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aus Heft 39/2013 Musik

»Wenn man steht, kann man sich nicht so gut auf die Musik konzentrieren«

Seite 3: »Richard Wagner und Michael Jackson: In meiner Welt sind beide gleich wichtig.«

Thomas Bärnthaler (Interview)  Fotos: Jonas Unger


Jahrelang trat Chilly Gonzales nur im Morgenmantel auf, in letzter Zeit aber auch gern mal im Anzug.

Die Nummer mit dem kollabierenden Klavierstuhl haben Sie doch schon öfter gebracht.
Das ist wahr. Die Idee wurde aber in London geboren. So was kann man sich nicht ausdenken. Danach habe ich mir eine Klavierbank bauen lassen mit einer Vorrichtung, die sie auf Knopfdruck zusammenfallen lässt. Ein guter Entertainer nutzt solch spontane Ereignisse, um sie später nachzubilden. Im besten Fall kommt es wieder so rüber, als wäre alles Zufall.

Wie lange sitzen Sie am Klavier, um zu üben?
Wenn ich keine Auftritte habe, übe ich etwa eine Dreiviertelstunde Technik am Tag. Vor Auftritten mehr. Das ist der Luxus, wenn man selbst komponiert: Man kann es locker angehen und trotzdem überzeugend sein. Woody Allen schreibt seine Filme für sich selbst, deshalb ist er in diesen auch die perfekte Besetzung. Das sähe in einem Shakespeare-Stück schon ganz anders aus. Ich bin kein Virtuose, aber man denkt, ich wäre einer, weil meine Stücke perfekt auf meine Fähigkeiten und Technik zugeschnitten sind. Geben Sie mir ein Stück von Liszt, und ich werde verzweifeln an seiner Kunst.

Hatten Sie nie den Ehrgeiz ein ganz seriöser, klassischer Pianist zu werden?
Die Idee von Ernsthaftigkeit, wie es sie im Klassikbetrieb gibt, ist nicht meine Welt. Sie wird auch viel zu leicht akzeptiert. Mir macht es keine Mühe, das Publikum einzubeziehen, reinzuholen. Viele ernsthafte Musiker denken, sie müssten sich diese Mühe nicht mehr machen. Das ist mir unsympathisch. Diese Aura der Ernsthaftigkeit hemmt auch das Publikum. Darf ich hier klatschen? Muss ich jetzt aufstehen? Eigentlich bin ich gelangweilt, aber wahrscheinlich verstehe ich’s einfach nicht. Gegen all das trete ich an.

Der klassische Pianist würde einwenden: Es geht nicht um Show, es geht um Konzentration.
Für mich geht es bei Musik um Kommunikation. Der klassische E-Musiker ist immer eifersüchtig auf die Popmusiker, weil sie ein echtes Publikum haben. Sie blicken herab auf die Popmusik. Aber sie könnten das gleiche Publikum haben, wenn sie etwas mehr investieren würden in Kommunikation. Diese Arroganz hat mich immer abgestoßen, da hört Musik zu leben auf. Ich liebe die Popmusik, damit bin ich groß geworden. Während mir mein Großvater Richard Wagner eingetrichert hat, habe ich Michael Jackson auf MTV gesehen. Ich möchte Musik meiner Zeit machen, in meiner Zeit leben, dazu muss ich die Popmusik reinlassen und sie weitertreiben. Richard Wagner und Michael Jackson: In meiner Welt sind beide gleich wichtig.

Fällt Ihnen das Komponieren leicht oder schwer?
Weder noch. Ich komponiere fast jeden Tag. Wenn man das mit zu viel Brimborium auflädt, wird es kompliziert, weil man nicht mehr unterscheiden kann zwischen seiner persönlichen Befangenheit und der tatsächlichen Qualität. Am Ende muss das Publikum entscheiden, was funktioniert und was nicht. Ich will das nicht selbst entscheiden.

Halten Sie immer noch den Guinness-Weltrekord im Dauer-Pianospielen?
Sie meinen das 27-Stunden-Konzert? Nein, der Rekord wurde ein paar Jahre später gebrochen von einem jungen Franzosen, der doppelt so lange spielte.

Wie hält man das durch? Tut einem da, mit Verlaub, nicht der Arsch weh?
Meine Ärzte rieten mir damals, mindestes sechs verschiedene Stühle mitzubringen und sie alle paar Stunden durchzuwechseln: Ich spielte auf Bürostühlen, Gesundheitsstühlen, Klavierstühlen und anderen. So verharrt man nicht ständig in einer Sitzposition, bewegt nicht immer die gleichen Muskeln.

Was schätzen Sie, wie viel Zeit im Leben haben Sie auf Klavierstühlen verbracht?
Man sagt ja, um ein Meister in etwas zu werden, muss man mindestens 10 000 Stunden geübt haben. Ich würde sagen, gefühlt ein Viertel meines Lebens. Aber wenn man’s mal durchrechnet: Mit Konzerten müssten es so an die 5000 Stunden sein. Allein als Teenager habe ich vier oder fünf Stunden am Tag geübt, jahrelang. Ich konnte einfach nicht aufhören.

Haben Sie nie gedacht, ich verpasse da draußen vielleicht was?
Es war eine schöne Flucht für mich.

Warum Flucht?
Flucht vor dem normalen Leben. Als andere ausgingen, Mädchen kennenlernten, bin ich am liebsten am Klavier gehockt. Vielleicht hatte ich einfach Angst. Das Klavier hat einfach immer gewonnen.

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Chilly Gonzales legte Thomas Bärnthaler nach dem Interview noch Restoration Ruin von Keith Jarrett ans Herz, ein relativ unbekanntes Folkalbum des Jazzpianisten aus dem Jahre 1968, auf dem dieser alle Instrumente spielt und singe »wie Bob Dylan«. Erste Kontrolle ergab: nicht wie Dylan, eher wie ein Klaviervirtuose, der auf dem falschen Stuhl sitzt.

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