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aus Heft 39/2013 Musik

»Wenn man steht, kann man sich nicht so gut auf die Musik konzentrieren«

Seite 2: »Ich will auch immer anders sein als alle anderen«

Thomas Bärnthaler (Interview)  Fotos: Jonas Unger


Der »General Dynamic Chair« aus lackiertem Fiberglas von Julian Mayor ist natürlich kein Klavierstuhl. Für leichte Fingerübungen taugt er aber allemal; über closer-gallery.com


Krummer Rücken, steifer Nacken, sind das so die Berufskrankheiten eines Pianisten?
Nicht nur das: Der kanadische Jazzpianist Oscar Peterson hatte so stark Arthrose, dass er in seinen letzten drei Lebensjahren Konzerte nur noch mit seiner linken Hand spielen konnte. Auch ich muss regelmäßig zum Osteopathen, um an meiner Beweglichkeit zu arbeiten.

Hat das auch mit dem Klavierstuhl zu tun?
Eher mit dem Alter. Ich hatte jahrelang kein Problem damit, 150 Konzerte pro Jahr zu geben. Jetzt fängt es an. Ich kann mir gut vorstellen, dass Pianisten bestimmte Stühle bevorzugen, weil sie Rückenprobleme haben oder Ähnliches. Viele versuchen, mit geradem Rücken zu spielen, was sich natürlich auch wieder auf ihr Spiel überträgt.

Sie besitzen eine Replik des original Glenn-Gould-Stuhls. Was hat der, was andere nicht haben?
Glenn Gould war ein besonderer Mensch. Seine Suche nach dem perfekten Klavierstuhl war zwanghaft. Er hätte einfach herumprobieren können, bis er einen passenden findet, aber er wollte etwas Eigenes, Unverwechselbares. So war seine Persönlichkeit. Sein Vater baute schließlich einen alten gepolsterten Klappstuhl für ihn so um, dass er in der Höhe verstellbar war. Goulds narzisstische Ader ist mir nicht fremd, ich will auch immer anders sein als alle anderen.

Ist das der Grund für den Morgenmantel, in dem Sie auftreten?
Genau, und für Gould war es eben sein Stuhl. Für ihn hatte sein Stuhl eine spirituelle, fast religiöse Dimension. Er benutzte nie einen anderen, weder zu Konzerten noch im Studio. Er spielte auf ihm mehr als 30 Jahre lang und wollte auch keinen neuen, als das Polster komplett hinüber war. Er wollte eben auch hart sitzen, da war er ganz mönchisch, vielleicht sogar ein wenig masochistisch. In den letzten fünf Jahren seines Lebens saß er nur noch auf dem Skelett seines Stuhls, auf den blanken Holzleisten und man fragt sich: Hat ihm sein Arsch nicht wehgetan beim Spielen?

Was macht einen guten Klavierstuhl für Sie aus?
Es gibt fixe und welche zum Verstellen. Als ich Klavierspielen lernte, waren die Stühle noch fix. Ich hatte einen einfachen Holzblock ohne Polster, den man aufklappen konnte, um die Noten darin zu verstauen. Dann kamen die neuen mit Lederpolstern und Höhenverstellung. Es gibt Stühle und Bänke. Bei Auftritten benutze ich Bänke, weil ich gerne mit Leuten aus dem Publikum spiele. Es muss also noch jemand neben mir sitzen können.

Wie wichtig ist Stabilität?
Nicht zu unterschätzen. Einmal gab ich in einer Londoner Werbeagentur ein Konzert; als ich mein letztes Stück anspielte, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Der Stuhl begann zu schwanken, war aber noch so stabil, dass ich mir ausrechnen konnte, wann er zusammenbricht. Ich konnte den Zeitpunkt praktisch mit meinem Hintern fühlen. Also hielt ich ihn mit meinem Gewicht in Balance, bis das Stück vorbei war, um dann mit dem letzten Akkord aufzuspringen, damit er zusammenkracht. Und genau das ist passiert.

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Chilly Gonzales legte Thomas Bärnthaler nach dem Interview noch Restoration Ruin von Keith Jarrett ans Herz, ein relativ unbekanntes Folkalbum des Jazzpianisten aus dem Jahre 1968, auf dem dieser alle Instrumente spielt und singe »wie Bob Dylan«. Erste Kontrolle ergab: nicht wie Dylan, eher wie ein Klaviervirtuose, der auf dem falschen Stuhl sitzt.

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