter verfolgen. Das sollten auch alle anderen hier tun, anstatt sich in Nebenschauplätzen übers "Gutmenschentum" zu echauffieren. Nicht unsere Einstellung steht hier zur Debatte. Sondern das Elend der Opfer. Nur darum sollten wir uns jetzt kümmern.
  • Lewamm Gm (0) Mir als deutsche mit eritreischem Migrationshintergrund ist das Problem und die Grausamkeiten auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel schon länger bekannt. Ich hatte auch schon mehrfach Kontakt mit Flüchtlingen, die mir aus eigener Erfahrung von den Folterungen erzählt haben. Was tun? Ich habe vor ein paar Jahren die Facebook Seite "wake up Eritrea" gegründet um auf die Probleme aufmerksam zu machen. Auf dieser Seite werden Artikel veröffentlicht, über anstehende Demonstrationen aufmerksam gemacht. Meiner Meinung nach Bedarf es mehr öffentlicherAufmerksamkeit dieses problem betreffend damit mehr Leute gemeinsam aktiv werden können und sich die Situation auch in den Heimatländern der Flüchtlinge ändert, dami diese nicht gzwungen sind trotzde Risikos Sinai zu flüchten. Ich finde es sehr gut von der SZ das sie dies tun!!! Danke dafür. Leser, die mehr über dieses Thema erfahren wollen, sind eingeladen sich auf Wake Up Eritrea, United for Eritrea zu informieren und mit den Administratoren in Verbindung zu setzen.
  • Brigitte Meinke (0) Der Artikel hat mich sehr bewegt, schockiert und auch wütend gemacht. Es ist immer wieder wichtig, dass Journalisten über Opfer und Täter von Verbrechen berichten, informieren und Hintergründe aufzeigen, damit derartiges auch einer breiten Öffentlichkeit zu Bewusstsein kommt und nicht in Vergessenheit gerät. Wir würden gerne für Hilfsorganisationen spenden, die sich gezielt für diese Flüchtlinge einsetzen. Könnten Sie mir mitteilen, an wen ich mich wenden kann?
  • Markus Döring-köhler (1) Leider gibt es mehr böse Menchen wie gute Menschen auf der Welt. Und wer glaubt, daß Aufklärung oder Bildung ein Garant für eine positive Entwicklung ist, der irrt, denn Gier frißt Hirn und Macht frißt Hirn, leider. Schon im Lawence von Arabien erschießt ein Beduine einen arabischen Reiter an Brunnen in der Wüste wegen eines Schluckes Wasser. Daher ist der Berufswusch "Geiselnehmer" des Jugendlichen erschütternd und lässt keinen Vernunftgewinn trotz Internet erkennen.
  • Georg Schmidt (0) oder so???

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/ts...
  • Georg Schmidt (0) in Saudi Arabien wird eine Kinderschwester geköpft, man hat dem unerfahrenen Mädchen ein Kleinkind anvertraut, dass durch ??? gestorben ist, ich sags nochmal, 10.000nde Frauen und Mädchen werden versklavt und ausgebeutet-hör ich einen Aufschrei-warum werden nur Leute aus Afrika bedauert-geht mir irgendwie nicht ein!
  • Heaven Tewelde (0) Wir laden alle, die regelmäßig über die Situation afrikanischer Flüchtlinge im Sinai informiert werden möchten in unsere facebook-Gruppe "LET MY PEOPLE GO - Freiheit für afrikanische Flüchtlinge in Ägypten" ein: https://www.facebook.com/groups/44382731...

    Wir sind eine Gruppe von Eritreerinnen, die die Folterungen nicht mehr hinnehmen konnte/wollte. Unser Ziel ist es über aktuelle Entwicklungen zu informieren und auf Publikation zu diesem Thema zu verweisen. Darüber hinaus machen wir auf Aktionen gegen die massiven Menschenrechtsverletzungen in Ägypten z.B. in Form von Demos oder Petitionen aufmerksam.

    @ Matthias Langhans: Ich lade Sie herzlich ein, unserer Gruppe beizutreten und uns über den Ausgang Ihrer Petition zu informieren. Im Namen aller Betroffenen danke ich Ihnen von Herzen für Ihre Bemühungen.

    @Markus Klopfer: Auch Ihnen herzlichen Dank für Ihren Beitrag! Ich habe mir erlaubt in unserer facebook-Gruppe auf die Arbeit von ASSAF hinzuweisen.

    @Redaktion: Danke auch Herrn Olbert für den ausführlichen Bericht- auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was Sie schreiben.
    Auch ich hoffe, dass die darin enthaltenen "Enthüllungen" so viel öffentliche Aufmerksamkeit bringen, dass sich zumindest "die Politik" bewegen muss.

    Herzlichen Gruß
    Heaven Tewelde
  • Lisa Bender (0) Fragt sich eigentlich sonst niemand was mit der Frau am Ende des Artikels passiert ist!? Hier im Internet finde ich den Zusatz nicht, aber im Heft stand noch das die Reporter versuchen eine Handtransplantation für einen der Überlebenden zu ermöglichen (was ich toll finde). Jedoch kein Wort darüber wie es nach dem Anruf weiter ging. Haben die Entführer noch mal versucht Kontakt aufzunehmen? Wurde versucht das Lösegeld bereitzustellen? Oder hat man die Situation einfach so hingenommen, als abschließenden Teil der Berichterstattung?
    Wie schon in anderen Kommentaren gesagt wurde, wo sind die Lösungsansätze? Adressen und Informationen wie man helfen und aktiv werden kann.
    Ein Dank an alle die bereits solche Möglichkeiten in ihren Kommentaren bereitgestellt haben!
  • Georg Schmidt (0) wir sitzen zu hause und schaun uns Bilder an, wo Menschen in Lagern gequält und geschunden werden, und lassen uns das Wurstbrot schmecken, ab und zu schrecken wir auf, wie bei diesem Bericht-aber warum triumphiert das Böse über dem Guten, warum muss man zB einen Massenmörder, nur weil er sich mit Mord und Totschlag an die Spitze eines Volkes gemordert hat, mit seine oder ihre Excellenz ansprechen, nun bin ich kein Philosoph oder gar ein Politiker von Rang , sondern nur ein kleiner Rentner, die Spirale seit Kain seinen Bruder Abel erschlug, dreht sich und dreht sich !
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